Peking: Kunstdistrikt 798 / Dashanzi

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Ab der Subwaystation Dongzhimen nehme ich den Bus 909 Richtung Nordosten. Es dauert eine halbe Stunde, bis die gelbe Laufschrift verkündete: Dashanzi Lukou Nan. Gleich hinter der Bushaltestelle sehe ich den Eingang zum Kunstdistrikt.
Die großen Zahlen 798 führen mich in den Bezirk der Galerien, Boutiquen, Cafés und Events. 798 war die Nummer einer Fabrik der Rüstungsindustrie. Heute gehören viele ehemalige Industriegebäude zum Kunstdistrikt, aber es war das Gebäude 798, in dem 1997 die Nutzung durch die Kunst begann und die dem Bezirk den Namen gab.

China-0229Mit dem Betreten des Areals beginnt eine andere Welt. Junge Leute flanieren über das Gelände, sehen und werden gesehen. Sie pflegen diesen Habitus zwischen künstlerisch cool und jugendlich naiv. Es ist angesagt, Teil dieser Szene, dieser Kunstszene zu sein.

Der Industriekomplex Dashanzi wurde 1951
durch eine Kooperation zwischen China, der Sowjetunion und der DDR gegründet. Die Architektur wurde dabei maßgeblich von derChina-0263 DDR bestimmt, was einen damals in Deutschland und gerade auch in Ostdeutschland gängigen Baustil zur Folge hatte: den des Bauhauses. Diese Architektur mag dazu beigetragen haben, das sich Ende der 1990er Jahre die Künstler- und Galerienszene für die Räume interessierte und das Gelände zunehmend bevölkerte.

China-0267Auf dem Gelände stehen, liegen und hängen an allen Ecken Kunstwerke. Viele der Arbeiten zitieren Elemente sozialistischer Kunst. Die gestreckte Faust ist ein beliebtes Motiv, wenn sie sich auch vom Körper löst und für sich alleine ein Symbol bildet.
Die ausgestellten Kunstwerke regen dazu an, Gegenständen, die offensichtlich keine
Kunst sind, eine neue Bedeutung China-0252zuzuschreiben, sie als Objekte, als Kunst zu begreifen.China-0236-Bearbeitet

 

 

 

Ich entdecke zunehmend Dinge, deren temporäre Kunsthaftigkeit mich begeistert. Vieles wird Gestaltung, wird Kunst.

Art District Dashanzi, Beijing, China

Ein Ausstellungsraum, den ich betrete, heißt nicht Galerie, sondern Art Peking-0366Space – wahrscheinlich, da die Räume so viel Platz bieten. Sie zeigen die Ausstellung: Dialog ist nur ein Dialog. Sechs Künstler sind beteiligt. Welchen Dialog führen sie? Und wurde den Künstlern nicht gesagt, dass sie hier reichlich Platz zur Verfügung haben? Sie hängten Arbeiten in der Größe von 30 x 40 cm an eine Betonwand, die acht Meter hoch und zehn Meter breit war. Sicher, das war Konzept. Ein Peking-0367Dialog als Lehre der Gegensätze. Oder ein Dialog monochromer Flächen: Acryl im Gespräch mit Wandfarbe und Beton.

Andere Ausstellungen zeigen größere Arbeiten. Ein Raum wird bestimmt durch etwa zehn Meter hohe Betonsteelen, die vom Boden bis zur Decke reichten.

In der Amelie Galerie lese ich im Foyer einen Text der Leiterin Jessica Zhang. Peking_02Auf großen Transparenten in Chinesisch und Englisch wendet sich die Galeristin an junge Kreative. Sie schreibt darin, dass sie viele junge Leute sieht, die sich mit ganzem Herzen der Kunst hingeben. Diese Leidenschaft sei lobenswert, aber es ist viel blinder Optimismus dabei und der naive Glaube, dass der künstlerische Schaffensprozess bequem und romantisch sei.
Nach Kriterien gefragt, die für sie bei der Auswahl der Künstler*innen, mit denen die Galerie arbeitet, maßgeblich sind, schreibt Jessica Zhang: es müssen außergewöhnliche Ideen sein, die auf einem einzigartigen geistigen Fundament beruhen und unermüdlich von einer überwältigenden Neugierde auf die unbekannten Bereiche unserer Seele getrieben sind.

Eine der größeren Galerien ist Pace Beijing. Neben der hiesigen Galerie haben sie Häuser in England, Korea, Hong Kong und Kalifornien. Hier zeigt Pace gerade eine Ausstellung mit Arbeiten von David Hockney, handelt also mit den Superstars.

China-0265Das Ambiente des Kunstbezirks hat etwas von einer Kunstmesse. Die Besucher*innen wandeln von Galerie zu Galerie und sind wie ich darum bemüht, schon am Design der Plakate oder der Architektur eines PekingHauses abzulesen, ob sich ein Besuch lohnen würde. Das Angebot ist so vielfältig, dass man Entscheidungen darüber treffen muss, welche Ausstellung sich vielleicht nicht lohnt bzw. nicht dem eigenen Interesse entspricht.
Es gibt Eingänge, hinter denen sich ganze Passagen mit wieder einzelnen Läden auftun. Diese sind zwar nicht alle bespielt, doch zeigen sich auch dort immer wieder interessante Präsentationen.

Und ich bin nicht der Einzige, der Fotos macht. Eine Gruppe junger Männer scheint ein Fotoprojekt zu machen und diskutiert die Einstellungen, mit denen ein Kunstwerk aufgenommen werden sollte. Paare fotografieren sich gegenseitig vor Objekten oder Bildern.

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Jugendliche lassen sich porträtieren. Eine Zeichnung von einem Künstler aus Dashanzi ist etwas besonderes. Der Straßenkehrer verrichtet davor unbeeindruckt seine Arbeit. An anderer Stelle lassen Besucher*innen einen Scherenschnitt von sich anfertigen.

2015 hat das Goethe Institut eine Dependance auf dem Gelände eröffnet, einen Ort, wie es hieß. Es ist ein interdisziplinärer Kulturort, ein Ort, an dem ein breites Spektrum kultureller Veranstaltungen durchgeführt wird und der der Präsentation deutscher Kultur und dem interkulturellen Austausch dient.
Mit dem Ort im Kunstviertel 798 soll ein Bezug zur deutschen Beteiligung bei der Errichtung des Industrieviertels vor 64 Jahren hergestellt werden.

China-0342Über das Gelände schallt britischer Indie Pop. Als Gastland präsentiert Singapur seine Kunstszene auf einem mit weißem Gestänge abgetrenntem Gelände im Zentrum des Kunstbezirks. Junges Publikum wippt zu Rhythmen der Gruppe Take Two, die nicht nur ihrem Namen nach an Take That erinnern. Sie singen: I’ve seen too many sunsets in the morning.Peking_02
In Boxen wird die Bildende Kunst Singapurs vorgestellt. Kleine, von einer Stehlampe beleuchtete Objekte sind in dunklen Räumen arrangiert. Figuren, die mir nichts sagen und Texte, die ich nicht verstehe. Kinder posieren vor gezeichnetem Interieur, festgehalten von den Smartphones der Eltern.

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Da Porzellangeschirr auf Englisch China heißt, werde ich über dieses Foto groß CHINA schreiben – als Wortspiel. Oder auch nicht. Das Porzellan wird auf der Ladefläche eines Pritschenwagens angeboten. Es ist nichts Besonderes dabei, passt aber für den Gebrauch in den Ateliers.

In einer abgelegenen Gasse sehe ich an die Wand gekleisterte Papierbahnen. Sie sind teilweise überschrieben und durch Regen und andere Witterungseinflüsse beeinträchtigt. Einige Schriftzeichen sind noch zu erkennen. Es handelt es sich um Worte Peking-0421des großen Vorsitzenden Mao Zedong: Die demokratische Diktatur des Volkes braucht die Führung durch die Arbeiterklasse… Die Texte stammen sicher aus der Zeit, als der Komplex noch industriell genutzt wurde.
In einer Galerie dann ähnliche Schriftzeichen auf rotem Grund. Die Papiere sind hier aber gerahmt und werden als Kunstobjekte verstanden.

Peking_02Neben den Galerien gibt es viele weitere Läden auf dem Gelände. Die Tourist*innen werden mit Andenken bedacht, die Intellektuellen mit Büchern, die Ästhet*innen mit Design und die Schickeria mit exklusiver Kleidung. Die Mode wird nicht nur angeboten, sie wird auch gekauft und getragen. Und es gibt die Restaurants, es gibt Cafés und Bars, gibt Imbisse, Eisbuden und Saftstände.China-0321

 

 

 

 

 

Auf dem hinteren Teil des Geländes befinden sich alte China-0336Fabrikanlagen. Die außerhalb der Gebäude sichtbaren Rohre und Leitungen, Türme und Schornsteine bilden ein Labyrinth verschachtelter vertikaler, horizontaler und diagonaler Linien. Die Kunst hat diese Gebilde bisher wenig in Beschlag genommen. Wenn, bilden sie den Background China-0283für eine Videoinstallation oder eine Performance.
In einer Fabrikhalle arbeitet eine Frau an einem Brennofen. Ich kann nicht erkennen, ob sie Dinge für die industrielle Produktion oder für eine künstlerische Arbeit herstellt. Hier ist beides möglich.

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Am Ende des Kunstdistrikts steht der Neubau von VW/Audi R&D Beijing. R&D steht für Research and Development / Forschung und Entwicklung. China ist für den Autohersteller der derzeit wichtigste Markt. Im neuen Gebäude sind Ingenieurbüros, Werkstätten und Labors untergebracht. R&D Beijing schreibt in einer Info: Die Lage im weltweit bekannten Künstlerviertel 798 Art District schafft eine kreative Atmosphäre. Das ist sehr hilfreich für die Mitarbeiter, denn zuPeking-0343 ihrem Arbeitsprogramm gehört das Definieren technischer Ansprüche für neue Produkte, Trendscouting und Design-Input.

Der im Eingangsbereich einer Galerie stehende VW-Bus aus den 1950er Jahren bildet eine Klammer zwischen der Gründungszeit des Industriegeländes , dem Kunstdistrikt und R&D Beijing.

Baum, Zierkirsche, Peking, ChinaDer Bericht zu Peking ist damit abgeschlossen. Ein Besuch der Chinesischen Mauer und die Reise in andere Städte Chinas werde ich später ergänzen.
Im Blog werde ich zunächst von einer Reise in de USA im Mai 2018 berichen.

 

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Peking: Zeitgeistige Architektur

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Mit einer nutzbaren Fläche von 473.000 Quadratmetern ist das CCTV Hauptquartier in Peking das zweitgrößte Bürogebäude der Welt – nach dem Pentagon in Washington. CCTV steht für China Central Television und ist der größte Fernsehsender der Volksrepublik.
Entworfen wurde das spektakuläre, 2009 fertiggestellte Gebäude vom Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture) des Niederländers Rem Koolhaas. Die Bauleitung hatte der deutsche Architekt Ole Scheeren, bis 2010 Partner bei OMA.

Peking-0768-BearbeitetEs ist nicht einfach, zu dem von Weitem sichtbaren Hochhaus zu kommen. Drei Kilometer vom Zentrum entfernt ist es zwar noch fußläufig erreichbar, doch breite Autostraßen erschweren das Vorankommen. Die achtspurigen Straßen sind dicht befahren und nicht eben fußgängerfreundlich. Es ist laut, riecht nach Abgasen und ich muss immer wieder nach einem Übergang suchen. Interessant ist dabeiPeking-0765-Bearbeitet, dass sich auch die Übergänge im Neubaugebiet der stylischen Gestaltung anpassen.
Selbst als ich am CCTV-Gebäude angekommen bin, ist dies nicht wirklich erreichbar. Abgeschottet durch andere Baugrundstücke, Firmengelände oder breit angelegte Bepflanzungen werde ich als interessierter Besucher auf Distanz gehalten. Es gibt eine Zufahrt, an der die Angestellten kontrolliert werden und auf der gegenüber liegenden Seite – nach gefühlt einer weiteren Stunde Fußweg – eine offizielle Zufahrt, an deren Eingang Peking-0747-Bearbeitet-2mir aber deutlich gemacht wird, dass ich noch nicht einmal das Gelände betreten darf. Also bleibt es bei einer distanzierten Außenbetrachtung.
Das Bürogebäude ist neben seiner enormen Peking-0753-BearbeitetNutzfläche  mit 234 Metern das bei seiner Fertigstellung höchste Gebäude der Hauptstadt. Eine allerdings nur für Peking besondere Höhe, denn in anderen chinesischen Städten gibt es einige Gebäude, die die doppelte Höhe haben oder noch höher sind.
Die besondere Statik des Überhangs wurde beim CCTV-Tower durch eine Gitterstruktur ermöglicht, die außen am Gebäude als Gestaltungselement sichtbar blieb. Während des Baus waren bis zu 400 Architekt*innen und 10.000 Arbeiter*innen in drei Wechselschichten Tag und Nacht beschäftigt. Ein Bau der Superlative, der heute als einer der weltweit Bedeutendsten der zeitgenössischen Architektur gilt. Peking-0736-Bearbeitet

Auf dem Weg zurück ins Zentrum komme ich an Türmen vorbei, die sich im Bau befinden. Peking scheint überall im Aufbruch. Die stetig wachsende Bevölkerung braucht Wohn- und Arbeitsstätten. In der Stadt leben bereits über 20 Millionen Menschen, in der Region 60 Millionen. Und das Wachstum hält an. Die Landbevölkerung strebtPeking-0728-Bearbeitet in die Stadt und will am Erfolg und dem daraus resultierenden Reichtum teilhaben. Zwar ist es der einfachen Bevölkerung nicht möglich, den Aufenthaltsort zu wechseln, sie kommen aber ohne Genehmigung als Wanderarbeiter*innen in die Städte. Menschen mit finanziellen Mitteln wird es hingegen ermöglicht, ein Niederlassungsrecht zu erwerben.

