Peking: Kunstdistrikt 798 / Dashanzi

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Ab der Subwaystation Dongzhimen nehme ich den Bus 909 Richtung Nordosten. Es dauert eine halbe Stunde, bis die gelbe Laufschrift verkündete: Dashanzi Lukou Nan. Gleich hinter der Bushaltestelle sehe ich den Eingang zum Kunstdistrikt.
Die großen Zahlen 798 führen mich in den Bezirk der Galerien, Boutiquen, Cafés und Events. 798 war die Nummer einer Fabrik der Rüstungsindustrie. Heute gehören viele ehemalige Industriegebäude zum Kunstdistrikt, aber es war das Gebäude 798, in dem 1997 die Nutzung durch die Kunst begann und die dem Bezirk den Namen gab.

China-0229Mit dem Betreten des Areals beginnt eine andere Welt. Junge Leute flanieren über das Gelände, sehen und werden gesehen. Sie pflegen diesen Habitus zwischen künstlerisch cool und jugendlich naiv. Es ist angesagt, Teil dieser Szene, dieser Kunstszene zu sein.

Der Industriekomplex Dashanzi wurde 1951
durch eine Kooperation zwischen China, der Sowjetunion und der DDR gegründet. Die Architektur wurde dabei maßgeblich von derChina-0263 DDR bestimmt, was einen damals in Deutschland und gerade auch in Ostdeutschland gängigen Baustil zur Folge hatte: den des Bauhauses. Diese Architektur mag dazu beigetragen haben, das sich Ende der 1990er Jahre die Künstler- und Galerienszene für die Räume interessierte und das Gelände zunehmend bevölkerte.

China-0267Auf dem Gelände stehen, liegen und hängen an allen Ecken Kunstwerke. Viele der Arbeiten zitieren Elemente sozialistischer Kunst. Die gestreckte Faust ist ein beliebtes Motiv, wenn sie sich auch vom Körper löst und für sich alleine ein Symbol bildet.
Die ausgestellten Kunstwerke regen dazu an, Gegenständen, die offensichtlich keine
Kunst sind, eine neue Bedeutung China-0252zuzuschreiben, sie als Objekte, als Kunst zu begreifen.China-0236-Bearbeitet

 

 

 

Ich entdecke zunehmend Dinge, deren temporäre Kunsthaftigkeit mich begeistert. Vieles wird Gestaltung, wird Kunst.

Art District Dashanzi, Beijing, China

Ein Ausstellungsraum, den ich betrete, heißt nicht Galerie, sondern Art Peking-0366Space – wahrscheinlich, da die Räume so viel Platz bieten. Sie zeigen die Ausstellung: Dialog ist nur ein Dialog. Sechs Künstler sind beteiligt. Welchen Dialog führen sie? Und wurde den Künstlern nicht gesagt, dass sie hier reichlich Platz zur Verfügung haben? Sie hängten Arbeiten in der Größe von 30 x 40 cm an eine Betonwand, die acht Meter hoch und zehn Meter breit war. Sicher, das war Konzept. Ein Peking-0367Dialog als Lehre der Gegensätze. Oder ein Dialog monochromer Flächen: Acryl im Gespräch mit Wandfarbe und Beton.

Andere Ausstellungen zeigen größere Arbeiten. Ein Raum wird bestimmt durch etwa zehn Meter hohe Betonsteelen, die vom Boden bis zur Decke reichten.

In der Amelie Galerie lese ich im Foyer einen Text der Leiterin Jessica Zhang. Peking_02Auf großen Transparenten in Chinesisch und Englisch wendet sich die Galeristin an junge Kreative. Sie schreibt darin, dass sie viele junge Leute sieht, die sich mit ganzem Herzen der Kunst hingeben. Diese Leidenschaft sei lobenswert, aber es ist viel blinder Optimismus dabei und der naive Glaube, dass der künstlerische Schaffensprozess bequem und romantisch sei.
Nach Kriterien gefragt, die für sie bei der Auswahl der Künstler*innen, mit denen die Galerie arbeitet, maßgeblich sind, schreibt Jessica Zhang: es müssen außergewöhnliche Ideen sein, die auf einem einzigartigen geistigen Fundament beruhen und unermüdlich von einer überwältigenden Neugierde auf die unbekannten Bereiche unserer Seele getrieben sind.

Eine der größeren Galerien ist Pace Beijing. Neben der hiesigen Galerie haben sie Häuser in England, Korea, Hong Kong und Kalifornien. Hier zeigt Pace gerade eine Ausstellung mit Arbeiten von David Hockney, handelt also mit den Superstars.

China-0265Das Ambiente des Kunstbezirks hat etwas von einer Kunstmesse. Die Besucher*innen wandeln von Galerie zu Galerie und sind wie ich darum bemüht, schon am Design der Plakate oder der Architektur eines PekingHauses abzulesen, ob sich ein Besuch lohnen würde. Das Angebot ist so vielfältig, dass man Entscheidungen darüber treffen muss, welche Ausstellung sich vielleicht nicht lohnt bzw. nicht dem eigenen Interesse entspricht.
Es gibt Eingänge, hinter denen sich ganze Passagen mit wieder einzelnen Läden auftun. Diese sind zwar nicht alle bespielt, doch zeigen sich auch dort immer wieder interessante Präsentationen.

Und ich bin nicht der Einzige, der Fotos macht. Eine Gruppe junger Männer scheint ein Fotoprojekt zu machen und diskutiert die Einstellungen, mit denen ein Kunstwerk aufgenommen werden sollte. Paare fotografieren sich gegenseitig vor Objekten oder Bildern.

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Jugendliche lassen sich porträtieren. Eine Zeichnung von einem Künstler aus Dashanzi ist etwas besonderes. Der Straßenkehrer verrichtet davor unbeeindruckt seine Arbeit. An anderer Stelle lassen Besucher*innen einen Scherenschnitt von sich anfertigen.

2015 hat das Goethe Institut eine Dependance auf dem Gelände eröffnet, einen Ort, wie es hieß. Es ist ein interdisziplinärer Kulturort, ein Ort, an dem ein breites Spektrum kultureller Veranstaltungen durchgeführt wird und der der Präsentation deutscher Kultur und dem interkulturellen Austausch dient.
Mit dem Ort im Kunstviertel 798 soll ein Bezug zur deutschen Beteiligung bei der Errichtung des Industrieviertels vor 64 Jahren hergestellt werden.

China-0342Über das Gelände schallt britischer Indie Pop. Als Gastland präsentiert Singapur seine Kunstszene auf einem mit weißem Gestänge abgetrenntem Gelände im Zentrum des Kunstbezirks. Junges Publikum wippt zu Rhythmen der Gruppe Take Two, die nicht nur ihrem Namen nach an Take That erinnern. Sie singen: I’ve seen too many sunsets in the morning.Peking_02
In Boxen wird die Bildende Kunst Singapurs vorgestellt. Kleine, von einer Stehlampe beleuchtete Objekte sind in dunklen Räumen arrangiert. Figuren, die mir nichts sagen und Texte, die ich nicht verstehe. Kinder posieren vor gezeichnetem Interieur, festgehalten von den Smartphones der Eltern.

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Da Porzellangeschirr auf Englisch China heißt, werde ich über dieses Foto groß CHINA schreiben – als Wortspiel. Oder auch nicht. Das Porzellan wird auf der Ladefläche eines Pritschenwagens angeboten. Es ist nichts Besonderes dabei, passt aber für den Gebrauch in den Ateliers.

In einer abgelegenen Gasse sehe ich an die Wand gekleisterte Papierbahnen. Sie sind teilweise überschrieben und durch Regen und andere Witterungseinflüsse beeinträchtigt. Einige Schriftzeichen sind noch zu erkennen. Es handelt es sich um Worte Peking-0421des großen Vorsitzenden Mao Zedong: Die demokratische Diktatur des Volkes braucht die Führung durch die Arbeiterklasse… Die Texte stammen sicher aus der Zeit, als der Komplex noch industriell genutzt wurde.
In einer Galerie dann ähnliche Schriftzeichen auf rotem Grund. Die Papiere sind hier aber gerahmt und werden als Kunstobjekte verstanden.

Peking_02Neben den Galerien gibt es viele weitere Läden auf dem Gelände. Die Tourist*innen werden mit Andenken bedacht, die Intellektuellen mit Büchern, die Ästhet*innen mit Design und die Schickeria mit exklusiver Kleidung. Die Mode wird nicht nur angeboten, sie wird auch gekauft und getragen. Und es gibt die Restaurants, es gibt Cafés und Bars, gibt Imbisse, Eisbuden und Saftstände.China-0321

 

 

 

 

 

Auf dem hinteren Teil des Geländes befinden sich alte China-0336Fabrikanlagen. Die außerhalb der Gebäude sichtbaren Rohre und Leitungen, Türme und Schornsteine bilden ein Labyrinth verschachtelter vertikaler, horizontaler und diagonaler Linien. Die Kunst hat diese Gebilde bisher wenig in Beschlag genommen. Wenn, bilden sie den Background China-0283für eine Videoinstallation oder eine Performance.
In einer Fabrikhalle arbeitet eine Frau an einem Brennofen. Ich kann nicht erkennen, ob sie Dinge für die industrielle Produktion oder für eine künstlerische Arbeit herstellt. Hier ist beides möglich.

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Am Ende des Kunstdistrikts steht der Neubau von VW/Audi R&D Beijing. R&D steht für Research and Development / Forschung und Entwicklung. China ist für den Autohersteller der derzeit wichtigste Markt. Im neuen Gebäude sind Ingenieurbüros, Werkstätten und Labors untergebracht. R&D Beijing schreibt in einer Info: Die Lage im weltweit bekannten Künstlerviertel 798 Art District schafft eine kreative Atmosphäre. Das ist sehr hilfreich für die Mitarbeiter, denn zuPeking-0343 ihrem Arbeitsprogramm gehört das Definieren technischer Ansprüche für neue Produkte, Trendscouting und Design-Input.

Der im Eingangsbereich einer Galerie stehende VW-Bus aus den 1950er Jahren bildet eine Klammer zwischen der Gründungszeit des Industriegeländes , dem Kunstdistrikt und R&D Beijing.

Baum, Zierkirsche, Peking, ChinaDer Bericht zu Peking ist damit abgeschlossen. Ein Besuch der Chinesischen Mauer und die Reise in andere Städte Chinas werde ich später ergänzen.
Im Blog werde ich zunächst von einer Reise in de USA im Mai 2018 berichen.

 

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Peking: Zeitgeistige Architektur

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Mit einer nutzbaren Fläche von 473.000 Quadratmetern ist das CCTV Hauptquartier in Peking das zweitgrößte Bürogebäude der Welt – nach dem Pentagon in Washington. CCTV steht für China Central Television und ist der größte Fernsehsender der Volksrepublik.
Entworfen wurde das spektakuläre, 2009 fertiggestellte Gebäude vom Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture) des Niederländers Rem Koolhaas. Die Bauleitung hatte der deutsche Architekt Ole Scheeren, bis 2010 Partner bei OMA.

Peking-0768-BearbeitetEs ist nicht einfach, zu dem von Weitem sichtbaren Hochhaus zu kommen. Drei Kilometer vom Zentrum entfernt ist es zwar noch fußläufig erreichbar, doch breite Autostraßen erschweren das Vorankommen. Die achtspurigen Straßen sind dicht befahren und nicht eben fußgängerfreundlich. Es ist laut, riecht nach Abgasen und ich muss immer wieder nach einem Übergang suchen. Interessant ist dabeiPeking-0765-Bearbeitet, dass sich auch die Übergänge im Neubaugebiet der stylischen Gestaltung anpassen.
Selbst als ich am CCTV-Gebäude angekommen bin, ist dies nicht wirklich erreichbar. Abgeschottet durch andere Baugrundstücke, Firmengelände oder breit angelegte Bepflanzungen werde ich als interessierter Besucher auf Distanz gehalten. Es gibt eine Zufahrt, an der die Angestellten kontrolliert werden und auf der gegenüber liegenden Seite – nach gefühlt einer weiteren Stunde Fußweg – eine offizielle Zufahrt, an deren Eingang Peking-0747-Bearbeitet-2mir aber deutlich gemacht wird, dass ich noch nicht einmal das Gelände betreten darf. Also bleibt es bei einer distanzierten Außenbetrachtung.
Das Bürogebäude ist neben seiner enormen Peking-0753-BearbeitetNutzfläche  mit 234 Metern das bei seiner Fertigstellung höchste Gebäude der Hauptstadt. Eine allerdings nur für Peking besondere Höhe, denn in anderen chinesischen Städten gibt es einige Gebäude, die die doppelte Höhe haben oder noch höher sind.
Die besondere Statik des Überhangs wurde beim CCTV-Tower durch eine Gitterstruktur ermöglicht, die außen am Gebäude als Gestaltungselement sichtbar blieb. Während des Baus waren bis zu 400 Architekt*innen und 10.000 Arbeiter*innen in drei Wechselschichten Tag und Nacht beschäftigt. Ein Bau der Superlative, der heute als einer der weltweit Bedeutendsten der zeitgenössischen Architektur gilt. Peking-0736-Bearbeitet

Auf dem Weg zurück ins Zentrum komme ich an Türmen vorbei, die sich im Bau befinden. Peking scheint überall im Aufbruch. Die stetig wachsende Bevölkerung braucht Wohn- und Arbeitsstätten. In der Stadt leben bereits über 20 Millionen Menschen, in der Region 60 Millionen. Und das Wachstum hält an. Die Landbevölkerung strebtPeking-0728-Bearbeitet in die Stadt und will am Erfolg und dem daraus resultierenden Reichtum teilhaben. Zwar ist es der einfachen Bevölkerung nicht möglich, den Aufenthaltsort zu wechseln, sie kommen aber ohne Genehmigung als Wanderarbeiter*innen in die Städte. Menschen mit finanziellen Mitteln wird es hingegen ermöglicht, ein Niederlassungsrecht zu erwerben.