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Peking-0316-BearbeitetNachdem ich am Sonntag Hadids Gebäude Wangjing Soho besucht hatte, kam ich an einem Neubaugebiet vorbei. Auch in China gibt es die Fünf-Tage-Woche und am Sonntag standen die Baukrähne still. Auf der Baustelle sah ich Container für die Bauleitung und eine Barackensiedlung als Unterkunft für die Arbeiter. Es war warm und durch die offen Peking-0318-Bearbeitetstehenden Türen der Baracken konnte ich sehen, dass die Arbeiter auf ihren Pritschen lagen und schliefen. Wahrscheinlich waren es Wanderarbeiter, die weit außerhalb der Hauptstadt ihren angemeldeten Wohnsitz hatten und beim Bau Geld verdienten.
Die soziale Stellung der Wanderarbeiter*innen war meistens schwierig. Sie waren nur geduldet, konnten keine Ansprüche geltend machen und mußten sich mit den Bedingungen abfinden, die sie vorfanden. Doch es gab auch immer wieder Berichte darüber, das es einige geschafft haben, sie sich hoch gearbeitet haben, mehr Geld verdienten und es für sie irgendwann vielleicht möglich war, ein Niederlassungsrecht zu kaufen. Diese Hoffnung trieb Millionen von Binnenmigrant*innen in Chinas Städte und machte sie zu billigen Arbeitskräften.

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Im Universitätsviertel nordwestlich vom Zentrum realisierte das Büro Jürgen Engel Architekten den Neubau der Nationalbibliothek. Das Büro mit Hauptsitz in Braunschweig betreibt ein eigenes Büro in Peking. 2003 gewannen sie den internationalen Wettbewerb, der zum Neubau der Nationalbibliothek ausgeschrieben war und realisierten den Bau bis 2008.
Mit dem auf einem Sockel sitzenden schwebenden Dach übernahmen die Gestalter Elemente traditioneller chinesischer Baukultur und interpretierten sie gleichzeitig neu. Die besondere Betonung der Horizontalen und der Symmetrie in der chinesischen Baukunst fand hier seinen spezifischen Ausdruck. Das dominante, auf Säulen liegenden Dachelement stilisiert ein liegendes Buch und nimmt damit Bezug auf die Nutzung des Gebäudes.
Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, Architektur
Ich las, dass die Bibliothek durchschnittlich 12.000 Besucher*innen pro Stunde haben soll. Dies schien mir doch eine enorm große Anzahl. An dem Tag, als ich die Bibliothek besuche, sind es nicht die Massen, die das Gebäude über die Freitreppe betreten, die direkt ins zweite Stockwerk führt.

Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, ArchitekturAuch ich lande in der zweiten Etage und nehme von dort die Rolltreppe bis zum oberen Stockwerk. Von dort habe ich einen guten Blick auf die gesamte Bibliothek. An vielen der 2000 Arbeitsplätze sitzen Student*innen in einer in Bibliotheken üblichen, ruhigen und konzentrierten  Arbeitsatmosphäre.
Mit einem Bestand von 12 Millionen Büchern ist die Chinesische Nationalbibliothek die drittgrößte Bibliothek der Welt. Die aus dem 18. Jahrhundert stammenden
Aufzeichnungen des Kaisers Quianlong, derPeking-1117-Bearbeitet von allen historischen Schriften der chinesischen Kultur Abschriften herstellen ließ, sind der größte Schatz des Hauses. Dieser lagert im Untergeschoss des Gebäudes. Auf den Etagen darüber stehen die Bücher der Bibliothek und im Dachgeschoss befindet sich eine Online-Bibliothek. So ergab sich eine konzeptionell angelegte Folge vom Altertum bis zur Moderne.

Auf einer Ebene der Bibliothek steht eine lange Reihe von Grünpflanzen in Plastiktöpfen. Es hat etwas von einer Kunstinstallation, könnte aber auch reine Deko sein.

Der für den Bau des CCTV-Hauptquartiers verantwortliche Architekt Ole Scheeren hat nach dem Ausscheiden bei OMA seine eigene Firma gegründet, das Büro Ole Scheeren. Wie das Büro Jürgen Engel verfügt auch dieses Büro über einen Sitz in Peking und ist Peking-0474-Bearbeitethier aktiv.
Beim Schlendern durch die Stadt komme ich an dem noch im Bau befindlichen, von Ole Scheeren entworfenen Guardian Art Center vorbei. Es liegt im Zentrum, nur zwei Häuserblocks von der verbotenen Stadt entfernt. Auftraggeber war das Auktionshaus China Guardian.
Im Art Center entstehen Ausstellungshallen und Bühnen, Restaurierungswerkstätten und Depots, Restaurants und ein Hotel mit 120 Zimmern. Ein Eldorado für eine internationale Kunst- und Sammlerszene. Die Konkurrenten Sotheby’sPeking-1087-Bearbeitet und Christie’s verfügen bisher über keine vergleichbaren Häuser.
Ob der an der Struktur der umliegenden Hutongs angepasste Backstein-Fassendenstil diesen Bezug erkennbar werden läßt oder der Bau eher wie ein fremder Klotz wahrgenommen wird, kann man wohl erst nach der Fertigstellung beurteilen. Hier wird entscheidend sein, wie und wem sich das Haus öffnet.

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Ein abgeschlossenes und erprobtes Bauwerk ist das Nationalstadion Peking, das als Olympiastadion für die Sommerspiele 2008 von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen und realisiert wurde. Interessant ist, dass alle Architek*innen, deren Gebäude internationaleChina-1482-Bearbeitet Beachtung fanden und daher mein Interesse weckten, europäischen Ursprungs waren. Oder ist es vielleicht so, dass nur die europäischen Architekt*innen in diesem Maße beachtet werden?
Das Stadion bekam von der Bevölkerung schon beim öffentlich diskutierten Entwurf zum Bau eines Olympiastadions den Spitznamen Vogelnest. Diese Bezeichnung soll mit dazu beigetragen haben, dass das China-1488-BearbeitetArchitektenbüro Herzog & de Meuron den Wettbewerb gewann. Nester der Mauersegler werden in Ostasien als Spezialität angeboten und ein Vogelnest ist in China äußerst positiv besetzt.
Im Planungsteam des Stadions war auch der chinesische Künstler Ai Weiwei. Als einer der bedeutendsten Künstler des Landes hat Ai Weiwei nicht nur an der Entwicklung der Form mitgewirkt. Er selber ist als Architekt aktiv und hat im Künstlerviertel Caochangdi mehrere Bauten realisiert. Somit letztlich doch noch ein chinesischer Architekt, dessen Bauten ich genauer betrachte.

China-1433-BearbeitetSeit 2006 betreibt der Schweizer Galerist Urs Meile eine Dependance im Caochangdi Kunstdistrikt, deren Gebäude von Ai Weiwei entworfen wurden. Rote Backsteinmauern bilden sechs Häuser um einen Innenhof, der durch sparsame Bepflanzung und kleine Rasenflächen der Reduktion des gesamten Gebäudes entspricht. Der gebrannte, rotbraune Ziegel bildet gerade Flächen, die durch Einsprengselungen eines helleren roten Ziegels aufgelockert werden. China-1434-Bearbeitet
Ai Weiwei schrieb in seinem verbotenen Blog über die Architektur: Trachte beim Bauen stets nach Klarheit, Einfachheit, Geradlinigkeit und Exaktheit. Und an anderer Stelle: Ein Bau nimmt durch seine Gestalt Einfluss darauf, was Menschen in ihm tun.
China-1440-BearbeitetDer Bau spiegelt in seiner äußeren Form die Funktionalität einer Galerie, die sich im Inneren zeigt. Der sachliche Ausstellungsraum eines White Cube bildet den Rahmen für die Präsentation der Kunst.China-1440-Bearbeitet_2

Während meines Besuches zeigt die Galerie
eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Cheng Ran mit dem Titel: In Course of the Miraculous. Die Filme und Videos werden auf großen Monitoren präsentiert, zum Teil ergänzt durch eine Soundinstallation.

Ein anderer Bau von Ai Weiwei sind die Red Brick Galleries. In ihrem Charakter orientieren sich die Gebäude mit ihren schmalen Gängen und Höfen an traditionellen chinesischen Bauten. Ai schrieb: Ich versuche ganz einfach, zu den grundlegendsten Möglichkeiten zurückzukehren und die Schwierigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Ich bewirke so wenig wie möglich – das ist das elementarste Merkmal meiner Architektur.
Die Galerien des Komplexes werben durchChina-1421-Bearbeitet unscheinbare, schmale weiße Beschriftungen auf hellen Betonbändern und mir als Besucher bleibt die Aufgabe, durch Erkundungen und Flanieren in den Gassen und Häusern die Kunst zu entdecken. Diese präsentiert sich auch hier im weißen, klaren Kubus.
Die Anlage hat etwas von einer Trutzburg, gekleidet in edlem Ziegelstein und mit dem Auftrag, der zeitgenössischen Kunst ideale Bedingungen zu schaffen.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Im nächsten Beitrag bleibe ich bei der Kunst. Ganz in der Nähe von Caochangdi befindet sich der Kunstdistrikt Da Shanzi, allerdings mit eindeutig mehr Eventcharakter.

 

 

Peking: Die Bauten von Zaha Hadid

Peking-0615-BearbeitetMir war Zhaha Hadid durch ihr Gebäude phæno in Wolfsburg bekannt. Inzwischen hatte ich auch in anderen Städten Europas Bauten von ihr gesehen. Die geschwungenen, bewegten Gebäude haben eine ganz eigene Formensprache.
Die aus dem Irak stammende britische Architektin hat neben Bauwerken in vielen Ländern Europas ihren Stil in den USA, in Südkorea, Abu Dhabi und Hongkong realisiert. Und hier in Peking. Die Gebäudekomplexe Galaxy SOHO und Wangjing SOHO wurden 2012 bzw. 2014 eröffnet.
Mit der Subway Linie 14 fahre ich bis nach Wangjing South. Der Stadtteil liegt zwischen dem vierten und fünften Stadtring und damit weit außerhalb des Zentrums. Viele, in den 1990er Jahren gebaute Hochhäuser schaffen hier Wohnraum für etwa 70.000 Menschen, die aus Südkorea stammen. Wangjing hat seitdem den Beinamen Koreatown.Peking-0222-BearbeitetPeking-0215-Bearbeitet

Heute ist es an die 20 Grad und sehr angenehm. Die Frühlingwinde vertreiben den Smog, der vom Winter über der Stadt steht.
Zwischen den Häusern liegen sandige, brache Felder. Die Menschen, die sich dort einfache Unterkünfte geschaffen haben, duldet man wahrscheinlich so lange, bis auch hier gebaut wird. Und in Wangjing wird viel gebaut. Technologieunternehmen und große nationale und internationale Konzerne errichten hier seit einigen Jahren ihre gläsernen Firmenzentralen.

Hinter den einfachen Häusern taucht der Peking-0217-BearbeitetGebäudekomplex Wangjing SOHO auf. Unwirklich wie eine Fata Morgana und im Kontrast zum Lebensumfeld auf dieser Seite des sandigen Feldes. Aber auch im Kontrast zu den benachbarten Firmensitzen von Daimler, Microsoft und anderen Unternehmen. Die Gestalt der SOHO Gebäude verabschiedet sich von den traditionellen und noch immer aktuellen kubischen Formen.
Zaha Hadid, Soho

Sie erinnern an in der Landschaft liegende – oder stehende – Kieselsteine. Formen, die neu sind in der Architektur und trotz ihrer Anmut gewaltig.
Zaha Hadid wurde einmal dafür kritisiert, dass ihre Formensprache
Peking-0302-Bearbeitetdie Funktion und den Ort überdecken würde, in dem die Gebäude stehen. Aber kann nicht auch die Form prägend sein für den Ort und diesen entwickeln?
Ja, die Kieselsteine wirken fremd. Aber sie wirken hier nicht fremder als in Tokio oder New York. Und Peking hat sich zu einem wichtigen Ort für zeitgenössische Architektur entwickelt.
Beim Näherkommen werden die Kieselsteine zu Findlingen und schließlich zu ausgewaschenen Felsen.

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Peking-0288-BearbeitetAuf der von den drei gewölbten Türmen umgebenen Plaza werde ich in ein optisches Liniengewirr gezogen. Helle Streifen, die die dazwischen liegenden Fensterreihen voneinander absetzen, werden mal breiter und wieder schmaler und scheinen sich im nächsten Turm wiederzufinden, während sich dieser im ersten spiegelt. Ein visuelles Erlebnis aus Glas, Stein und Aluminium.

Der höchste Turm ist 200 Meter hoch. Die unteren drei der bis zu 37 Stockwerke dienen der kommerziellen Nutzung: Läden, Cafés und Dienstleister. Die Planer*innen waren bestrebt, einen Ort zuPeking-0287-Bearbeitet schaffen, der auf seine Umgebung ausstrahlt und diese einbezog. Aber kommen die koreanischen Nachbar*innen und sind sie erwünscht, auch ohne potentiellen Kund*innen zu sein?Peking-0240-Bearbeitet

Auf dem Platz zwischen den Gebäuden ist Raum zum Flanieren. Vielleicht ist am Abend mehr Betrieb, jetzt zur Mittagszeit gab es nur wenig Besucher*innen. Und am heutigen Sonntag fehlen die Angestellten aus den Büros des Komplexes oder der benachbarten Firmensitze.Peking-0273-Bearbeitet

Die Architektin Zaha Hadid sagte einmal, dass sie nicht glaube, dass Architektur allein dazu da ist, ein Obdach zu schaffen. Architektur solle die Menschen auch anregen, sie beruhigen und zum Nachdenken bringen. Und an anderer Stelle sagte Hadid: Natürlich glaube ich, dass einfallsreiche Architektur das Leben der MenschenPeking-0247-Bearbeitet verändern kann, aber ich wünschte, es wäre möglich, einige der Anstrengungen, die wir in ambitionierte Gebäude gesteckt haben, in die grundlegenden architektonischen Bausteine der Gesellschaft zu lenken.

Als erste weibliche Architektin wurde Zaha Hadid 2004 mit dem Pritzker-Preis geehrt, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Schon 1982 bekam sie die Gold Medal Architectural Design von British Architecture, London und dann, nach vielen anderen Auszeichnungen, Peking-0241-Bearbeitetposthum 2016 die Gold Medal des Royal Institute of British Architects für ihr Lebenswerk. Zaha Hadid starb im März 2016. Ihr langjähriger Mitarbeiter Patrik Schumacher,  seit 2002 Teilhaber von Zaha Hadid Architekts (ZHA), führt die Marke und die begonnen Projekte nach Hadids Tod weiter. Peking-0292

Auftraggeber von Wangjing- und Galaxy SOHO war der Büroimmobilienentwickler SOHO China Limited. Das Kürzel SOHO nahm sicher Bezug auf die Szeneviertel in London und New York, stand hier aber für small office, home office. Dem Gründerpaar von China SOHO Pan Shiyi und Zhang Xin brachte ihr Konzept auch kommerziellen Erfolg: sie standen bereits auf der Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt.

Peking-0295-BearbeitetDas äußere Design von Wangjing SOHO schwingt im Inneren weiter. Säulen, Gänge, Licht und Möbel nehmen die Schwünge des Äußeren auf, führen sie fort und entlassen sie an anderer Stelle wieder.

In einem Interview sagte der Projektleiter von Wangjing SOHO, der in Japan geborene und den USA aufgewachsene Architekt Satoshi OhashiObwohl die Menschen wissen, dass es ein modernes, neues Gebäude ist, spüren sie etwas, das menschlicher oder greifbarer ist. Und Ohashi sagt, dass sich China 2008 mit den olympischen Spielen weiter geöffnet habe und setzt dies in Peking-0296-BearbeitetBezug zur Architektur von ZHA: Die Leute nennen es experimentell, aber ich denke nicht unbedingt, dass es experimentell ist. Es ist Teil des Zustands und der Dynamik, die jetzt passieren.

Welche Dynamik ist das und welche Menschen sind es, die hier neben den Büroangestellten verkehren? Im Café kostet ein Stück Kuchen umgerechnet etwa fünf Euro –  wer zahlt das für ein Stück Kuchen? Ist das die neue Mittelschicht, die sich in China entwickelt?
Peking-0260-BearbeitetSeit der Jahrtausendwende sind in China doppelt so viele Menschen in die sogenannte Mittelschicht aufgestiegen, wie in den USA. Eine Schicht, die darüber definiert wird, dass sie über ein Privatvermögen zwischen 50.000 und 500.000 Dollar verfügt. Den Chines*innen, die Wangjing SOHO besuchen, scheint es wichtig zu sein, sich als Teil der vermögenden Mittel- oder Oberschicht zu zeigen. Peking-0266-Bearbeitet

Im Café kauft eine Mutter ihrer Tochter ein Eis. Das Kind hat schon einen Luftballon und einen Drachen, den die Mutter jetzt hielt, damit das Kind das Eis essen kann. Es ist vielleicht ein besonderer Tag, vielleicht der Geburtstag des Mädchens? Es ist aber auch ein Symbol der – inzwischen aufgehobenen – Ein-Kind-Politik und dafür, dass die (Einzel-) Kinder der Mittel- und Oberschicht wie kleine Prinzessinnen und Prinzen aufwachsen.
Hier zeigt sich ein neues China, das mit unseren Vorstellungen von preiswerten China-Restaurants und Billigware Made in China nichts mehr zu tun hat.

Peking-0271-BearbeitetSOHO China konzentriert sich auf die Entwicklung von Immobilien in den zentralen Geschäftsvierteln von Peking und Shanghai. Sie arbeiteten dabei mit international renommierten Architekt*innen wie Zaha Hadid und dem Japaner Kengo Kuma zusammen und bedienten damit das Potential der wachsenden, wohlhabenden Gesellschaftsschichten.
Der Projektleiter Ohashi sagte im Interview, dass es viele Probleme in China gäbe – Umweltprobleme, persönliche und wirtschaftliche Probleme. Und er sagte: 
Ich denke, das ist die große Herausforderung. Aber um daran teilzuhaben, ist die Fähigkeit, Visionen zu erschaffen, sehr aufregend. Und deshalb sind wir hier.

Peking-0625Die in der Haustechnik arbeitenden Angestellten von SOHO tragen alle die selbe, uniforme Kleidung: gelbes Capy, weiße Jacke und schwarze Hosen. Sie pflegen das Haus und die Aussenanlagen und reinigen aufwendig die auf der Plaza und den Zuwegen verlegten Steine. Die weißen Jacken geben den Arbeitern ein reinliches, antiseptisches Aussehen, wie wir es von anderen Berufen in der Küche oder im medizinischen Bereich kennen. Und die Angestellten treten immer als Kollektiv auf – zumindest zu zweit, aber oft auch zu dritt oder in größeren Gruppen.

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Am nächsten Tag fahre ich zu dem im Stadtzentrum gelegenen anderen Gemeinschaftsprojekt von SOHO China und Zaha Hadid: Galaxy SOHO. Es liegt am 2. Stadtring im Verkehrsknotenpunkt Dongzhimen. Die Gebäude sind denen in Wangjing ähnlich, hier waren es aber vier, nicht ganz so hohe Türme – 60 statt 200 Meter. Aus der Adresse von Galaxy SOHO ist zu lesen, dass auf dem Gelände zuvor ein Hutong gestanden hat. Die Adresse lautet: Nr. 7A Xiao Pai Fang Hutong.

Die vier Türme des Komplexes sind durch Stege und Fußgängerbrücken miteinander verbunden – alle individuell gestaltet. Sie geben dem Gebäudekomplex eine gegenüber Wangjing erweiterte Dynamik. Hier lösen sich die hellen Streifen von den Gebäuden und schwingen mit den Brücken und Stegen zu den anderen Türmen herüber.
Peking-0584-BearbeitetDie zwischen den Gebäuden liegenden Plätze bieten großflächige Sitzgelegenheiten, umgeben von Wasserspielen, farblichen Gestaltungen und Mustern im verlegten Stein. Zwischen den Flanierenden kurvt das Aufsichtspersonal mit elektronischen Segway-Rollern. Mit den gestalteten Plätzen zwischen vier Häusern zitiert Zaha Hadid Architekts traditionelle chinesische Wohnhöfe.
Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China
In der alten chinesischen Architektur war ein innen liegender Hof von vier Gebäuden umgeben. Tempel-, Palast- und Hofanlagen und größere Wohnhäuser basierten im alten China auf dem Grundmuster dieses chinesischen Rechteckes oder Vierseithofes. Der Innenhof war ein begrüntes Zimmer im Freien und diente als Treffpunkt der Bewohner*innen.Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China

Wie in Wangjing befinden sich in den unteren drei Etagen Gewerbeflächen und Entertainment-Einrichtungen. Darüber liegen zwölf Büroetagen und im obersten Stockwerk Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, ChinaRestaurants, Cafés und Bars. Auch in den oberen Etagen werden die Türme durch Brücken und Stege miteinander verbunden, sodass etwas wie ein geschwungenes Labyrinth entsteht. Ich folge den Pfaden und weiß bald nicht mehr, in welchem der vier Türme ich mich gerade befinde. Alles ist miteinander verwoben. Und alles ist ähnlich.
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In Peking ist es angesagt, sich Essen liefern zu lassen. Überall sieht man die gelben oder roten Fahrrad- und Mopedfahrer*innen der Lieferfirmen. Sie begegnen mir auch im Labyrinth der Büroetagen auf der Suche nach der richtigen Etage und Firma.

Peking-0624-BearbeitetIm größten der vier Türme befindet sich ein Einkaufszentrum mit Einzelhandelsläden. Die Verkleidung der die Stockwerke verbindenden Rolltreppen wird in die Balustrade der Etagen überführt und bildet so weitere Elemente dynamischer Linien.
Der Innenbereich des Einkaufszentrums ist mit einem Glasdach überspannt, das einen Durchblick auf die darüber liegenden Büroetagen ermöglicht und Tageslicht bis zum Boden führt.

Mit Galaxy- und Wangjing SOHO haben Saha Hadid und Peking-0533-BearbeitetPatrik Schumacher einzigartige Gebäudekomplexe geschaffen. Sie haben ihre Formensprache in Peking hinterlassen und mit ihrem Konzept verdeutlicht, dass auch Strukturen traditioneller Bauweisen in zeitgenössische Architektur integrierbar sind.

Patrik Schumacher führt das Label ZHA weiter und realisiert mit seinem Team Bauten, die schon in Zusammenarbeit mit Zaha Hadid für Peking entwickelt wurden:

2018 soll der Beijing-Tower – auch Leeza SOHO genannt – eröffnet werden. Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt von ZHA und SOHO China. Der Multifunktions-Turm umschließt einen 190 Meter hohen Lichthof und bildet damit das höchste Atrium der Welt. Der Turm wird mit Licht durchflutet sein und von allen Etagen eine wunderbare Aussicht auf die Stadt bieten.
Leeza SOHO wird im Lize Financial Business District gebaut und steht damit westlich vom Zentrum Pekings. Die Parteiführung hatte bemängelt, dass zu viele Bauten – u.a. Galaxy SOHO und der spektakuläre Neubau des chinesischen Staatsfernsehens – in der Region östlich des Zentrums gebaut wurden und damit das Feng Shui der Stadt gestört würde.

Das größte Projekt von Zaha Hadid Architekts ist der Flughafen Peking-Daxing. Mit dem Bau des neuen internationalen Flughafens wurde 2015 begonnen und die Eröffnung ist für 2019 geplant. Der Flughafen bekommt sieben Landebahnen und ist für bis zu 130 Millionen Passagiere ausgelegt. Er wäre damit vier mal so groß wie der neue Flughafen von Berlin und in einem Viertel der Zeit gebaut.

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Neben den Bauten von Zaha Hadid treffe ich auf weitere zeitgeistige Architektur. Einige habe ich aufgesucht, andere beim Flanieren durch die Stadt entdeckt. Davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Peking: Leben im Hutong

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Hutongs sind Wohnviertel des alten Peking. Traditionelle Hofhäuser stehen dicht an dicht und bilden ein Gewirr von Gassen. Die Hutongs gruppieren sich traditionell um das Zentrum, die Verbotene Stadt.
In früheren Zeiten gab es eine Rangordnung bezüglich des Standortes der Hutongs. Je dichter die Häuser dem Zentrum standen, desto feudaler waren sie. Die Hofhäuser hatten große Gärten sowie aufwendig geschnitzte und bemalte Dachbalken und Säulen. Hier lebten die reichen Kaufleute und hochrangigen Beamten. Je weiter der Hutong vom Zentrum entfernt war, desto geringer war die soziale Stellung der Bewohner*innen.

Viele der mehrere hundert Jahre alten Hutongs verschwanden mit der Gründung der Volksrepublik. Sie wurden zunehmend durch breite Straßen und Hochhäuser ersetzt, sodass heute nur noch etwa ein Viertel der alten Wohngebiete existiert.
Das Wort Hutong bedeutet Quelle. Der Hutong ist ein geschlossenes Gebiet von Wohnhäusern, die sich um einen Brunnen herum gebildet haben.

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In den Wohngebieten zeigt sich ein beschauliches Alltagsleben. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern und freuen sich über die vorübergehende Nachbarin, um ein Schwätzchen zu halten. Die in Warnfarben gekleidete Straßenkehrerin macht eine Pause und es stört sich niemand daran, wenn die Pause ein halbes Stündchen länger dauert.
Oft sind die Gassen zu schmal für moderne Autos. Kleine Dreiräder, Mopeds und Fahrräder sind daher die Hauptverkehrsmittel. Lasten werden mit verschiedensten Auf- und Anbauten transportiert. Manchmal sieht man, dass die Lastenfahrzeuge nicht mehr bewegt werden. Die Luft fehlt in den Reifen und sie werden scheinbar nicht mehr gebraucht – aber eines Tages vielleicht doch mal wieder und so bleiben sie stehen, wo sie ist.

Die Hutongs bieten den Bewohner*innen alles, was sie zum Leben brauchen. Ich kann mir vorstellen, das es einzelne Menschen gibt, die ihr Hutong noch nie verlassen haben. Wozu auch. Hier haben sie ihre Familie und die Nachbar*innen, ihre Arbeit und Läden, in denen sie einkaufen können. Und die Hutongs werden von der Staatsmacht vielleicht nicht in dem Ausmaß überwacht, wie es in modernen Wohnbezirken möglich ist.

Mit ihrer Intimität bieten Hutongs dörfliche Strukturen innerhalb einer Megastadt, die riesig, unübersichtlich und unbegreifbar ist. Es gibt Pläne, Peking mit der Hafenstadt Tianjin und der Provinz Hebei zu verschmelzen und unter dem Namen Jing-Jin-Ji das mit 130 Millionen Einwohner*innen weltweit größte städtische Gebilde überhaupt zu schaffen. Der absolute Gegensatz zu den beschaulichen Hofhäusern.

In den engen Gassen erlauben offen stehende Türen einen Einblick in die Höfe. Darf ich dort reingucken? Die Höfe sind nicht ganz privat, da sie von mehreren Wohnhäusern eingegrenzt werden. Sie sind aber auch nicht öffentlich, da es der Hof der wenigen Häuser und ihrer Bewohner*innen ist.

Der geringe Platz in den Gebäuden sorgt dafür, dass auf engstem Raum Dinge aufgereiht und gestapelt werden. Dinge des täglichen Bedarfs, Dinge, die man vielleicht nochmal gebrauchen kann und solche, die eigentlich weg können, aber für die es keinen Ort gibt, wohin sie entsorgt werden könnten.

Lässt sich der Ziegelstein nicht doch noch mal gebrauchen, auch wenn ein Stück abgeplatzt ist und eine Sperrholzplatte kann man doch bestimmt nochmal nutzen… Dazwischen hängt die Wäsche zum Trocknen.

China-0112Die zentralen Durchgangsstraßen der Hutongs sind breiter als die Gassen zwischen den Häusern. Hier befinden sich Geschäfte, Restaurants und verschiedenste Dienstleistungen. Am Straßenrand sehe ich einen Mann mit einer Art Nähmaschine. Ob es ein Schuster ist oder ein Handwerker, der unterschiedlichste Dinge näht, kann ich nicht ausmachen.

Eine Friseurin nutzt das Frühlingswetter, um ihren Kunden auf der Straße die Haare zu schneiden. So fliegen ihr die Haare nicht durch den Laden.

Kleine Geschäfte oder Kioske bieten Dinge für den täglichen Bedarf. Ich kann nicht immer erkennen, ob ein Geschäft noch in Betrieb ist oder vielleicht schon vor Jahren geschlossen wurde. Diese Region ist nicht für den Tourismus aufbereitet.

Die kleinen Restaurants sind gut besucht und ich muss warten, bis ein Platz frei wird. Aber ich werde wie die Einheimischen behandelt und mir wird ein Zeichen gegeben, als ein Platz frei wird.

Das Essen ist gut und preiswert. Die Gerichte werden mit kleinen Fotos angeboten, sodass ich sehen kann, was es wohl sein könnte. Manchmal ist auf den Fotos nicht zu erkennen, ob es sich um Kartoffeln, Pilze oder vielleicht Fleisch handelt. Da muss ich dann etwas auf Verdacht bestellten, denn eine Konversation ist mir nicht möglich und Englisch wird in diesen Läden selten gesprochen.

Das Gemüse ist immer frisch und knackig. Es ist gut gewürzt, aber nicht besonders scharf. Zum Essen gibt es Reis und ich bestelle wie die meisten Gäste Yanjing Bier.