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Peking-0316-BearbeitetNachdem ich am Sonntag Hadids Gebäude Wangjing Soho besucht hatte, kam ich an einem Neubaugebiet vorbei. Auch in China gibt es die Fünf-Tage-Woche und am Sonntag standen die Baukrähne still. Auf der Baustelle sah ich Container für die Bauleitung und eine Barackensiedlung als Unterkunft für die Arbeiter. Es war warm und durch die offen Peking-0318-Bearbeitetstehenden Türen der Baracken konnte ich sehen, dass die Arbeiter auf ihren Pritschen lagen und schliefen. Wahrscheinlich waren es Wanderarbeiter, die weit außerhalb der Hauptstadt ihren angemeldeten Wohnsitz hatten und beim Bau Geld verdienten.
Die soziale Stellung der Wanderarbeiter*innen war meistens schwierig. Sie waren nur geduldet, konnten keine Ansprüche geltend machen und mußten sich mit den Bedingungen abfinden, die sie vorfanden. Doch es gab auch immer wieder Berichte darüber, das es einige geschafft haben, sie sich hoch gearbeitet haben, mehr Geld verdienten und es für sie irgendwann vielleicht möglich war, ein Niederlassungsrecht zu kaufen. Diese Hoffnung trieb Millionen von Binnenmigrant*innen in Chinas Städte und machte sie zu billigen Arbeitskräften.

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Im Universitätsviertel nordwestlich vom Zentrum realisierte das Büro Jürgen Engel Architekten den Neubau der Nationalbibliothek. Das Büro mit Hauptsitz in Braunschweig betreibt ein eigenes Büro in Peking. 2003 gewannen sie den internationalen Wettbewerb, der zum Neubau der Nationalbibliothek ausgeschrieben war und realisierten den Bau bis 2008.
Mit dem auf einem Sockel sitzenden schwebenden Dach übernahmen die Gestalter Elemente traditioneller chinesischer Baukultur und interpretierten sie gleichzeitig neu. Die besondere Betonung der Horizontalen und der Symmetrie in der chinesischen Baukunst fand hier seinen spezifischen Ausdruck. Das dominante, auf Säulen liegenden Dachelement stilisiert ein liegendes Buch und nimmt damit Bezug auf die Nutzung des Gebäudes.
Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, Architektur
Ich las, dass die Bibliothek durchschnittlich 12.000 Besucher*innen pro Stunde haben soll. Dies schien mir doch eine enorm große Anzahl. An dem Tag, als ich die Bibliothek besuche, sind es nicht die Massen, die das Gebäude über die Freitreppe betreten, die direkt ins zweite Stockwerk führt.

Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, ArchitekturAuch ich lande in der zweiten Etage und nehme von dort die Rolltreppe bis zum oberen Stockwerk. Von dort habe ich einen guten Blick auf die gesamte Bibliothek. An vielen der 2000 Arbeitsplätze sitzen Student*innen in einer in Bibliotheken üblichen, ruhigen und konzentrierten  Arbeitsatmosphäre.
Mit einem Bestand von 12 Millionen Büchern ist die Chinesische Nationalbibliothek die drittgrößte Bibliothek der Welt. Die aus dem 18. Jahrhundert stammenden
Aufzeichnungen des Kaisers Quianlong, derPeking-1117-Bearbeitet von allen historischen Schriften der chinesischen Kultur Abschriften herstellen ließ, sind der größte Schatz des Hauses. Dieser lagert im Untergeschoss des Gebäudes. Auf den Etagen darüber stehen die Bücher der Bibliothek und im Dachgeschoss befindet sich eine Online-Bibliothek. So ergab sich eine konzeptionell angelegte Folge vom Altertum bis zur Moderne.

Auf einer Ebene der Bibliothek steht eine lange Reihe von Grünpflanzen in Plastiktöpfen. Es hat etwas von einer Kunstinstallation, könnte aber auch reine Deko sein.

Der für den Bau des CCTV-Hauptquartiers verantwortliche Architekt Ole Scheeren hat nach dem Ausscheiden bei OMA seine eigene Firma gegründet, das Büro Ole Scheeren. Wie das Büro Jürgen Engel verfügt auch dieses Büro über einen Sitz in Peking und ist Peking-0474-Bearbeitethier aktiv.
Beim Schlendern durch die Stadt komme ich an dem noch im Bau befindlichen, von Ole Scheeren entworfenen Guardian Art Center vorbei. Es liegt im Zentrum, nur zwei Häuserblocks von der verbotenen Stadt entfernt. Auftraggeber war das Auktionshaus China Guardian.
Im Art Center entstehen Ausstellungshallen und Bühnen, Restaurierungswerkstätten und Depots, Restaurants und ein Hotel mit 120 Zimmern. Ein Eldorado für eine internationale Kunst- und Sammlerszene. Die Konkurrenten Sotheby’sPeking-1087-Bearbeitet und Christie’s verfügen bisher über keine vergleichbaren Häuser.
Ob der an der Struktur der umliegenden Hutongs angepasste Backstein-Fassendenstil diesen Bezug erkennbar werden läßt oder der Bau eher wie ein fremder Klotz wahrgenommen wird, kann man wohl erst nach der Fertigstellung beurteilen. Hier wird entscheidend sein, wie und wem sich das Haus öffnet.

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Ein abgeschlossenes und erprobtes Bauwerk ist das Nationalstadion Peking, das als Olympiastadion für die Sommerspiele 2008 von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen und realisiert wurde. Interessant ist, dass alle Architek*innen, deren Gebäude internationaleChina-1482-Bearbeitet Beachtung fanden und daher mein Interesse weckten, europäischen Ursprungs waren. Oder ist es vielleicht so, dass nur die europäischen Architekt*innen in diesem Maße beachtet werden?
Das Stadion bekam von der Bevölkerung schon beim öffentlich diskutierten Entwurf zum Bau eines Olympiastadions den Spitznamen Vogelnest. Diese Bezeichnung soll mit dazu beigetragen haben, dass das China-1488-BearbeitetArchitektenbüro Herzog & de Meuron den Wettbewerb gewann. Nester der Mauersegler werden in Ostasien als Spezialität angeboten und ein Vogelnest ist in China äußerst positiv besetzt.
Im Planungsteam des Stadions war auch der chinesische Künstler Ai Weiwei. Als einer der bedeutendsten Künstler des Landes hat Ai Weiwei nicht nur an der Entwicklung der Form mitgewirkt. Er selber ist als Architekt aktiv und hat im Künstlerviertel Caochangdi mehrere Bauten realisiert. Somit letztlich doch noch ein chinesischer Architekt, dessen Bauten ich genauer betrachte.