Im Gegensatz dazu sind die Cafes in den Hutongs teuer. Ein Stück Kuchen mit einer Tasse Kaffee kann gut 100 Yuan, also 12 bis 13 Euro kosten. Die kleinen Läden sind nicht besonders edel, sie transportieren aber einen zeitgeistig coolen Chick, der entsprechendes Publikum anzieht. Hier wird auch selbstverständlich Englisch gesprochen.

Vielleicht entsteht der Preisunterschied zu den Restaurants auch dadurch, dass die Grundnahrungsmittel anders subventioniert werden als feudaler Kuchengenuss. Schließlich ist es noch immer ein kommunistisches Land.

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Die Vorbereitung des Essens vollzieht sich China-1693im öffentlichen Raum. Vor den Restaurants oder auf Plätzen sitzen die Frauen, bestücken Fleischspieße, putzen Gemüse und schälen Kartoffeln. Die Männer spielen derweil an niedrigen Hockern Xiangqi, das chinesische Schach. Die Rollenverteilung ist in den Hutongs und wohl in der ganzen traditionellen chinesischen Gesellschaft klar geregelt.

China-1334-BearbeitetDies zeigt sich auch im Straßenbild. Ältere Männer sind eher bieder gekleidet, während sich viele Frauen in schickem Outfit zeigen. Hútong, Beijing
Bei einigen Männern gibt es die Vorliebe, im Schlafanzug auf die Straße zu gehen. Diese chinesische Besonderheit sollte durch offizielle Stellen unterbunden werden, da es sich gegenüber ausländischen Gästen nicht gehören würde, sich so zu zeigen. Aber es gibt diese Männer und sie scheinen das offizielle Interesse zu ignorieren.
Bei jungen Leuten ist – wie überall auf der Welt – die Kleidung internationaler Konzerne angesagt.

In seinem Blog schrieb der chinesische Peking_02Künstler Ai Weiwei, dass 2008 – vor dem Start der olympischen Spiele – viele Häuser der Hutongs durch einrückende Trupps einheitlich übermalt wurden: man hatte die gesamte Gasse mit einer Farbschicht überzogen, die alles in ein künstliches und kaltes grau-blaues Licht tauchte; jede einzelne alte und ramponierte Tür hatte man in grellem Rot gestrichen; repariert hatte man nichts. (…) Mit einem Mal waren alle Spuren der Geschichte und alle Erinnerungen getilgt.

An vielen Häusern fallen kleine Farbflächen auf, die durch das Überstreichen angeklebter Werbezettel mit grauer Farbe entstanden sind. Das Grau ist dabei selten gleich. Es zeigt die ganze Palette zwischen hell und dunkel und von rötlichgrau bis bläulich. Die Felder bekommen so die Anmutung abstrakter Gemälde oder eines Aktion Paintings.

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Da die Häuser in den Hutongs oft klein sind, verfügen sie über keine eigenen Toiletten. Es gibt Gemeinschaftstoiletten. An diesen verdeutlichen englische Bezeichnungen und Piktogramme, dass die Toiletten auch von Touristen genutzt werden können und sollen. Ein lobenswerter Service, den man in anderen Regionen vermisst.

Es gibt Häuser, die baufällig oder kaputt sind. China-0602Hier scheinen Menschen zu leben, die kein Geld haben, um das Haus instand zu halten oder die in ein verlassenes Haus eingezogen sind um dort – etwa als Wanderarbeiter – eine provisorische Heimat zu finden.
An einigen Ecken sehe ich, dass alte Häuser repariert werden: Ziegel werden ausgebessert, Wände neu verputzt und Wege erneuert.

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China-1626Oft werden die alten Häuser aber abgerissen. Doch schaffen sie nicht mehr nur Platz für moderne, mehrstöckige Wohnhäuser oder gläserne Firmenzentralen. Heute wird das kulturelle Erbe der Hutongs erkannt. Sie werden wieder aufgebaut oder nach altem Vorbild neu gestaltet.
Obwohl der traditionelle Baustil in diesen Gebäuden sehr gut umgesetzt wird und viel besser zu erkennen ist, fehlt ihnen der Geist China-1623des Authentischen. In ihnen sind keine Kinder groß geworden, die Spuren hinterließen, sie brauchen keine Abstellflächen für Dinge, die man noch mal gebrauchen könnte und sie haben keine Ecken, die irgendwann im Zuge einer Mode ganz anders und individuell gestaltet wurde. Hier stimmt alles, es ist aber zu perfekt und daher eher museal.
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Den Touristen aus Asien – ich kann nicht erkennen, ob es eher Chines*innen oder Menschen aus anderen Ländern sind – scheint dieser Teil der Hutongs zu liegen. Die Gassen mit den Andenkenläden sind gut besucht und an einigen Orten überlaufen. Es ist den Menschen scheinbar wichtig, Teil des Events zu sein.

Als ich weiter gehe, komme ich in Straßen, die neu angelegt und noch unbewohnt sind. In ihnen ist der Tourismus aber bereits angelegt: Auf einem Platz steht eine alte Eisenbahn und in einer Straße entdecke ich traditionelle Schilde, die hier ausgestellt sind.

Das Ambiente hat etwas von einem chinesischen Disneyland und sobald die Geschäfte bezogen sind und die Reisebusse halten, gibt es wahrscheinlich kein Durchkommen mehr.

Die Hutongs als Wohngebiete der Bevölkerung werden so mehr und mehr verdrängt. Nachdem sie über Jahrzehnte abgerissen wurden, um Platz für breite Straßen, Wohnhäuser und Firmenzentralen zu schaffen, werden sie heute durch Nachbauten für den Tourismus ersetzt.

Noch kann man die authentischen Hutongs erleben und mit ihnen einen traditionellen Wohn- und Lebensraum erkunden. Ich hoffe, dass von den verbliebenen viele erhalten bleiben, denn sie vermitteln eine Atmosphäre, die man nicht neu gestalten kann. Hier schlägt das Herz der Megacity und ohne die alten Wohngebiete ist Peking sicher nicht halb so interessant.

Aber vielleicht werden die Hutongs für junge Leute und kommende Generationen auch zunehmend uninteressant. Wollten nicht alle eine Toilette in der eigenen Wohnung, Abstand zu neugierigen Nachbar*innen und die Möglichkeit, mit dem Auto vor das Haus zu fahren? Aus dieser Perspektive könnte die Aufbereitung der alten Wohnviertel für den Tourismus perspektivisch auch die einzige Möglichkeit sein, die Hutongs zu erhalten.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Nach den traditionellen Hutongs besuche ich die zeitgenössische Architektur und beginne bei der Stararchitektin Saha Hadid.

Nordkorea: Westmeerstaudamm in Nampo

Am vorletzen Tag haben wir nochmals ein umfangreiches Besuchsprogramm. Eine Fahrt nach Nampo zum Westmeerstaudamm, das Wissenschaftszentrum in Pjöngjang und das dortige Militärmuseum. In Pjöngjang machen wir außerdem etwas Englischunterricht in einer Mittelschule und besuchen ein Kaufhaus.

Heute scheint die Sonne und wir haben am frühen Morgen einen klaren und tollen Blick über die Stadt. In der Nacht bzw. am frühen Morgen hörten wir, wie schon in den ersten Tagen, Lautsprecherdurchsagen, die irgendwo in der Stadt unter uns tönten. Es hörte sich nach Propaganda an – der sozialistische Muezzin, der seine Botschaften verkündet. Song San sagt uns später, dass dies die Ansagen vom Hauptbahnhof seien, die bis nach oben in unser Hotelzimmer zu hören sind. Für uns hörte es sich nicht nach Bahnhofsansagen an, aber wir belassen es dabei.

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Nachdem wir im Norden, Süden und Osten von Pjöngjang waren, ging die Fahrt heute in westliche Richtung, Nordkorea-1479-Bearbeitetzur Stadt Nampo. Die Dörfer, an denen wir unterwegs vorbei fahren, hatten noch mehr städtischen Charakter als die, die wir gestern gesehen haben. Drei- bis vierstöckige Wohnhäuser in einheitlichen Farben. Sie wirken wie Siedlungen, bei denen man das Näherkommen einer größeren Stadt vermuten könnte. Hier stehen sie aber isoliert Nordkorea-1476-Bearbeitetin der Landschaft. Es fehlt nicht nur das alte Dorf, es fehlte auch die angrenzende Stadt. Vielleicht sind es auch die Anfänge einer geplanten Stadt, die dann aber keine städtischen Ausmaße erreichte, da sich die Bevölkerung nicht im vermutenden Ausmaß erhöhte?
Als wir weiter nach Osten fahren, kommen wir schließlich doch an einer Ortschaft vorbei, die nach Dorf aussieht. Die Häuser sind einstöckig und Nordkorea-1472-Bearbeitet-2haben von Ferne den Charakter der Häuser, die wir in der Altstadt von Kaesong gesehen haben. Obwohl diese Häuser älter wirken, waren sie wahrscheinlich neuer, denn der nach dem Koreakrieg notwendige Aufbau war abgeschlossen und es ist nicht mehr erforderlich, schnell Wohnraum für viele zu schaffen.
Nordkorea-1488-BearbeitetUm die Bäume und Büsche, die entlang der Autobahn stehen, war fast immer ein Kreis aus weißen Steinen gelegt. Als wir Song San danach fragen, sagt er, dass es zur Schädlingsbekämpfung sei und außerdem eine Zierde. Ich kenne die weißen Ringe an Bäumen zur Schädlingsbekämpfung. Insekten werden so davon abgehalten, den Baum herauf zu laufen. Aber Steine, die zudem in einem Abstand von etwa zehn Zentimeter liegen? Und Zierde? Auf freiem Feld um unzählige Bäume und Sträucher – ist dies realistisch? Wenn man an die Idee des Kollektivs eines sozialistischen Staates denkt, ist es Nordkorea-1489-Bearbeitetdurchaus möglich, dass eben nicht der private Vorgarten geschmückt wird, sondern die Bereiche, die für alle da sind. So kann ich es dann auch sehen und mich am Gestaltungswillen erfreuen.
Nach einer Stunde Fahrt kündet die Häufigkeit von Bussen, die uns überholen, an, dass wir uns der Stadt näherten.

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In Nampo halten wir allerdings nicht an. Song San ist ein sehr netter Mensch, doch nicht besonders geschwätzig. Wenn wir ihn nach etwas fragen, gibt er stets Antworten. Es kommt aber selten vor, dass er von sich aus etwas zu dem erzählt, was wir beim Vorbeifahren sehen oder uns darauf vorbereitet, was wir an dem Tag sehen werden. So bleibt unser Ziel und das, was uns dort erwartet, meist eine Überraschung. Natürlich könnten wir fragen, aber vielleicht ist das auch ganz schön mit der Überraschung.

Als wir die Stadt durchfahren haben und weiter Richtung Gelbes Meer fahren, zeigen sich weite, überschwemmte Felder. Gelegentlich sitzen dort Angler auf kleinen Inseln. Nordkorea-1505-BearbeitetOb die Überschwemmungen Ausläufer der Reisfelder sind, die sich wenig später links und rechts der Straße zeigen? Unter dem Wasser kann man Abgrenzungen der Felder erkennen. Ursprünglich ist Reis keine Wasserpflanze, sie hat sich aber über die Jahrtausende – es gibt Funde, die Reisanbau in Korea bereits vor 3000 Jahren bekunden – durch Zucht an die Überflutung der Felder angepasst. Der Nassreisanbau istNordkorea-1511-Bearbeitet sehr arbeitsintensiv, ermöglicht aber viel höhere Erträge als andere Anbauarten und wird daher heute zu 80% angewandt. Die Aussaat muss allerdings nach wie vor in ein relativ trockenes Feld erfolgen, da sie ansonsten nicht aufgehen würde. Die Setzlinge werden dann erst nach dem Keimen vom Pflanzfeld ins nasse Reisfeld Nordkorea-1508-Bearbeitetumgesetzt. Um den Wasserzulauf zu regeln – es kommt auf die richtige Dosierung und den geregelten Ab- und Zufluss des Wassers an –  sind zwischen den Feldern Gräben angelegt.
Neben den Feldern sehen wir Dörfer, die wieder eine eher traditionelle Struktur aufweisen.

Wir erreichen unser heutiges Ausflugsziel an der Koreabucht im Gelben Meer: den Westmeerstaudamm. Mit diesem Staudamm hatte Nordkorea Anfang der 1980er Jahre den damals größten Staudamm der Welt errichtet. Die acht Kilometer lange Mauer trennt den Fluss Taedong vom West- bzw. Gelben Meer und hält das Salzwasser außen vor.

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Das Projekt bietet ein Beispiel, wie das Militär in nationale Projekte eingebunden wird: Hier waren es drei Armeedivisionen, die Straßen- und Eisenbahnverbindungen über das mächtige Flussdelta und die drei Schleusen in Rekordzeit errichteten.Nordkorea-1538-Bearbeitet
Auf einer Anhöhe oberhalb der Schleusen seht ein Museumsbau, gekrönt von einem Leuchtturm in Form eines Ankers. Im Museum wird uns in einem Film die Errichtung des Nordkorea-1533-BearbeitetStaudammes in ihrer ganzen Dramatik vorgeführt. Der Kampf mit den Fluten und die wegweisenden Worte Kim Il Sungs werden für uns mit deutschen Kommentaren hinterlegt. Ein maßstabsgetreues Modell zeigt die Schleuse von oben.  Der zum Film gereichte Kaffee macht die Betrachtung zu einer angenehmen Pause.
Nordkorea-1532-BearbeitetAuf der Anhöhe haben wir einen tollen Rundblick über den Staudamm und die Schleuse. Die SonneNordkorea-1536-Bearbeitet
scheint angenehm warm und die Bäume zeigen hier oben ihre frühlingshaften Triebe. Es ist wieder solch ein Ort, an dem man das Schreckgespenst einer nordkoreanischen Atommacht, welche die Welt bedroht, vergisst. War das naiv oder war es naiv, auf die westliche, amerikanische Propaganda zu hören?

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Als wir vom Westmeerstaudamm wieder Richtung Nampo fahren, passieren wir einen Neubau. Da dieser kein Gerüst hat, sieht es zunächst so aus, als sei es eine Bauruine. Auf dem Dach erkenne ich dann aber Arbeiter. Der Kiosk vor dem Rohbau wirkt etwas deplatziert und surreal. Wird um einen bestehenden Kiosk neu gebaut oder steht der Kiosk hier zur Versorgung der am Bau beteiligten Menschen? Da die Fläche rund um den Kiosk aus Sand besteht, ist es wahrscheinlich, dass er Teil eines größeren Baugebietes ist.

Nordkorea-1499-BearbeitetDie Hafenstadt Nampo ist mit fast 500.000 Einwohner*innen nach Pjöngjang und Hamhung die drittgrößte Stadt Nordkoreas. Aus dem Bus sehen wir, dass die Stadt sehr belebt ist. Die Menschen scheinen hier entspannter zu sein als in der Hauptstadt. Radfahrer*innen suchen sich ihren Weg auf dem Fußweg und die Stadt schien in einem gemächlichen Flow voran zu schreiten.

Nampo, NordkoreaPlötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel einen Jugendlichen, der in Richtung unseres Busses guckt. Der junge Mann unterbricht die Dynamik der städtischen Bewegung. Er steht da und beobachtet, trägt ein schräg auf den Kopf sitzendes Cappy und verkörpert eine Jugend, die sonst nicht sichtbar ist. Für mich symbolisiert er eine mögliche Veränderung, die Selbstbewusstsein gegenüber der Staatsmacht aber auch gegenüber ausländischen Interessen zum Ausdruck bringt. Diese Stadt und ihre Bevölkerung schien wirklich interessant zu sein. Aber wie zu erwarten, sieht unser Programm keine Besichtigung vor.Nordkorea-1573-Bearbeitet

Ein Phänomen, das ich schon in Pjöngjang beobachtete, zeigt sich auch hier: viele Häuser sind in Farben gestrichen, die ich mit Lachs und Mint bezeichnen würde. An einer Hausfassade, an der wir vorbei fahren, wird die weiße Fassade gerade mit dem Lachston übermalt.
In einem Land mit wenig Ressourcen könnte man vermuten, dass es von diesen Farben eine Überproduktion gibt und sie eben genutzt wurden, bis sie verbraucht sind. Die Farben werden aber so konsequent im ganzen Land angewandt, dass es ein farbliches Konzept geben muss. Ob dies seinen Ursprung im Volksgeschmack hat oder es die Lieblingsfarben derNordkorea-1568-Bearbeitet Führer sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht ensteht in der Kombination von Mint und Lachs einfach ein gefälliger Kontrast, der auffällt, ohne aufdringlich zu sein. Für mich sind es jetzt auf jeden Fall die typischen Farben, wenn ich an Nordkorea denke.

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Wir fahren also zurück nach Pjöngjang, ohne in Nampo auszusteigen. Der Vorteil ist, dass wir dann noch den Nachmittag in der Hauptstadt verbringen können.
Nordkorea-1578-BearbeitetEs ist heute ein wirklich schöner Tag und der Blick über die Getreidefelder hat schon etwas sommerliches. Die roten Fahnen am Rand der Felder zeigen an, so erklärt uns Song San, dass die Brigade heute hier auf diesem Feld arbeitet.

Als wir so durch die Landschaft schunkeln, muss ich daran denken, wie schnell man sich an Situationen gewöhnen kann. Wir sind jetzt sieben Tage in einem Land, das als eins der am schwersten zugänglichen gilt. Und schon nach einer Woche ist es fast selbstverständlich,Nordkorea-1579 hier zu sein.
Die händischen Ausbesserungsarbeiten auf der Autobahn, die mir am zweiten Tag so unverständlich waren, schienen mir jetzt erklärlich. Es ist wie eine Zusammenarbeit von Nachbarn, die die Straße vor ihrem Haus gemeinsam flicken.

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Nordkorea-1605-BearbeitetIn Pjöngjang besuchen wir das 2016 eröffnete Wissenschafts- und Technologiezentrum. Das Zentrum, das die Form eines Atoms hat, steht auf einer Insel im Fluss Taedong. Die anderen, umgebenden Gebäude nehmen Schwünge und Elemente des Haupthauses auf. Das Ambiente hat etwas von einer Filmkulisse aus einem Zukunftsfilm, der vor 60 Jahren gedreht wurde aber heute spielt.Nordkorea-1608-Bearbeitet

In westlichen Medien wird Kim Jong Un für den Bau des Zentrums gerügt. Es heißt dort, dass es nur dazu diene, die Kim-Dynastie zu verherrlichen. Vielleicht sollten wir einfach anerkennen, dass hier etwas für die Bevölkerung gebaut wurde und das ist sicher besser, als Bomben zu bauen.

Das Zentrum dient neben der Forschung und Entwicklung der Ausbildung. Es gibt hier Plätze für Fernstudien, Konferenzräume und regelmäßige Symposien und Ausstellungen. Weiter beinhaltet das Zentrum, dass auch als Sci-Tech Complex bezeichnet wird, ein Nordkorea-1636-BearbeitetMuseum für die Entwicklungsgeschichte von Wissenschaft und Technik und einen Erlebnisbereich für Kinder. Es gibt mehrere Indoor-Hallen, etwa die Halle für Basiswissenschaft und die Halle der angewandten Technologie, einen Erfahrungsraum für Erdbeben und ein fiktives Labor. Rakete

In der Mitte des Wissenschaftszentrums steht das Modell einer Rakete. Natürlich denken wir bei Nordkorea sofort an einen militärischen Angriff und an den Transport von Atomwaffen. Das hier präsentierte Modell einer Rakete des Typs Unha 3 ist aber dafür bestimmt, Satelliten ins All zu befördern. Die Unha 3 wiegt im Original etwa  90 Tonnen und gehört damit zu den kleineren Raketen. Bei Nordkorea-1612-Bearbeitetdieser Rakete wird nur schubschwaches Triebwerk eingesetzt, was die nordkoreanische Aussage untermauert, dass dieser Raketentyp nie als Interkontinentalrakete geplant war, da sie dafür nicht geeignet ist. Der Einsatzzweck einer Interkontinentalrakete wäre in erster Linie militärisch – etwa als ein Trägermittel für Kernwaffen. Damit will ich nicht behaupten, dass das ganze Wissenschaftszentrum für friedlicheNordkorea-1637-Bearbeitet Zwecke bestimmt ist. Es zeigt aber, dass auch in Nordkorea nicht jede Rakete für eine militärische Nutzung konzipiert ist.

Insgesamt gibt es im Zentrum über 3000 Computerarbeitsplätze. Von denen sind zwar nur ein Teil besetzt, als wir die Räume besichtigen, wir können aber sehen, dass hier ganz unterschiedliche Altersgruppen Nordkorea-1626-Bearbeitetarbeiten. Es ist eine wissenschaftliche Volkshochschule im besten Sinne des Wortes. Die Schüler*innen, Student*innen und anderen Nutzer*innen arbeiten sehr konzentriert und nahmen uns Gäste kaum wahr.

Wir schauen uns ein Modell an, das zeigt, wie Kohlendioxid in die Erde gepumpt wird, statt es in die Atmosphäre entweichen zu lassen. Dieses Verfahren wird aktuell weltweit Nordkorea-1634-Bearbeiteterforscht. Im Zuge der Forschung zeigt sich, dass es notwendig ist, in der Erde Basaltgesteinvorkommen zu haben, da sich in diesem Gestein dass CO² mineralisiert und nur dadurch die Gefahr, dass es wieder entweicht, gebannt werden kann. Wenn Nordkorea Basaltvorkommen hat und auf diesem Gebiet forscht, kann es für Industrienationen interessant werden, diese Technologie hier zu nutzen. Und Nordkorea die so wichtigen Devisen einbringen.Nordkorea-1658-Bearbeitet

Nach dem Rundgang, der Diskussion an wissenschaftlichen Modellen und der Erprobung technischer Geräte verlassen wir das Wissenschafts- und Technologiezentrum. Auf dem Vorplatz schauen wir auf die zentrale Skulptur, die die Form der Spitze eines Füllfederhalters hat. Hiermit wird die Wissenschaft als wichtiger Baustein zur Entwicklung des Landes geehrt.

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Bei der Weiterfahrt passieren wir weitere imposante Gebäudes. Das Sportstadion Erster Mai zählt zu den größten oder ist sogar das größte Stadion der Welt. Es soll 150.000 Besucher*innen fassen. Es ist über 60 Meter hoch, hat acht Stockwerke und auf dem sechsten Stockwerk befindet sich eine mehrere hundert Meter lange Laufbahn.Nordkorea-1739-Bearbeitet

Ein anderes interessantes Gebäude ist die Eissporthalle. Sie ist auch über 60 Meter hoch, von der Grundfläche aber wesentlich kleiner als das Erste Mai Stadion und bietet nur 6000 Plätze auf vier Rängen. Neben Eishockeyspielen und Eiskunstlaufwettbewerben finden hier Tischtennis-, Volleyball- und Basketball-Turniere statt.Nordkorea-1682-Bearbeitet

Ein weithin sichtbares Gebäude ist das Ryugyong Hotel. Das Gebäude befindet sich seit 1987 im Bau und sollte damals mit 300 Metern Höhe das höchste Hotel der Welt werden. Der Bau verzögert sich aber bis heute, da verschiedene Investoren und angedachte Betreiber absprangen. Als Rekord hält das Ryugyong Hotel, dass es das erste Bauwerk außerhalb New Yorks und Chicagos mit mehr als 100 Etagen war. Für die Führung des Landes ist es scheinbar notwendig, Superlative zu schaffen. Hierbei ist unklar, ob dies eher für das Ansehen bei der eigenen Bevölkerung oder gegenüber dem Ausland wichtig ist.

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Unser nächster Besichtigungsort ist das Nordkorea-1671-BearbeitetMilitärmuseum von Pjöngjang. Auf einem riesigen Platz, auf dem neben uns nur wenige Zivilisten zu sehen sind, stehen Skulpturen, die an bestimmte Schlachten und revolutionäre Ereignisse erinnern. Die Militärs, die hier einzeln oder in kleineren Gruppen spazieren, scheinen höhere Ränge zu bekleiden.

Militärmuseum, Pjöngjang, Nordkorea

Die zentrale Figur erinnert an den Koreakrieg von 1950 bis 1953. Der Krieg zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea), unterstützt von China auf der einen und der Republik Korea (Südkorea), unterstützt von den Vereinten Nationen unter Führung der USA auf der anderen Seite. Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea hatte sich im Verlauf des Krieges einmal ganz nach Süden und dann weit nach Norden verschoben, um nach drei Jahren Krieg, der fast völligen Zerstörung Nordkoreas und nahezu vier Millionen Toten wieder dort zu sein, wo sie ursprünglich war. Nordkorea-1675-Bearbeitet

Auf dem Außengelände des Militärmuseums werden Teile abgeschossener Flugzeuge und ein gekaperter amerikanischer Hubschrauber präsentiert. Die Amerikaner hatten im Krieg eine Belohnung von 100.000 Dollar für denNordkorea-1680-Bearbeitetjenigen nordkoreanischen Piloten geboten, der zuerst mit einem Jagdflugzeug nach Südkorea fliehen würde, da sie an der Technik des Flugzeuges interessiert waren. Die Nordkoreaner zeigen hier, dass sie auch ohne die Zahlung von Belohnungen in den Besitz gegnerischer Militärausrüstung gekommen sind.

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Das Gelände des Militärmuseums liegt am Fluss Potong. Und hier liegt ein besonderer Fang vor Anker: das amerikanische Spionageschiff Pueblo. Es wurde 1968 von der Nordkorea-1690-Bearbeitetnordkoreanischen Marine gekapert, zunächst nach Wonsan und später nach Pjöngjang gebracht. Das Schiff, offiziell als Umweltforschungsschiff deklariert, hatte die Aufgabe, sowjetische und nordkoreanische Aktivitäten in der Koreastraße zu erkunden. Bei der Kaperung wurde ein amerikanischer Soldat getötet und 82 Besatzungsmitglieder gefangen genommen.

Wir werden durch das Schiff geführt, können uns die Funkeinrichtungen, Gegenstände der damaligen Besatzung und Fotografien ansehen, die die Crew zeigen und die Nordkorea-1692-BearbeitetGeschichte illustrieren. Nordkorea-1691-Bearbeitet
Auf dem Bücherregal stehen Bücher wie The Missile Crisis, in dem Elie Abel die Kubakrise beschreibt oder ein Roman des schottischen Autors Alistar MacLean über den Kreuzer HMS Ulysses, dessen Fahrten und Schlachten im zweiten Weltkrieg.Nordkorea-1686

Die gefangenen Besatzungsmitglieder wurden Ende 1968 in die Demilitarisierte Zone gebracht und über die Brücke ohne Wiederkehr nach Südkorea in die Freiheit entlassen. Dieser Schritt wurde erst dadurch möglich, dass sich die USA zur Spionage bekannte, sich für diese entschuldigte und gelobte, nie wieder in Nordkorea zu spionieren. Das von General Woodward unterzeichnete Entschuldigungsschreiben wird in der Pueblo präsentiert.
Das Schiff selber wird wohl in Nordkorea bleiben und ist damit das weltweit einzige Schiff der US-Marine, das sich in den Händen einer fremden Macht befindet.