China-1433-BearbeitetSeit 2006 betreibt der Schweizer Galerist Urs Meile eine Dependance im Caochangdi Kunstdistrikt, deren Gebäude von Ai Weiwei entworfen wurden. Rote Backsteinmauern bilden sechs Häuser um einen Innenhof, der durch sparsame Bepflanzung und kleine Rasenflächen der Reduktion des gesamten Gebäudes entspricht. Der gebrannte, rotbraune Ziegel bildet gerade Flächen, die durch Einsprengselungen eines helleren roten Ziegels aufgelockert werden. China-1434-Bearbeitet
Ai Weiwei schrieb in seinem verbotenen Blog über die Architektur: Trachte beim Bauen stets nach Klarheit, Einfachheit, Geradlinigkeit und Exaktheit. Und an anderer Stelle: Ein Bau nimmt durch seine Gestalt Einfluss darauf, was Menschen in ihm tun.
China-1440-BearbeitetDer Bau spiegelt in seiner äußeren Form die Funktionalität einer Galerie, die sich im Inneren zeigt. Der sachliche Ausstellungsraum eines White Cube bildet den Rahmen für die Präsentation der Kunst.China-1440-Bearbeitet_2

Während meines Besuches zeigt die Galerie
eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Cheng Ran mit dem Titel: In Course of the Miraculous. Die Filme und Videos werden auf großen Monitoren präsentiert, zum Teil ergänzt durch eine Soundinstallation.

Ein anderer Bau von Ai Weiwei sind die Red Brick Galleries. In ihrem Charakter orientieren sich die Gebäude mit ihren schmalen Gängen und Höfen an traditionellen chinesischen Bauten. Ai schrieb: Ich versuche ganz einfach, zu den grundlegendsten Möglichkeiten zurückzukehren und die Schwierigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Ich bewirke so wenig wie möglich – das ist das elementarste Merkmal meiner Architektur.
Die Galerien des Komplexes werben durchChina-1421-Bearbeitet unscheinbare, schmale weiße Beschriftungen auf hellen Betonbändern und mir als Besucher bleibt die Aufgabe, durch Erkundungen und Flanieren in den Gassen und Häusern die Kunst zu entdecken. Diese präsentiert sich auch hier im weißen, klaren Kubus.
Die Anlage hat etwas von einer Trutzburg, gekleidet in edlem Ziegelstein und mit dem Auftrag, der zeitgenössischen Kunst ideale Bedingungen zu schaffen.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Im nächsten Beitrag bleibe ich bei der Kunst. Ganz in der Nähe von Caochangdi befindet sich der Kunstdistrikt Da Shanzi, allerdings mit eindeutig mehr Eventcharakter.

 

 

Peking: Die Bauten von Zaha Hadid

Peking-0615-BearbeitetMir war Zhaha Hadid durch ihr Gebäude phæno in Wolfsburg bekannt. Inzwischen hatte ich auch in anderen Städten Europas Bauten von ihr gesehen. Die geschwungenen, bewegten Gebäude haben eine ganz eigene Formensprache.
Die aus dem Irak stammende britische Architektin hat neben Bauwerken in vielen Ländern Europas ihren Stil in den USA, in Südkorea, Abu Dhabi und Hongkong realisiert. Und hier in Peking. Die Gebäudekomplexe Galaxy SOHO und Wangjing SOHO wurden 2012 bzw. 2014 eröffnet.
Mit der Subway Linie 14 fahre ich bis nach Wangjing South. Der Stadtteil liegt zwischen dem vierten und fünften Stadtring und damit weit außerhalb des Zentrums. Viele, in den 1990er Jahren gebaute Hochhäuser schaffen hier Wohnraum für etwa 70.000 Menschen, die aus Südkorea stammen. Wangjing hat seitdem den Beinamen Koreatown.Peking-0222-BearbeitetPeking-0215-Bearbeitet

Heute ist es an die 20 Grad und sehr angenehm. Die Frühlingwinde vertreiben den Smog, der vom Winter über der Stadt steht.
Zwischen den Häusern liegen sandige, brache Felder. Die Menschen, die sich dort einfache Unterkünfte geschaffen haben, duldet man wahrscheinlich so lange, bis auch hier gebaut wird. Und in Wangjing wird viel gebaut. Technologieunternehmen und große nationale und internationale Konzerne errichten hier seit einigen Jahren ihre gläsernen Firmenzentralen.

Hinter den einfachen Häusern taucht der Peking-0217-BearbeitetGebäudekomplex Wangjing SOHO auf. Unwirklich wie eine Fata Morgana und im Kontrast zum Lebensumfeld auf dieser Seite des sandigen Feldes. Aber auch im Kontrast zu den benachbarten Firmensitzen von Daimler, Microsoft und anderen Unternehmen. Die Gestalt der SOHO Gebäude verabschiedet sich von den traditionellen und noch immer aktuellen kubischen Formen.
Zaha Hadid, Soho

Sie erinnern an in der Landschaft liegende – oder stehende – Kieselsteine. Formen, die neu sind in der Architektur und trotz ihrer Anmut gewaltig.
Zaha Hadid wurde einmal dafür kritisiert, dass ihre Formensprache
Peking-0302-Bearbeitetdie Funktion und den Ort überdecken würde, in dem die Gebäude stehen. Aber kann nicht auch die Form prägend sein für den Ort und diesen entwickeln?
Ja, die Kieselsteine wirken fremd. Aber sie wirken hier nicht fremder als in Tokio oder New York. Und Peking hat sich zu einem wichtigen Ort für zeitgenössische Architektur entwickelt.
Beim Näherkommen werden die Kieselsteine zu Findlingen und schließlich zu ausgewaschenen Felsen.

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Peking-0288-BearbeitetAuf der von den drei gewölbten Türmen umgebenen Plaza werde ich in ein optisches Liniengewirr gezogen. Helle Streifen, die die dazwischen liegenden Fensterreihen voneinander absetzen, werden mal breiter und wieder schmaler und scheinen sich im nächsten Turm wiederzufinden, während sich dieser im ersten spiegelt. Ein visuelles Erlebnis aus Glas, Stein und Aluminium.

Der höchste Turm ist 200 Meter hoch. Die unteren drei der bis zu 37 Stockwerke dienen der kommerziellen Nutzung: Läden, Cafés und Dienstleister. Die Planer*innen waren bestrebt, einen Ort zuPeking-0287-Bearbeitet schaffen, der auf seine Umgebung ausstrahlt und diese einbezog. Aber kommen die koreanischen Nachbar*innen und sind sie erwünscht, auch ohne potentiellen Kund*innen zu sein?Peking-0240-Bearbeitet

Auf dem Platz zwischen den Gebäuden ist Raum zum Flanieren. Vielleicht ist am Abend mehr Betrieb, jetzt zur Mittagszeit gab es nur wenig Besucher*innen. Und am heutigen Sonntag fehlen die Angestellten aus den Büros des Komplexes oder der benachbarten Firmensitze.Peking-0273-Bearbeitet

Die Architektin Zaha Hadid sagte einmal, dass sie nicht glaube, dass Architektur allein dazu da ist, ein Obdach zu schaffen. Architektur solle die Menschen auch anregen, sie beruhigen und zum Nachdenken bringen. Und an anderer Stelle sagte Hadid: Natürlich glaube ich, dass einfallsreiche Architektur das Leben der MenschenPeking-0247-Bearbeitet verändern kann, aber ich wünschte, es wäre möglich, einige der Anstrengungen, die wir in ambitionierte Gebäude gesteckt haben, in die grundlegenden architektonischen Bausteine der Gesellschaft zu lenken.