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Den Rundgang im Museum kann ich nicht illustrieren, das es untersagt ist, Fotos zu machen. Wir sehen einen Film über Gräueltaten und Erfolge des Krieges. Natürlich Nordkorea-1700-Bearbeitet-2gingen die Gräueltaten vom Feind aus und die Erfolge sind die der eigenen Armee. Beim Rundgang durch das Museum werden wir an sehr realistischen, originalgetreuen Aufbauten von Kriegsszenen vorbei geführt. Auch hier unter dem klaren Freund-Feind Schema.
Neben uns sehen wir nur Gruppen von Soldaten, die durch das Museum geführt Nordkorea-1699-Bearbeitetwird. Entweder hat die Zivilbevölkerung kein Interesse oder es ist ihnen nicht gestattet, dass Museum zu besuchen. Es ist aber wahrscheinlich, dass hier morgens auch Schulklassen durchgeführt werden. Die Gruppen der Soldaten sehen wir später außerhalb des Museums wieder, wo ich sie fotografieren kann.Militärmuseum, Pjöngjang, NordkoreaAuf den Autobahnen haben wir mehrfach gesehen, dass Menschen auf offenen Ladeflächen von Lkws transportiert werden. Neben den Gefahren, die dies birgt, ist es – besonders zur jetzigen Jahreszeit – bestimmt auch sehr kalt. Vor dem Museum sehen wir jetzt, dass auch die Soldaten auf den Ladeflächen der Trucks transportiert werden

Der nächste Ort, den wir besuchen, ist eine Mittelschule. Auf dem Schulhof hatten sich die Schüler*innen gerade – wahrscheinlich im Rahmen einer Sportveranstaltung – in Reihen und Blöcken aufgestellt. Oben auf der Treppe steht ein Lehrer, der über ein Mikrophon Anweisungen gibt. Mit den eben Nordkorea-1733-Bearbeitetgesehenen Soldaten im Kopf kommt einem hier die Assoziation einer vormilitärischen Veranstaltung in den Sinn. Aber jede organisierte Sportveranstaltung hat ja etwas militärisches, schon dadurch, dass sie unter einem Kommando steht, Uniformen mit Abzeichen getragen werden und die Teilnehmer*innen einem Disziplinarsystem unterliegen.Nordkorea-1728-Bearbeitet-Bearbeitet

Wir werden in eine 8. Klasse eingeladen und Ralf macht dort mit den Schüler*innen etwas Englischunterricht. Sie können die an sie gerichteten Fragen verstehen und einfache Antworten geben. Dabei sind Schüler*innen sehr höflich, stehen auf, wenn sie antworten, trauen sich aber nicht wirklich, eigene Fragen zu stellen. Ob dies in der Unsicherheit, in einer fremden Sprache zu sprechen, begründet ist oder den Hemmungen uns Ausländer*innen gegenüber, können wir nicht feststellen.
Ein junges Mädchen, dass durch ihr sportliches Outfit auffällt, wird von Ralf gefragt, ob sie denn gerne Volleyball spielt. Wir haben gehört, dass Volleyball in Nordkorea populär ist. No, I dont like volleyball ist ihre Antwort. Und auf die Nordkorea-1725-Bearbeitetnächste Frage, welche Sportart sie denn gerne spielt, sagt sie: I don’t like sport at all. Diese ehrliche Antwort beim Besuch der Nordkorea-1726-Bearbeitetausländischen Gruppe war interessant, da der Sport hier im Land doch besonders geschätzt wird.
Die Lehrerinnen – es waren insgesamt drei anwesend – beobachten die Antworten ihrer Schützlinge mit sichtlichem Stolz.
Hier in der Klasse fällt uns auf, dass nur einige der Schüler*innen die Uniform und das rote Halstuch der Nordkorea-1723-BearbeitetKinderorganisation tragen. Insofern scheint dies keine Schuluniform zu sein, sondern ein Kennzeichen derjenigen, die Mitglieder der Organisation sind.
Auf den Fluren der Mittelschule hängen Fotografien oder reproduzierte Gemälde von Situationen der ehemaligen Führer Kim Il Sung und Kim Jong Il mit Kindern. Vor diesen Bildnissen sind immer eine oder zwei Blumen abgelegt.
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Zum Abschluss Kaufhaus, Pjöngjang, Nordkoreades Tages besuchen wir ein Kaufhaus. In Pjöngjang gibt es zwei Kaufhäuser mit den aussagekräftigen Titeln Kaufhaus 1 und Kaufhaus 2. Im Kaufhaus konnte man nur mit ausländischer Währung bezahlen und das Angebot war übersichtlich und für uns nicht besonders interessant. Wir wurden permanent von einer Verkäuferin begleitet und als ich ein Foto mache – von dem deutschen Produkt Bebivita Anfangsmilch – sagt die Verkäuferin, dass das Fotografieren verboten ist. Insofern verzichte ich darauf und es gibt keine weiteren Fotos. Es wäre aber auch nicht besonders interessant und wir verlassen das Kaufhaus bald wieder.

Nordkorea-1751-BearbeitetEs dämmert bereits, als wir das Kaufhaus verlassen und wir fahren durch die Stadt zu einem Restaurant, in dem wir zu Abend essen werden. Die Stadt ist für uns jetzt schon vertrauter und ich erkenne einige Gebäude. Das große Studienhaus des Volkes leuchtet Pjöngjangvon Ferne und wir passieren das Museum für koreanische Geschichte. Dieses beinhaltet etwa 4000 historische Exponate, darunter Gemälde, Kleidungsstücke und Waffen. Aber es ist eins der Orte, die wir bei unserem Besuch nicht besichtigen.

Das Essen ist mal wieder sehr gut. Wir haben gelernt, von den Vorspeisen nur so viel zu essen, dass wir beim Servieren der Hauptspeise noch nicht satt sind. An die großen Krebse hat sich aber keine*r ran getraut. Wir sind wohl alle zu wenig Feinschmecker und wissen gar nicht, wie man sie essen soll. Insofern bleiben sie Deko.Nordkorea-1454-Bearbeitet

In vielen Restaurants, in denen wir gegessen haben, gibt es einen kleinen Laden, in dem man Kleidung und Geschenke kaufen kann. Im Vorübergehen gucken wir mal in die Auslage, von uns kauft aber nie jemand etwas. Es sind in erster Linie billige Artikel für den Tourismus und für uns nicht interessant.

Nordkorea-1754-BearbeitetUnser Aufenthalt in Nordkorea ging zu Ende. Nach dem Essen fahren wir durch das abendliche Pjöngjang in Richtung Hotel, wo wir schon die Koffer packen. Ralf, Maike, Song San und ich sitzen noch zusammen, um den Urlaub zu Nordkorea-1755reflektieren. Durch die Reiseleitung von Song San bekamen wir einen persönlichen Bezug zu diesem uns vorher so fremden Land. Gerne würden wir ihm jetzt unser Land zeigen, aber dies war leider nicht möglich. Letztlich wird uns nicht deutlich, wie professionell die Haltung von Song San ist. Wahrscheinlich bekommt er zwei Tage später eine neue Gruppe und hat uns bald vergessen. Schließlich ist es sein Job, den hat er sehr gut gemacht hat.

Nordkorea: Kooperative in Wonsan

Heute fahren wir von Pjöngjang Richtung Osten zur Stadt Wonsan und besichtigen dort eine landwirtschaftliche Kooperative. Da wir über Nacht bleiben, beziehen wir ein Hotel am Ostmeer. Die Stadt Wonsan sehen wir hauptsächlich aus der Perspektive unseres durchfahrenden Busses.

Pjöngjang - der Fluss Taedong-Gang am Morgen

Der Blick aus dem Fenster fällt am frühen Morgen des fünften Tages wieder auf das diesige Pjöngjang. Nebel, Regen, Trübnis. Und der Regen hört während unserer Fahrt nach Wonsan nicht wirklich auf. Es gibt Pausen, aber die Luft ist permanent mit Wasserpartikeln gesättigt.

Nordkorea, Berge, RegenWährend wir durch die Landschaft fahren, gibt es wieder angeregte Gespräche. Song San spricht den deutschen Außenminister an und dass dieser doch homosexuell sei. Nein, sagt Ralf, der jetzige nicht, sondern sein Vorvorgänger, Westerwelle, der war offen schwul. Ja, und der hat doch auch gesagt Ich bin schwul, und dass ist auch gut so warf Song San ein. Das war Wowereit, berichtigt Maike, der ehemalige Bürgermeister von Berlin. Es ist interessant, dass unser Reiseleiter dieses Thema anspricht. Nordkorea-1007-Bearbeitet
Wir sprechen dann über Homosexualität in Nordkorea und Song San sagt zunächst, dass es das in Nordkorea nicht gibt. Es dauert eine Weile, bis er sagen kann, dass es auch in Nordkorea Lesben und Schwule gibt. Wir waren positiv überrascht, dass er letztlich so offen mit uns darüber reden kann.

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Die Landschaft wird zunehmend gebirgiger. Ich hatte gelesen, dass in diesen Bergen enorme Bodenschätze lagern: neben Gold und Silber andere wertvolle Metalle und seltene Erden. Noch fehlt dem Land die Technologie, die Schätze zu heben. Aber in der Überlegung einer möglichen Wiedervereinigung und den befürchteten Kosten sind die Bodenschätze ein wichtiger Faktor, da hier nicht nur Kosten entstehen, sondern auch Ressourcen warten.
Nordkorea-0986-Bearbeitet-BearbeitetWir fahren an Ortschaften vorbei, die uns unbekannt bleiben. Jede Fläche rund um die Orte wird landwirtschaftlich genutzt. Insgesamt sind in Nordkorea wegen der Fülle an Hügeln und Bergen nur 17 % der Fläche landwirtschaftlich nutzbar. Daher muss jeder Winkel genutzt werden. Trotz dieser intensiven Nutzung ist es notwendig, wichtige Güter zu importieren, so Nordkorea-0979-Bearbeitet-Bearbeitetetwa 20% des benötigten Getreides. Und hier ist Nordkorea auf Devisen angewiesen, die oft fehlen. Zum traditionellen Reisanbau, der sich an der Westküste konzentriert, wird hier zunehmend der Anbau von Mais und Kartoffeln gefördert. Die Kartoffel ist äußerst nahrhaft, kann sich gut dem Klima anpassen und in Anbaupausen zwischen Reis und Weizen kultiviert werden.

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Die Wolken hängen weiter in den Bergen und scheinen uns einen verregneten Tag zu bescheren. Aus dem Auto heraus hat diese Perspektive eine gewisse Idylle, doch verleitet es nicht zum Aussteigen.

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Außerhalb von Wonsan besuchen wir eine bäuerliche Kooperative

Wonsan liegt am Japanischen Meer, oder, wie die Nordkoreaner sagten, am Koreanischen Ostmeer. Wir fahren zunächst durch die Stadt hindurch, um zu einem Museumsbahnhof zu fahren und eine landwirtschaftliche Kooperative zu besichtigen.

Nordkorea-1030-BearbeitetIm Museumsbahnhof steht die Eisenbahn, mit der Kim Il Sung im September 1945 nach der Kapitulation Japans in Nordkorea eingereist sein soll. Andere Quellen sprechen davon, dass er mit dem Schiff nach Wonsan kam und mit dieser Eisenbahn weiter nach Pjöngjang gefahren ist.Nordkorea-1040-Bearbeitet
Da es damals  noch keine koreanische Produktion gab, war es eine japanische Lok die Nordkorea, Wonsan, Museumsbahnhofeinige russische Waggons zog. In einem der Waggons ist ein Platz markiert, auf dem der Staatsgründer gesessen haben soll.
Für Nordkorea war jeder Ort und jede Gegebenheit, die mit dem Leben Kim Il Sungs in Verbindung stand, wichtig und verehrungswürdig. Hier wurden zudem ein Ort und ein Symbol geehrt, die für den Aufbruch und den Neubeginn stehen.

Außerhalb von Wonsan besuchen wir eine landwirtschaftliche Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeKooperative. Die Frau, die uns über das Gelände führt, hat einen Regenschirm dabei, doch zum Glück blieb es trocken. Sie erzählt, dass hier 1600 Menschen leben, darunter 300 Bäuer*innen. Die dörfliche Struktur des Kollektivs beschäftige daneben Menschen für die Verarbeitung der Produkte und für Dienstleistungen an der Gemeinschaft.

Auf einer Tafel sind die Verdienste der Kooperative verzeichnet und es werden Einzelne für besondere  Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeLeistungen hervorgehoben. Der Mensch braucht die Anerkennung und wenn diese nicht durch einen guten Verdienst und der damit möglichen materiellen Besserstellung sichtbar wird, müssen andere Wege gegangen werden.

Auf dem Gelände sind immer wieder Bilder Nordkorea-1071-Bearbeitet-2und Texte zu finden, die die Menschen in ihrer Arbeit motivieren sollen. Die Frage entstand, wie lange wohl solche Aufforderungen und Ermutigungen tragen und die eigene Trägheit überwinden helfen. Das Kollektiv funktioniert letztlich nur, wenn ihre Mitglieder es wollen und Einsicht in die Notwendigkeiten haben.

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Nordkorea-1058-BearbeitetAn einem Ochsenkarren, der an uns vorüber fährt, sehen wir, wie einfach das Leben hier ist. Zudem veranschaulichen die abgemagerten Ochsen, dass Futter fehle. Auch wenn die Landwirtschaft gut organisiert ist, fehlt die technische Infrastruktur, um effektiver zu sein. Wir sehen auch Traktoren, aber diese sind technisch veraltet. Dazu kommen klimatische Besonderheiten wie lange Regenzeiten, kalte Winter und eine lange Trockenzeit im Frühjahr, die einen kontinuierlichen Ackerbau erschweren.Nordkorea-1074-Bearbeitet

Ein Wandgemälde auf dem Gelände zeigt Kim Il Sung und Kim Jong Il neben einem Bauernpaar in einem endlos scheinenden Getreidefeld. Hier ist die Welt in Ordnung, der Ernteertrag steht außer Frage und die Menschen sind glücklich und zufrieden. Landwirtschaft im Postkartenidyll.

Nordkorea-1078-BearbeitetIm Badehaus gibt es einen kleinen Kiosk mit Dingen, die die Landwirtschaft nicht produziert: Bonbons, Limonaden, Feuerzeuge und Zahnbürsten. Die Auslage ist überschaubar und animiert uns nicht zum Kauf. Wir wissen auch nicht, ob wir hier mit Euro oder Chinesischen Yuan bezahlen können. Der Besitz von Nordkoreanischen Won ist uns nicht gestattet. Wir dürfen noch nicht einmal sehen, wie sie aussehen.Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, Kooperative

Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeUnserer Führerin erzählt, dass die Aufzucht von Kakibäumen ein Schwerpunkt dieser Kooperative ist. Jetzt im Frühjahr ist von den großen orangen Früchten noch nichts zu sehen; noch nicht einmal eine Blüte, aus der sie erwachsen könnten. Eine Tafel lobt die Zucht und den Ertrag der Kaki.

 

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Die Gruppe, die wir im Kindergarten besuchen, spielt auf dem Hof. Die Kinder wirken in ihrer einfachen, farbenfrohen Kleidung authentischer als Kinder in der Nordkorea-1083-Bearbeitetkapitalistischen Welt, die viel mehr den verschiedensten Moden unterworfen sind. Die Mädchen und Jungen wirken auch zufrieden und gut genährt. Vielleicht wuchs hier eine neue Generation heran, denen es besser ging, als den Eltern.
Die Kinder spielen mit uns ein Staffellauf-Spiel. Es machte Spaß, aber ich habe sofort die Vorstellung, dass dies mit allen Gästen Nordkorea-1094-Bearbeitetveranstaltet wird und diese Vorstellung  trübte mein Vergnügen. Werden die Kinder nicht benutzt, um die Gäste emotional zu erreichen?

Die Räume des Kindergartens besuchen wir nicht. Als wir weiter gehen, steht eine Gruppe jüngerer Kinder auf dem Balkon und winkt uns zum Abschied. Ihre Erzieherin sieht mit ihrer Tracht eher wie eine kirchliche Krankenschwester aus.

Zum Abschluss unseres Rundgangs zeigt uns Nordkorea-1102-Bearbeitetdie Frau, die uns über das Gelände geführt hat, ihr Haus. Ihr etwa zehnjähriger Sohn wartet schon auf uns und begrüßte uns auf Englisch. Das Haus ist einfach und es gibt nur wenig Einrichtungsgegenstände. Ich frage den Jungen, ob ich von ihm und seiner Mutter ein Foto machen darf. Ja, das war ok und sie stellen sich im Wohnzimmer unter die Fotos der beiden Kims. Ob diese in jedem nordkoreanischen Wohnzimmer an der Wand hängen?
Hier hing noch ein anderer Bilderrahmen mit Fotos. Der Sohn erzählt, dass darauf sein Vater zu sehen ist, der verstorben war und sein älterer Bruder, der jetzt beim Militär ist.
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Die Mutter hat im Kollektiv die Aufgabe, Gäste über das Gelände zu führen.
Unter den wenigen Möbeln in der Wohnung sind ein Sofa, ein Bücherregal und ein großer Wandschrank. Auf einem Sideboard  steht ein mit einer Spitzendecke Nordkorea-1099-Bearbeitetzugedeckter Fernseher.
Als unsere kleine Gruppe die Wohnung verlässt, bemerkt der Sohn nicht, dass ich noch im hinteren Teil der Wohnung bin und etwas verzögert die Wohnung verlasse. Dadurch sehe ich, wie er gleich, nachdem er uns verabschiedet hatte, ins Wohnzimmer läuft, die Decke vom Fernseher nimmt und das Gerät anstellt. Hier kann man sehen, dass doch alle Kinder auf der Welt ähnlich sind. Wahrscheinlich musste er das Gucken einer Sendung unterbrechen, als wir ins Haus kamen, oder die Mutter erlaubte ihm immer dann Fernsehen zu gucken, wenn die Besucher*innen gegangen sind.

Um das Haus befindet sich ein sogenannter Küchengarten. Die ist eine Anbaufläche von 100 Quadratmetern, die jeder Familie zur Verfügung gestellt wird. Auf diesen Flächen ist es den Besitzer*innen gestattet, Gemüse und Obst für den eigenen Bedarf anzubauen und den etwaigen Überschuss auf Märkten zu verkaufen. Dieser private Handel ist gewollt, da er hoch produktiv ist und so der Ernährung der Gesamtbevölkerung dient. Die Erkenntnis, dass privat genutztes Land effektiver genutzt wird, wird bisher aber nicht ausgedehnt.

Unser Hotel liegt am Ostmeer

Nordkorea-1150-BearbeitetNach dem Besuch der Kooperative fahren wir zu unserem Hotel in Wonsan. Da wir morgen noch Einrichtungen in der Gegend besuchen wollen, übernachten wir in dieser mit 330.000 Einwohner*innen sechstgrößten Stadt des Landes.
Das Tongmyong Hotel hat nicht den Standard vom Yanggakdo in Pjöngjang, ist aber durchaus in Ordnung. Es hat acht oder neun Stockwerke und in dem oberen hat man einen Rundumblick auf die Stadt und das Meer.
Ralf und ich bekommen ein großes Zimmer. Ich würde hier nicht von einer Suite sprechen, es hat aber zwei Räume und einen tollen Ausblick.

Ein schmückender Wandkalender zeigt Bilder, wie man Fleisch anrichtet und auf dem Flachbildfernseher können wir nordkoreanische Sender empfangen. Ein Phänomen istNachrichtensprecherin (002) die Nachrichtensprecherin: Sie beginnt eine neue Nachricht in normalem Ton, steigert dann aber ihre Stimme von Satz zu Satz, bis sie vollkommen euphorisch und übersteigert redet. Ihre Stimme wird extrem hoch und schnell und man bekommt zunehmend Sorge, sie bricht gleich hyperventilierend zusammen.

Nordkorea-1191-BearbeitetAus unserem Zimmer und von der oberen Etage des Hotels können wir die Bucht und die darin liegenden Schiffe sehen. Die traditionellen Holzboote verbreiten ein romantisches Ambiente, die geringe Motorisierung schaft aber –  ähnlich wie beim Ackerbau – Probleme Nordkorea-1197-Bearbeitet-Bearbeitet-2beim Erreichen notwendiger Erträge. Wahrscheinlich ist diese Methode ökologisch viel sinnvoller, doch in der globalisierten Wirtschaft zählt dies leider nicht.

Nordkorea muss nicht nur für die eigene Bevölkerung sorgen, sondern auch von seinem Überschuss ins Ausland verkaufen, um Devisen für andere Güter zu erhalten. Zu diesen Nordkorea-1187-Bearbeitet-2Überschüssen gehören sicher die Fischgründe in den das Land umgebenden Meeren.

Am Ende der Bucht sehen wir einen langen Sandstrand. Wonsan ist ein beliebter Badeort für Einheimische und bei entsprechenden Temperaturen soll es hier auch ausländischen Gästen gestattet sein, im Meer zu baden. Diese Temperaturen fehlen heute eindeutig.

 

Song San fragt uns, ob wir noch eine Insel in Nordkorea-1144-Bearbeitetder Bucht oder lieber die Stadt besichtigen wollen. Wir entscheiden uns für die Stadtbesichtigung und fahren zu einem großen Platz. Das zentrale Gebäude ist eine Behörde oder – so wie in Pjöngjang – eine Volkshochschule nebst Bibliothek. Auf der Nordkorea, Wonsanlinken Seite steht es ein Warenhaus, das mich faszinierte. Mit den schmalen, hoch gefassten Scheiben in umlaufenden Fensterfriesen erinnerte das Gebäude an die Bauhaus Architektur. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die abgerundete Fassade.

Nordkorea-1139-BearbeitetAnsonsten ist Wonsan nicht besonders spektakulär. Wir hören, dass sich die einstige Industriestadt langsam zu einer Touristenstadt entwickelt. Da wir aber weder Industriegebäude noch  Freizeiteinrichtungen sehen, ist es für uns nicht nachvollziehbar. Die von Ralf und mir in anderen Ländern praktizierte Erkundung von Stadträumen ist hier einfach nicht möglich. So bleiben einzelne, mehr oder weniger zufällige Blicke.

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Unter diesen Zufall fällt eine Ladenpassage. In Nordkorea-1186-Bearbeitet-2dieser Form haben wir Läden in Pjöngjang noch nicht gesehen. Es scheinen Läden zu sein, wie wir sie aus in jeder Stadt kennen: Kleidung, Fahrräder und Dinge des alltäglichen Bedarfs. Aber wir steigen nicht aus uns müssen auf einen Bummel verzichten.

Nordkorea-1134-BearbeitetDie Aussagen, die über Wonsan gemacht werden, sind gegensätzlich. So heißt es einerseits, dass der Bau von Hochhäusern der Hafenstadt ein Ambiente geben soll, dass dem von Hongkong entspricht. Andererseits soll es Anweisungen von der Führungsspitze geben, dass die Einwohnerzahl zu begrenzen sei, um den Freizeitcharakter der Stadt zu fördern.

Nur aus den Augenwinkeln sehen wir ein Nordkorea-1141-BearbeitetSchiff, das auf den Hafen verweist. Doch auch der Besuch des Hafens stand nicht auf unserem Besuchsprogramm und ist daher nicht möglich. Da er nicht nur als Fischereihafen dient, sondern auch ein bedeutender Marinestützpunkt ist, ergibt sich wahrscheinlich daraus die Erklärung, das wir den Hafen nicht besichtigten.

Monument, Führer, Wonsan, Nordkorea

Nach dem Monument der Führer war Zeit zum Fernsehen

Besichtigen können wir die bronzene Doppelstatue von Kim Il Sung und Kim Jong Il . Wir hatten gelernt, uns gebührlich zu benehmen und uns zur Verbeugung in einer Linie aufzustellen. Das Monument entspricht dem in Pjöngjang, ist hier aber kleiner und erst 2013 errichtet worden.

Nach dem Abendessen fahren wir ins Hotel. Wir haben uns noch mit Maike und Song San zum Tischtennis verabredet, was dann aber doch nicht stattfindet. Eigentlich sind wir auch geschafft und können es genießen, mal eine Stunde eher im Zimmer zu sein um Fotos zu sortieren und Tagebuch zu schreiben.

Im Fernsehen wird derweil die Parade zum 105. Geburtstag von Kim Il Sung übertragen, die Vorgestern in Pjöngjang stattgefunden hat. Jetzt sehen wir, wie die Massen mit ihren pinken und gelben Puscheln Formationen bilden, die verschiedene Texte und Zeichen ergeben. Innerhalb von Sekundenbruchteilen ändern sich die Ansichten. Es ist perfekt einstudiert.

Auf der Tribüne steht Kim Jong Un, um die Parade abzunehmen. Am Tag der Parade hatte ich Song San gefragt, ob der Marschall denn auch kommen wird. Er sagte, dass man dies im Vorfeld nicht wisse und auch nie genau sagen könne.

Nordkorea: Grenze zu Südkorea

Nachdem wir am Morgen nach Panmunjeon an die Grenze zu Südkorea fahren, verbringen wir den Nachmittag wieder in Pjöngjang. Wir besichtigen zentrale Plätze, lassen uns vom Wiener Café enttäuschen und verbeugen uns vor den Führern des Landes. Und die weiße Stadt hält nicht, was sie verspricht.

Nordkorea-0727-BearbeitetAm vierten Tag steuern wir wieder ein Ziel außerhalb der Hauptstadt an. Wie jeden Morgen startet unser kleiner Bus um halb Acht und Christian hat uns dazu erzogen, pünktlich zu sein. Seine ansonsten verbreitete schlechte Laune war schwer zu ertragen. Heute ging die Fahrt in südliche Richtung zur innerkoreanischen Grenze.

Die Straße ist noch einsamer als bei unserer Fahrt zum Myohang-Gebirge. Ab und zu fahren wir an Dörfern vorbei, von deren Bevölkerung aber nichts zu sehen ist. Auch die Menschen, die links und rechts der Fahrbahn auf eine Mitnahme warten, fehlen heute.

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Nach 90 Minuten kommen wir an eine Raststätte, die sich über die Fahrbahn spannt. Das Nordkorea-0746-BearbeitetGebäude ist in einer eleganten Fünfziger Jahre Architektur gebaut und hat einen besonderen Charme. Wir legen einen Stopp ein und müssen dabei feststellen, dass sich im Gebäude nur noch die Toiletten befinden. Die Versorgung der Gäste – neben uns hält gerade eine Gruppe Chinesen – findet auf Tischen außerhalb des Gebäudes statt. Neben Nordkorea-0752-BearbeitetGetränken und abgepackten Snacks werden Andenken und Bücher angeboten. Interessant ist, dass die gleichen Tische bei unserer Rückkehr auf der anderen Seite der Autobahn aufgebaut sind. Es halten hier scheinbar nur die Gäste, die morgens zur Grenze und abends von dort zurück fahren.

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Die Berge werden gen Süden höher und trotz gutem Wetter klettern die Wolken über die Gipfel. Alle Ebenen werden landwirtschaftlich genutzt und wir sehen auf den Flächen kleine hölzerne Dreiecke, die frische Baumanpflanzungen stützen. Während der 1990er Jahre wurden hier große Waldflächen abgeholzt und die Wiederaufforstung ist heute ein zentrales Anliegen.

Ankunft im Grenzbereich

Als wir ins Grenzgebiet kommen, fahren wir zunächst zu Baracken, die für die Waffenstillstandsverhandlungen errichtet wurden. Nach zweijährigen Verhandlungen sind die Verträge hier im Juli 1953 unterzeichnet worden.

In der großen Baracke liegen Kopien des Waffenstillstandsabkommens, welches nicht etwa zwischen Nord- und Südkorea, sondern zwischen Nordkorea und der UNO ausgehandelt und unterzeichnet wurde. Es heißt darin, dass es eine Vereinbarung ist, um „einen Waffenstillstand zu treffen, der ein vollständiges Ende der Feindseligkeiten und aller Anwendung von Waffengewalt in Korea sichert, bis eine endgültige Friedensregelung getroffen ist“. Diese Friedensregelung gibt es bis heute nicht.

Das Abkommen schreibt unter anderem die Einrichtung Nordkorea-0794-Bearbeiteteiner 241 Kilometer langen und vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone als Puffer zwischen Nord- und Südkorea vor. Als wir durch diese sogenannte Demilitarisierte  Zone (DMZ) fahren, sehen wir in der Ferne den 160 Meter hohen nordkoreanischen Fahnenmast. Dieser war ursprünglich deutlich kürzer, wurde aber erhöht, nachdem in Südkorea ein gleichartiger, knapp 100 Meter hoher Fahnenmast errichtet worden war, der sein ursprüngliches nordkoreanisches Pendant überragte. Mit der Neuerrichtung hat Nordkorea den vierthöchsten Fahnenmast der Welt. Allein die Flagge wiegt fast 270 Kilogramm.

Der Zugang zur Grenze in Panmunjeon ist auf dieser Seite einfacher als in Südkorea, wo wir vier Jahre zuvor die Grenze besichtigten. Dort mussten wir in ein Fahrzeug der US-Armee umsteigen und von amerikanischen Soldaten zur Grenze gefahren werden. Hier in Nordkorea kommen wir mit unserem Bus bis zur Grenze.

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Grenze, Nordkorea, DMZ, PanmunjeonIm Zentrum des eigentlichen Grenzstreifens stehen drei blaue Pavillons, in denen Verhandlungen der Kriegsparteien geführt werden. Die militärische Demarkationslinie geht mitten durch diese Hütten und wird zwischen ihnen in Form eines kleinen Betonsockels angezeigt. Dies ist die Grenzlinie, auf deren südkoreanischer Seite Kies und der nordkoreanischen Sand liegt.
Blickt man von Nordkorea über die Baracken, sieht man auf südkoreanischer Seite das Freedom House, in dem offizielle Treffen zwischen nord- und südkoreanischer Seite stattfinden. Rechts dahinter steht das House of Peace, in welchem Familientreffen zwischen nord- und südkoreanischen Zivilisten ermöglicht werden.Korea-1253-Bearbeitet

Als wir vor vier Jahren von Südkorea aus zwischen die Baraken auf das Haus Panmun-gak auf der nordkoreanischen Seite guckten, ahnten wir noch nicht, dass wir dort einmal sein würden. Es wurde uns damals verboten, die Häuser hinter uns, also die südkoreanische Seite, zu fotografieren. Jetzt hatten wir beide Ansichten.