Als erste weibliche Architektin wurde Zaha Hadid 2004 mit dem Pritzker-Preis geehrt, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Schon 1982 bekam sie die Gold Medal Architectural Design von British Architecture, London und dann, nach vielen anderen Auszeichnungen, Peking-0241-Bearbeitetposthum 2016 die Gold Medal des Royal Institute of British Architects für ihr Lebenswerk. Zaha Hadid starb im März 2016. Ihr langjähriger Mitarbeiter Patrik Schumacher,  seit 2002 Teilhaber von Zaha Hadid Architekts (ZHA), führt die Marke und die begonnen Projekte nach Hadids Tod weiter. Peking-0292

Auftraggeber von Wangjing- und Galaxy SOHO war der Büroimmobilienentwickler SOHO China Limited. Das Kürzel SOHO nahm sicher Bezug auf die Szeneviertel in London und New York, stand hier aber für small office, home office. Dem Gründerpaar von China SOHO Pan Shiyi und Zhang Xin brachte ihr Konzept auch kommerziellen Erfolg: sie standen bereits auf der Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt.

Peking-0295-BearbeitetDas äußere Design von Wangjing SOHO schwingt im Inneren weiter. Säulen, Gänge, Licht und Möbel nehmen die Schwünge des Äußeren auf, führen sie fort und entlassen sie an anderer Stelle wieder.

In einem Interview sagte der Projektleiter von Wangjing SOHO, der in Japan geborene und den USA aufgewachsene Architekt Satoshi OhashiObwohl die Menschen wissen, dass es ein modernes, neues Gebäude ist, spüren sie etwas, das menschlicher oder greifbarer ist. Und Ohashi sagt, dass sich China 2008 mit den olympischen Spielen weiter geöffnet habe und setzt dies in Peking-0296-BearbeitetBezug zur Architektur von ZHA: Die Leute nennen es experimentell, aber ich denke nicht unbedingt, dass es experimentell ist. Es ist Teil des Zustands und der Dynamik, die jetzt passieren.

Welche Dynamik ist das und welche Menschen sind es, die hier neben den Büroangestellten verkehren? Im Café kostet ein Stück Kuchen umgerechnet etwa fünf Euro –  wer zahlt das für ein Stück Kuchen? Ist das die neue Mittelschicht, die sich in China entwickelt?
Peking-0260-BearbeitetSeit der Jahrtausendwende sind in China doppelt so viele Menschen in die sogenannte Mittelschicht aufgestiegen, wie in den USA. Eine Schicht, die darüber definiert wird, dass sie über ein Privatvermögen zwischen 50.000 und 500.000 Dollar verfügt. Den Chines*innen, die Wangjing SOHO besuchen, scheint es wichtig zu sein, sich als Teil der vermögenden Mittel- oder Oberschicht zu zeigen. Peking-0266-Bearbeitet

Im Café kauft eine Mutter ihrer Tochter ein Eis. Das Kind hat schon einen Luftballon und einen Drachen, den die Mutter jetzt hielt, damit das Kind das Eis essen kann. Es ist vielleicht ein besonderer Tag, vielleicht der Geburtstag des Mädchens? Es ist aber auch ein Symbol der – inzwischen aufgehobenen – Ein-Kind-Politik und dafür, dass die (Einzel-) Kinder der Mittel- und Oberschicht wie kleine Prinzessinnen und Prinzen aufwachsen.
Hier zeigt sich ein neues China, das mit unseren Vorstellungen von preiswerten China-Restaurants und Billigware Made in China nichts mehr zu tun hat.

Peking-0271-BearbeitetSOHO China konzentriert sich auf die Entwicklung von Immobilien in den zentralen Geschäftsvierteln von Peking und Shanghai. Sie arbeiteten dabei mit international renommierten Architekt*innen wie Zaha Hadid und dem Japaner Kengo Kuma zusammen und bedienten damit das Potential der wachsenden, wohlhabenden Gesellschaftsschichten.
Der Projektleiter Ohashi sagte im Interview, dass es viele Probleme in China gäbe – Umweltprobleme, persönliche und wirtschaftliche Probleme. Und er sagte: 
Ich denke, das ist die große Herausforderung. Aber um daran teilzuhaben, ist die Fähigkeit, Visionen zu erschaffen, sehr aufregend. Und deshalb sind wir hier.

Peking-0625Die in der Haustechnik arbeitenden Angestellten von SOHO tragen alle die selbe, uniforme Kleidung: gelbes Capy, weiße Jacke und schwarze Hosen. Sie pflegen das Haus und die Aussenanlagen und reinigen aufwendig die auf der Plaza und den Zuwegen verlegten Steine. Die weißen Jacken geben den Arbeitern ein reinliches, antiseptisches Aussehen, wie wir es von anderen Berufen in der Küche oder im medizinischen Bereich kennen. Und die Angestellten treten immer als Kollektiv auf – zumindest zu zweit, aber oft auch zu dritt oder in größeren Gruppen.

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Am nächsten Tag fahre ich zu dem im Stadtzentrum gelegenen anderen Gemeinschaftsprojekt von SOHO China und Zaha Hadid: Galaxy SOHO. Es liegt am 2. Stadtring im Verkehrsknotenpunkt Dongzhimen. Die Gebäude sind denen in Wangjing ähnlich, hier waren es aber vier, nicht ganz so hohe Türme – 60 statt 200 Meter. Aus der Adresse von Galaxy SOHO ist zu lesen, dass auf dem Gelände zuvor ein Hutong gestanden hat. Die Adresse lautet: Nr. 7A Xiao Pai Fang Hutong.

Die vier Türme des Komplexes sind durch Stege und Fußgängerbrücken miteinander verbunden – alle individuell gestaltet. Sie geben dem Gebäudekomplex eine gegenüber Wangjing erweiterte Dynamik. Hier lösen sich die hellen Streifen von den Gebäuden und schwingen mit den Brücken und Stegen zu den anderen Türmen herüber.
Peking-0584-BearbeitetDie zwischen den Gebäuden liegenden Plätze bieten großflächige Sitzgelegenheiten, umgeben von Wasserspielen, farblichen Gestaltungen und Mustern im verlegten Stein. Zwischen den Flanierenden kurvt das Aufsichtspersonal mit elektronischen Segway-Rollern. Mit den gestalteten Plätzen zwischen vier Häusern zitiert Zaha Hadid Architekts traditionelle chinesische Wohnhöfe.
Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China
In der alten chinesischen Architektur war ein innen liegender Hof von vier Gebäuden umgeben. Tempel-, Palast- und Hofanlagen und größere Wohnhäuser basierten im alten China auf dem Grundmuster dieses chinesischen Rechteckes oder Vierseithofes. Der Innenhof war ein begrüntes Zimmer im Freien und diente als Treffpunkt der Bewohner*innen.Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China

Wie in Wangjing befinden sich in den unteren drei Etagen Gewerbeflächen und Entertainment-Einrichtungen. Darüber liegen zwölf Büroetagen und im obersten Stockwerk Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, ChinaRestaurants, Cafés und Bars. Auch in den oberen Etagen werden die Türme durch Brücken und Stege miteinander verbunden, sodass etwas wie ein geschwungenes Labyrinth entsteht. Ich folge den Pfaden und weiß bald nicht mehr, in welchem der vier Türme ich mich gerade befinde. Alles ist miteinander verwoben. Und alles ist ähnlich.
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In Peking ist es angesagt, sich Essen liefern zu lassen. Überall sieht man die gelben oder roten Fahrrad- und Mopedfahrer*innen der Lieferfirmen. Sie begegnen mir auch im Labyrinth der Büroetagen auf der Suche nach der richtigen Etage und Firma.