Die mittlere der drei Hütten darf abwechselnd von Besucher*innen der einen oder der anderen Seite besichtigt werden. Die Gäste werden dabei von nord- bzw. südkoreanischen Soldaten begleitet.

Die Soldaten präsentieren sich innerhalb des Pavillons äußerst unterschiedlich. Die Nordkoreaner, die wir heute sehen, wirken eher wie Jungen, die Soldaten darstellten und noch nicht genau wissen, wie sie dies machen sollen. Sie erinnern mich auch an Statisten, die in einem Stück von Brecht auftreten könnten.
Die Haltung des südkoreanischen Soldaten war eine ganz andere. Er war total angespannt, ballte die Fäuste und könnte mit seiner Sonnenbrille ein Model für eine Kollektion militärisch inspirierter Mode sein.

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Rundgang in KaesongNordkorea-0840-Bearbeitet

Nach der Besichtigung der Grenze fahren wir in die nahe gelegene Stadt Kaesong. Obwohl es hier eine Sonderwirtschaftszone mit besonderen wirtschaftlichen Bedingungen gibt, ist die Hauptstraße ähnlich Autoleer wie die Straßen der Hauptstadt. In der Sonderwirtschaftszone Kaesong haben sich kleine und mittelständische südkoreanische Betriebe angesiedelt, die hier für sie Kaesong, Nordkorea, Sonderwirtschaftszonepreiswerte nordkoreanische Arbeiter*innen beschäftigen. Ähnliche Wirtschaftszonen gibt es mit China und Russland an deren Grenzen zu Nordkorea.
An den Häusern fällt uns auf, dass viele Wohnungen mit Solarzellen ausgestattet sind. Song San sagt, dass es diese in Pjöngjang auch gibt. Sie sind uns dort aber bisher nicht aufgefallen.
Ein aus Beton gegossener Briefkasten könnte vermuten lassen, dass es hier regen Briefverkehr gibt. Als wir den Briefkasten aber von hinten begutachten, sahen wir, dass die Klappe offen steht und im Briefkasten Müll und Zigarettenkippen liegen. Der Schriftverkehr muss schon längere Zeit andere Wege gehen.

Kaesong lag während des Koreakrieges auf südkoreanischer Seite und ist daher heute die einzige Stadt Nordkoreas, die über eine traditionelle Altstadt verfügt. Alle anderen Städte wurden so stark bombadiert, dass ein Wiederaufbau schwer möglich und auch nicht gewollt war.
Wir können die Altstadt von Kaesong nicht wirklich besichtigen, sondern nur von der Hauptstraße aus ein paar Blicke in die Gassen werfen. Mit ihren umlaufenden Kacheln und den Pagodendächern zeigen die einstöckigen Häuser ein einheitliches Erscheinungsbild. Es ist schade, dass wir keine Runde in diesem Gebiet drehen dürfen.

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Am Ende der Altstadt steht ein großes Plakat, auf dem das Zeichen der Partei der Arbeit und kampfbereite Soldaten abgebildet sind. Leider kann ich den Text nicht lesen und habe vergessen, Song San danach zu fragen.

Wir verlassen Kaesong Richtung Pjöngjang und sehen erst von der Autobahn die Größe der Stadt. Ein Besuch von Betrieben der Sonderwirtschaftszone wäre bestimmt interessant, steht aber nicht auf unserem Programm.

Rückfahrt nach Pjöngjang

Auf der Rückfahrt sprechen wir über die Rückfahrt nach PjöngjangGrenze und Südkorea. Song San vertritt die Meinung, dass der südkoreanische UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon eine sehr schlechte Arbeit gemacht hat. Er hätte nicht die Interessen Nordkoreas vertreten. Wir kennen uns zu wenig aus, um hier diskutieren zNordkorea-0888-Bearbeitetu können. Es macht aber stark den Eindruck, dass dies die offizielle Meinung Nordkoreas ist, die Song San hier vertritt. Uns erstaunt, dass Song San – der ansonsten gut unterrichtet ist – noch nichts davon gehört hat, dass der Portugiese Guterres inzwischen Generalsekretär der UNO ist. Nordkorea-0887-Bearbeitet

Wir legen wieder unseren Stopp an der Raststätte vom Morgen ein und sehen jetzt, dass die Tische auf die andere Seite der Autobahn gebracht worden waren. Mit uns hielt auch wieder eine chinesische Reisegruppe. Ich kann aber nicht sagen, ob es die gleiche ist.

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Nordkorea-0898-BearbeitetAls wir uns der Hauptstadt nähern, führt die von Süden kommende Straße unter dem Monument der Wiedervereinigung hindurch. Das Denkmal wurde 2001 errichtet und steht für die von Nordkorea gewünschte und von Kim Il Sung proklamierte unabhängige Vereinigung mit dem Süden: ohne die Einmischung anderer Staaten, der Zurücksetzung ideologischer Differenzen und ohne Waffengewalt. Am Schwersten wiegt dabei sicher der Punkt des Zurücksetzens Nordkorea-0894-Bearbeitetideologischer Differenzen, denn die beiden Staaten liegen in Bezug auf die Ideologie doch weit auseinander. Zudem wird in Nordkorea die Idee hochgehalten, dass ein Leben im Sinne der Chuch’e-Ideologie für alle Menschen auf der Welt ein Segen wäre.
Im Inneren des mit Figurengruppen geschmückten Sockels befindet sich ein Raum, in dem Tafeln mit Freundschaftsbekundungen angebracht sind. Ein für die von der Welt abgeschnittene Bevölkerung sicher wichtiges Monument der Wiedervereinigung, Pjöngjang, NordkoreaSymbol.
Ich bin – ohne ausdrückliche Genehmigung – in diesen Raum gegangen. Kurze Zeit später kommt ein Mann, der mir signalisiert, dass ich diesen Raum nicht betreten dürfe. Der Mann sprich anschließend mit Song San und ist scheinbar ärgerlich, dass man auf mich  nicht besser aufgepasst hat.

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Die weiße Stadt

Bei vielen Bauten in Pjöngjang kann man Pjöngjang, Nordkoreadenken, dass sie weiß gestrichen sind. Wenn die Sonne scheint, strahlen die Gebäude der sozialistischen Moderne – bzw. des sozialen Wohnungsbaus, wie es bei uns heißt. Betrachtet man die Häuser genauer oder hat die Gelegenheit, sich ihnen zu nähern, wird deutlich, dass die helle Farbe vom Putz herrührt und sie gar nicht gestrichen sind.
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Die Wohnungen sind allerdings, so sagte uns Song San, sehr groß. 100 Quadratmeter seien durchaus üblich. Man bekommt die Wohnung allerdings nur, wenn man verheiratet ist. Song San lebt mit seinen 29 Jahren noch bei seinen Eltern und muss sich – so sagt er –  jetzt wohl mal um eine Frau kümmern.

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Der zentrale Platz

Nordkorea-0910-BearbeitetWir besichtigen den Kim Il Sung Platz, auf dem gestern die Parade abgehalten worden war. Umrahmt wird der riesige Platz von wichtigen Gebäuden. Im Zentrum befindet sich hinter der Tribüne die Große Studienhalle des Volkes mit der Nationalbibliothek und einer Volkshochschule. Auf der linken Seite steht das Außenhandelsministerium mit der Fahne der Partei der Arbeit und auf der gegenüberNordkorea-0907-Bearbeitetliegenden Seite die Zentrale der Partei der Arbeit mit der Flagge Nordkoreas. Davor befindet sich das Historische Museum und die Koreanische Kunstgalerie.
Die Regierung Nordkoreas wird bestimmt durch die Partei der Arbeit, deren Führungsrolle in der Verfassung verankert ist. Daneben gibt es die Koreanische Sozialdemokratische Partei und die Partei der Jungen Freunde der Chondo-Religion. Zu den alle fünf Jahre stattfindenden Wahlen bilden Nordkorea-0906-Bearbeitetdie drei Parteien eine Koalition in der Demokratischen Front für die Wiedervereinigung des Landes.

Die 75.000 Quadratmeter des Kim Il Sung Platzes werden für Aufmärsche und Paraden genutzt. Von der gestrigen Parade zum 105. Geburtstag von Kim Il Sung sind auf dem Asphalt noch die Markierungen zu sehen, an denen die Menschen für die Choreografie stehen mussten.Kim-Jong-Il-Platz, Pjöngjang, Nordkorea

In das Ensemble des zentralen Platzes gehört die Anlage des Chuch‘e-Turmes auf der gegenüberliegenden Seite des Taedong Gang. Wir gehen vor bis zum Fluss und haben von dort einen guten Blick auf die andere Seite. Hier sehen wir – ähnlich wie beim Monument der Partei der Arbeit – die Einbeziehung der umliegenden Häuser ins Gesamtbild.

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Über die Chuch‘e-Ideologie hatte ich schon etwas geschrieben. Ergänzend ist interessant,  dass drei Jahre nach dem Tod Kim Il Sungs der Chuch‘e-Kalender in Nordkorea eingeführt wurde. Dieser beginnt mit dem Geburtsjahr des Staatsgründers im Jahr 1912 und dieses Jahr gilt seitdem als Chuch‘e 1. In offiziellen Dokumenten wird heute zuerst das Chuch‘e-Jahr genannt und dahinter in Klammern das Jahr des gregorianischen Kalenders. So heißt es aktuell: Chuch‘e 106 (2017). Im Alltag wird allerdings, wie weltweit üblich, nur der gregorianische Kalender genutzt.

Vor dem Besuch des Großmonuments geht’s ins Wiener Café

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Wir machen eine Pause im Wiener Café. Vor unserer Reise hatten wir von diesem Café eines österreichischen Betreibers gelesen. Dass dies überhaupt möglich war, zeigte, dass es in den starren Reglements des Landes Bewegung gab. Mit dem Standort im Gebäude des Museum für koreanische Geschichte am Kim Il Sung Platz konnte sich das Café zudem an prominenter Stelle präsentieren.
Im Café konnte nur mit Devisen bezahlt werden und es war daher nur für diejenigen zugänglich, die im Besitz von Chinesischen Yuan, Euro oder Dollar waren. Also einer Elite und den ausländischen Gästen.

Das Café ist ganz nett, wenn es auch nicht dem Ambiente eines Wiener Cafés entspricht. Als wir uns nach der Kuchenauswahl erkundigen, werden wir sehr enttäuscht: Das Wiener Café, Pjöngjang, Nordkoreaeinzige, was das Café anbietet, ist eingeschweißtes Dauergebäck. Und von diesem müssen wir – um überhaupt etwas zu unserem Kaffee zu bekommen – einen Karton mit 20 Stück kaufen. Da frage ich mich, warum der Besitzer zur Gründung mit einem Bäckermeister aus Österreich angereist ist, um die Nordkoreaner*innen einzuweisen. Dies hat mit einem Wiener Café leider nichts zu tun. Aber vielleicht braucht man hier auch einfach kein Wiener Café und sollte sich auf andere Dinge konzentrieren?!

Zum Abschluss unserer heutigen Tour besuchen wir das Großmonument Mansudae. Das 1972 errichtete Nordkorea-0930-Bearbeitet-Bearbeitet-2Monument steht auf der anderen Flussseite gegenüber dem Monument zur Gründung der Partei der Arbeit, das wir gestern besichtigt hatten.
Das Mansudae Monument, eines der bedeutendsten Denkmäler Nordkoreas, bestand 40 Jahre nur aus der Figur des Staatsgründers Kim Il Sung. Erst 2012, ein Jahr nach dem Tod des Sohnes Kim Jong Il, wurde dieser seinem Vater zur Seite gestellt. Die Figuren sind zwanzig Meter hoch und stehen auf dem Mansu-Hügel, sodass sie von der Stadt aus gut zu sehen sind.
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Besucher*innen kaufen in den am Eingang der 240.000 qm großen Gesamtfläche gelegenen Läden Blumen, die sie den Führern zu Füßen legen.
Die Ehrerbietung gegenüber den Führern schreibt vor, dass man sich vor den Figuren verbeugt. Bevor wir das Monument besichtigen fragt uns Song San, ob wir dies machen wollen. Da wir die Besichtigung Nordkorea-0935-Bearbeitetansonsten nicht machen würden und wir uns auch nicht den landesüblichen Ritualen verschließen wollen, stimmen wir zu. Wir stellen uns in einer Linie nebeneinander auf und verbeugten uns langsam und gleichmäßig.
Vor dem Monument fotografieren sich die Menschen. Oft sind es größere Gruppen, die Transparente mitgebracht haben, auf denen Sprüche stehen. Der Abstand, den die Gruppen zu den Figuren haben, relativiert dabei deren Größe und Monumentalität.

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Links und rechts der zentralen Bronzefiguren befinden sich Gruppen mit wehenden Fahnen aus Stein und jeweils über 100 Figuren. Die linke Gruppe zeigt Personen, die Herausragendes für die sozialistische Revolution und den Aufbau Nordkoreas geleistet haben, die rechte Gruppe stellt den Freiheitskampf des koreanischen Volkes dar.
Wir stehen eine ganze Weile vor dem Monument und es wird zunehmend dämmriger. Die Beleuchtung schaltet sich ein und gibt dem Ganzen eine nochmalige visuelle Erhöhung. Da es auch kälter wird, steckt einer von uns die Hände in die Hosentasche. Dies löst eine sehr persönliche Reaktion bei Song San aus. Mit Tränen in den Augen sagt er, das man dies nicht machen könne, da es die Ehrerbietung gegenüber den Führern und dem koreanischen Volk missachten würde.

Als wir nach dem Essen zurück im Hotel sind, entdeckten Ralf und ich, dass es dort ein Kellergeschoss gibt. Der Eingang gibt das aktuelle Datum an, den 15. April, links und rechts flankiert von geschmückten Weihnachtsbäumen(!).
Im Kellergeschoss befinden sich verschiedene Räume zur Freizeitgestaltung: ein Billardraum, eine Karaokebar, Tischtennisplatten, eine Nordkorea-0965-BearbeitetBowlingbahn und Restaurants nebst einem kleinen Supermarkt. Außer auf der Bowlingbahn, wo eine kleine Gruppe spielt, sind in den Räumen nur Angestellte, die auf Kundschaft warten.
Wir fragen uns, wer nach so vollgepackten Tagen, wir wir sie erleben, noch Interesse haben kann, hier den späten Abend zu verbringen. Später lese ich, dass dieser Bereich auch für Ausländer*innen eingerichtet wurde, die in Pjöngjang vorübergehend leben. Sie haben hier einen Ort, ihre Freizeit zu verbringen.