Peking-0624-BearbeitetIm größten der vier Türme befindet sich ein Einkaufszentrum mit Einzelhandelsläden. Die Verkleidung der die Stockwerke verbindenden Rolltreppen wird in die Balustrade der Etagen überführt und bildet so weitere Elemente dynamischer Linien.
Der Innenbereich des Einkaufszentrums ist mit einem Glasdach überspannt, das einen Durchblick auf die darüber liegenden Büroetagen ermöglicht und Tageslicht bis zum Boden führt.

Mit Galaxy- und Wangjing SOHO haben Saha Hadid und Peking-0533-BearbeitetPatrik Schumacher einzigartige Gebäudekomplexe geschaffen. Sie haben ihre Formensprache in Peking hinterlassen und mit ihrem Konzept verdeutlicht, dass auch Strukturen traditioneller Bauweisen in zeitgenössische Architektur integrierbar sind.

Patrik Schumacher führt das Label ZHA weiter und realisiert mit seinem Team Bauten, die schon in Zusammenarbeit mit Zaha Hadid für Peking entwickelt wurden:

2018 soll der Beijing-Tower – auch Leeza SOHO genannt – eröffnet werden. Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt von ZHA und SOHO China. Der Multifunktions-Turm umschließt einen 190 Meter hohen Lichthof und bildet damit das höchste Atrium der Welt. Der Turm wird mit Licht durchflutet sein und von allen Etagen eine wunderbare Aussicht auf die Stadt bieten.
Leeza SOHO wird im Lize Financial Business District gebaut und steht damit westlich vom Zentrum Pekings. Die Parteiführung hatte bemängelt, dass zu viele Bauten – u.a. Galaxy SOHO und der spektakuläre Neubau des chinesischen Staatsfernsehens – in der Region östlich des Zentrums gebaut wurden und damit das Feng Shui der Stadt gestört würde.

Das größte Projekt von Zaha Hadid Architekts ist der Flughafen Peking-Daxing. Mit dem Bau des neuen internationalen Flughafens wurde 2015 begonnen und die Eröffnung ist für 2019 geplant. Der Flughafen bekommt sieben Landebahnen und ist für bis zu 130 Millionen Passagiere ausgelegt. Er wäre damit vier mal so groß wie der neue Flughafen von Berlin und in einem Viertel der Zeit gebaut.

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Neben den Bauten von Zaha Hadid treffe ich auf weitere zeitgeistige Architektur. Einige habe ich aufgesucht, andere beim Flanieren durch die Stadt entdeckt. Davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.

Peking: Leben im Hutong

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Hutongs sind Wohnviertel des alten Peking. Traditionelle Hofhäuser stehen dicht an dicht und bilden ein Gewirr von Gassen. Die Hutongs gruppieren sich traditionell um das Zentrum, die Verbotene Stadt.
In früheren Zeiten gab es eine Rangordnung bezüglich des Standortes der Hutongs. Je dichter die Häuser dem Zentrum standen, desto feudaler waren sie. Die Hofhäuser hatten große Gärten sowie aufwendig geschnitzte und bemalte Dachbalken und Säulen. Hier lebten die reichen Kaufleute und hochrangigen Beamten. Je weiter der Hutong vom Zentrum entfernt war, desto geringer war die soziale Stellung der Bewohner*innen.

Viele der mehrere hundert Jahre alten Hutongs verschwanden mit der Gründung der Volksrepublik. Sie wurden zunehmend durch breite Straßen und Hochhäuser ersetzt, sodass heute nur noch etwa ein Viertel der alten Wohngebiete existiert.
Das Wort Hutong bedeutet Quelle. Der Hutong ist ein geschlossenes Gebiet von Wohnhäusern, die sich um einen Brunnen herum gebildet haben.

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In den Wohngebieten zeigt sich ein beschauliches Alltagsleben. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern und freuen sich über die vorübergehende Nachbarin, um ein Schwätzchen zu halten. Die in Warnfarben gekleidete Straßenkehrerin macht eine Pause und es stört sich niemand daran, wenn die Pause ein halbes Stündchen länger dauert.
Oft sind die Gassen zu schmal für moderne Autos. Kleine Dreiräder, Mopeds und Fahrräder sind daher die Hauptverkehrsmittel. Lasten werden mit verschiedensten Auf- und Anbauten transportiert. Manchmal sieht man, dass die Lastenfahrzeuge nicht mehr bewegt werden. Die Luft fehlt in den Reifen und sie werden scheinbar nicht mehr gebraucht – aber eines Tages vielleicht doch mal wieder und so bleiben sie stehen, wo sie ist.

Die Hutongs bieten den Bewohner*innen alles, was sie zum Leben brauchen. Ich kann mir vorstellen, das es einzelne Menschen gibt, die ihr Hutong noch nie verlassen haben. Wozu auch. Hier haben sie ihre Familie und die Nachbar*innen, ihre Arbeit und Läden, in denen sie einkaufen können. Und die Hutongs werden von der Staatsmacht vielleicht nicht in dem Ausmaß überwacht, wie es in modernen Wohnbezirken möglich ist.

Mit ihrer Intimität bieten Hutongs dörfliche Strukturen innerhalb einer Megastadt, die riesig, unübersichtlich und unbegreifbar ist. Es gibt Pläne, Peking mit der Hafenstadt Tianjin und der Provinz Hebei zu verschmelzen und unter dem Namen Jing-Jin-Ji das mit 130 Millionen Einwohner*innen weltweit größte städtische Gebilde überhaupt zu schaffen. Der absolute Gegensatz zu den beschaulichen Hofhäusern.

In den engen Gassen erlauben offen stehende Türen einen Einblick in die Höfe. Darf ich dort reingucken? Die Höfe sind nicht ganz privat, da sie von mehreren Wohnhäusern eingegrenzt werden. Sie sind aber auch nicht öffentlich, da es der Hof der wenigen Häuser und ihrer Bewohner*innen ist.

Der geringe Platz in den Gebäuden sorgt dafür, dass auf engstem Raum Dinge aufgereiht und gestapelt werden. Dinge des täglichen Bedarfs, Dinge, die man vielleicht nochmal gebrauchen kann und solche, die eigentlich weg können, aber für die es keinen Ort gibt, wohin sie entsorgt werden könnten.

Lässt sich der Ziegelstein nicht doch noch mal gebrauchen, auch wenn ein Stück abgeplatzt ist und eine Sperrholzplatte kann man doch bestimmt nochmal nutzen… Dazwischen hängt die Wäsche zum Trocknen.

China-0112Die zentralen Durchgangsstraßen der Hutongs sind breiter als die Gassen zwischen den Häusern. Hier befinden sich Geschäfte, Restaurants und verschiedenste Dienstleistungen. Am Straßenrand sehe ich einen Mann mit einer Art Nähmaschine. Ob es ein Schuster ist oder ein Handwerker, der unterschiedlichste Dinge näht, kann ich nicht ausmachen.

Eine Friseurin nutzt das Frühlingswetter, um ihren Kunden auf der Straße die Haare zu schneiden. So fliegen ihr die Haare nicht durch den Laden.

Kleine Geschäfte oder Kioske bieten Dinge für den täglichen Bedarf. Ich kann nicht immer erkennen, ob ein Geschäft noch in Betrieb ist oder vielleicht schon vor Jahren geschlossen wurde. Diese Region ist nicht für den Tourismus aufbereitet.

Die kleinen Restaurants sind gut besucht und ich muss warten, bis ein Platz frei wird. Aber ich werde wie die Einheimischen behandelt und mir wird ein Zeichen gegeben, als ein Platz frei wird.

Das Essen ist gut und preiswert. Die Gerichte werden mit kleinen Fotos angeboten, sodass ich sehen kann, was es wohl sein könnte. Manchmal ist auf den Fotos nicht zu erkennen, ob es sich um Kartoffeln, Pilze oder vielleicht Fleisch handelt. Da muss ich dann etwas auf Verdacht bestellten, denn eine Konversation ist mir nicht möglich und Englisch wird in diesen Läden selten gesprochen.

Das Gemüse ist immer frisch und knackig. Es ist gut gewürzt, aber nicht besonders scharf. Zum Essen gibt es Reis und ich bestelle wie die meisten Gäste Yanjing Bier.

Im Gegensatz dazu sind die Cafes in den Hutongs teuer. Ein Stück Kuchen mit einer Tasse Kaffee kann gut 100 Yuan, also 12 bis 13 Euro kosten. Die kleinen Läden sind nicht besonders edel, sie transportieren aber einen zeitgeistig coolen Chick, der entsprechendes Publikum anzieht. Hier wird auch selbstverständlich Englisch gesprochen.

Vielleicht entsteht der Preisunterschied zu den Restaurants auch dadurch, dass die Grundnahrungsmittel anders subventioniert werden als feudaler Kuchengenuss. Schließlich ist es noch immer ein kommunistisches Land.

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Die Vorbereitung des Essens vollzieht sich China-1693im öffentlichen Raum. Vor den Restaurants oder auf Plätzen sitzen die Frauen, bestücken Fleischspieße, putzen Gemüse und schälen Kartoffeln. Die Männer spielen derweil an niedrigen Hockern Xiangqi, das chinesische Schach. Die Rollenverteilung ist in den Hutongs und wohl in der ganzen traditionellen chinesischen Gesellschaft klar geregelt.

China-1334-BearbeitetDies zeigt sich auch im Straßenbild. Ältere Männer sind eher bieder gekleidet, während sich viele Frauen in schickem Outfit zeigen. Hútong, Beijing
Bei einigen Männern gibt es die Vorliebe, im Schlafanzug auf die Straße zu gehen. Diese chinesische Besonderheit sollte durch offizielle Stellen unterbunden werden, da es sich gegenüber ausländischen Gästen nicht gehören würde, sich so zu zeigen. Aber es gibt diese Männer und sie scheinen das offizielle Interesse zu ignorieren.
Bei jungen Leuten ist – wie überall auf der Welt – die Kleidung internationaler Konzerne angesagt.

In seinem Blog schrieb der chinesische Peking_02Künstler Ai Weiwei, dass 2008 – vor dem Start der olympischen Spiele – viele Häuser der Hutongs durch einrückende Trupps einheitlich übermalt wurden: man hatte die gesamte Gasse mit einer Farbschicht überzogen, die alles in ein künstliches und kaltes grau-blaues Licht tauchte; jede einzelne alte und ramponierte Tür hatte man in grellem Rot gestrichen; repariert hatte man nichts. (…) Mit einem Mal waren alle Spuren der Geschichte und alle Erinnerungen getilgt.

An vielen Häusern fallen kleine Farbflächen auf, die durch das Überstreichen angeklebter Werbezettel mit grauer Farbe entstanden sind. Das Grau ist dabei selten gleich. Es zeigt die ganze Palette zwischen hell und dunkel und von rötlichgrau bis bläulich. Die Felder bekommen so die Anmutung abstrakter Gemälde oder eines Aktion Paintings.

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Da die Häuser in den Hutongs oft klein sind, verfügen sie über keine eigenen Toiletten. Es gibt Gemeinschaftstoiletten. An diesen verdeutlichen englische Bezeichnungen und Piktogramme, dass die Toiletten auch von Touristen genutzt werden können und sollen. Ein lobenswerter Service, den man in anderen Regionen vermisst.

Es gibt Häuser, die baufällig oder kaputt sind. China-0602Hier scheinen Menschen zu leben, die kein Geld haben, um das Haus instand zu halten oder die in ein verlassenes Haus eingezogen sind um dort – etwa als Wanderarbeiter – eine provisorische Heimat zu finden.
An einigen Ecken sehe ich, dass alte Häuser repariert werden: Ziegel werden ausgebessert, Wände neu verputzt und Wege erneuert.

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China-1626Oft werden die alten Häuser aber abgerissen. Doch schaffen sie nicht mehr nur Platz für moderne, mehrstöckige Wohnhäuser oder gläserne Firmenzentralen. Heute wird das kulturelle Erbe der Hutongs erkannt. Sie werden wieder aufgebaut oder nach altem Vorbild neu gestaltet.
Obwohl der traditionelle Baustil in diesen Gebäuden sehr gut umgesetzt wird und viel besser zu erkennen ist, fehlt ihnen der Geist China-1623des Authentischen. In ihnen sind keine Kinder groß geworden, die Spuren hinterließen, sie brauchen keine Abstellflächen für Dinge, die man noch mal gebrauchen könnte und sie haben keine Ecken, die irgendwann im Zuge einer Mode ganz anders und individuell gestaltet wurde. Hier stimmt alles, es ist aber zu perfekt und daher eher museal.
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Den Touristen aus Asien – ich kann nicht erkennen, ob es eher Chines*innen oder Menschen aus anderen Ländern sind – scheint dieser Teil der Hutongs zu liegen. Die Gassen mit den Andenkenläden sind gut besucht und an einigen Orten überlaufen. Es ist den Menschen scheinbar wichtig, Teil des Events zu sein.

Als ich weiter gehe, komme ich in Straßen, die neu angelegt und noch unbewohnt sind. In ihnen ist der Tourismus aber bereits angelegt: Auf einem Platz steht eine alte Eisenbahn und in einer Straße entdecke ich traditionelle Schilde, die hier ausgestellt sind.

Das Ambiente hat etwas von einem chinesischen Disneyland und sobald die Geschäfte bezogen sind und die Reisebusse halten, gibt es wahrscheinlich kein Durchkommen mehr.

Die Hutongs als Wohngebiete der Bevölkerung werden so mehr und mehr verdrängt. Nachdem sie über Jahrzehnte abgerissen wurden, um Platz für breite Straßen, Wohnhäuser und Firmenzentralen zu schaffen, werden sie heute durch Nachbauten für den Tourismus ersetzt.

Noch kann man die authentischen Hutongs erleben und mit ihnen einen traditionellen Wohn- und Lebensraum erkunden. Ich hoffe, dass von den verbliebenen viele erhalten bleiben, denn sie vermitteln eine Atmosphäre, die man nicht neu gestalten kann. Hier schlägt das Herz der Megacity und ohne die alten Wohngebiete ist Peking sicher nicht halb so interessant.

Aber vielleicht werden die Hutongs für junge Leute und kommende Generationen auch zunehmend uninteressant. Wollten nicht alle eine Toilette in der eigenen Wohnung, Abstand zu neugierigen Nachbar*innen und die Möglichkeit, mit dem Auto vor das Haus zu fahren? Aus dieser Perspektive könnte die Aufbereitung der alten Wohnviertel für den Tourismus perspektivisch auch die einzige Möglichkeit sein, die Hutongs zu erhalten.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Nach den traditionellen Hutongs besuche ich die zeitgenössische Architektur und beginne bei der Stararchitektin Saha Hadid.

Peking: Gebäude am Tiananmen-Platz

China-0539Der Tiananmen-Platz wird umrundet von wichtigen Bauten der Volksrepublik wie dem Chinesisches Nationalmuseum und der Großen Halle des Volkes. In der Mitte des Platzes steht die Gedenkhalle für den Vorsitzenden Mao. 
China-0536Die Halle wurde nach Maos Tod am 9. September 1976 erbaut und dient seitdem als Mausoleum, in dem die Leiche Mao Zedongs aufgebahrt ist. Wenn die Halle geöffnet ist, stehen die Menschen über Stunden in der Warteschlange, um einen Blick auf den einbalsamierten Leichnam zu werfen. Besonders für China-0538die Landbevölkerung ist Mao nach wie vor ein wichtiger Bezugspunkt.
Schon Deng Xiaoping soll gesagt haben, dass der Bau des Mausoleums eine politische Fehlentscheidung war. Und seit 2016 gibt es Pläne des Politbüros, die Gedenkhalle und damit Maos Leichnam in seine Heimatstadt Shaoshan umzusiedeln.
Vor dem Mausoleum stehen verschiedene Figurengruppen, die von der sozialistischen Revolution und dem Aufbau des Sozialismus handeln. Peking-0131

Auf der anderen Seite der Gedenkhalle steht das Denkmal für die Helden des Volkes. Erbaut wurde das Monument zwischen 1952 und 1958 in Erinnerung an die Menschen, die in den revolutionären Kämpfen des 19. und 20. Jahrhunderts in China gestorben sind.

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Nationalmuseum

Im Osten wird der Tiananmen-Platz vom Chinesisches Nationalmuseum begrenzt. 1959 fusionierten an dieser Stelle das Chinesisches Historisches Museum und das Museum der Chinesischen Revolution zum weltweit größten Museumsbau. Auf fast 200.000 Quadratmetern zeigt das Museum die Geschichte Chinas von den Urmenschen bis zur Industrialisierung und Modernisierung.China-0535

Das Stadttor Zhengyangmen begrenzt den Tiananmen-Platz im Süden. Es trennte die innere von der äußeren Stadt und war als  Haupttor größer und prächtiger als andere Stadttore. China-0540
Vor dem Durchgang des Stadttores ist heute eine China-0542Messingplatte mit dem Null-Punkt zur Berechnung von Chinas Schnellstraßen in den Boden eingelassen. Vier alte mystische Tiere – der grüner Drache, ein weißer Tiger, der rote Vogel und eine schwarze Schildkröte – repräsentieren den Osten, Westen, Süden und Norden. In der Mitte der Platte befindet sich ein Rad mit Speichen, die das System der großen Straßen symbolisieren, die von Peking aus in alle Teile Chinas strahlen.

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Große Halle des Volkes

An der Westseite des Platzes befindet sich China-0476schließlich die Große Halle des Volkes und das einzige Gebäude, welches ich auch von innen besichtige.
In dem Gebäude des sozialistischen Klassizismus werden die Parteitage der Kommunistischen Partei Chinas und das alljährliche Treffen des Nationalen Volkskongresses veranstaltet. Zudem dient die Halle des Volkes mit über 300 Sälen und Büroräumen zum Empfang von Staatsgästen und als Veranstaltungsort für nationale Feierlichkeiten.

Schon der Eingangsbereich ist feudal. Marmorfußböden und Säulen begrüßen den Gast, beleuchtet von großen Kristalllüstern.

Breite Treppenhäuser und Freitreppen führen in die verschiedenen Stockwerke. Es ist kaum etwas los und ich kann ungestört durch die Gänge wandeln.

China-0501In dem 4.500 m² großen Hauptsaal könnenChina-0502 mehr als zehntausend Menschen Platz finden. In den Fernsehbildern vom Nationalen Volkskongress, der in diesem Saal einmal jährlich veranstaltet wird,  bestimmen noch immer ältere Männer das Bild. Frauen sind nur wenige zu sehen.
Auf der Sitzung im März 2018 wurde hier mit großer Mehrheit die Begrenzung der Amtszeit von Präsident Xi Jinping aufgehoben. Westliche Medien schreiben, dass damit aus der Autokratie eine Diktatur geworden sei. Dabei sollte man bedenken, das auch die Amtszeit der deutschen Bundeskanzlerin nicht begrenzt ist, wenn sie denn wiedergewählt wird.

China-0492Nach Verlassen des Hauptsaales werfe ich Blicke in die vielen kleineren Säle und Konferenzräume. Viele stehen offen und präsentieren sich in verschiedenen Designs und Ausstattungen. An den Eingängen sitzt junges Wachpersonal. Da kaum Besucher*innen kommen, ist ihr Job äußerst ermüdend und sie legen schon mal den Kopf auf den Tisch, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Die Sessel in den einzelnen Konferenzräumen sind nach Inhalt und Größe der Versammlungen angeordnet. Ich kann mir hier die Delegationen von Staatsgästen vorstellen, die schon vorher festgelegte Ergebnisse für das Protokoll nochmals verhandeln.

Als ich die Halle des Volkes verlasse, komme China-0528ich wieder auf den Tiananmen-Platz und sehe in der Ferne an der gegenüberliegenden Seite des Platzes die Nationalbibliothek. Schade, dass ich diese nicht besucht habe, aber wahrscheinlich braucht man mehrere Tage, um sie wirklich zu besichtigen.
Nein, ich werde den Platz verlassen, um durch das Tor des Himmlischen Friedens zur Verbotenen Stadt zu gehen.

Peking: Tor des Himmlischen Friedens

Peking_06Das Tor des Himmlischen Friedens steht inmitten von Peking. Es diente über fünfhundert Jahre als Eingang zur kaiserlichen Palaststadt, dessen Zutritt nur Aristokraten gestattet war. Von der Tribüne proklamierte Mao Zedong hat am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China.
Peking-0113-Bearbeitet Bevor ich zum Tor komme, muss ich mich in die Schlange zur Sicherheitsüberprüfung einreihen. Körper und Taschen werden durchleuchtet, wie man es von Kontrollen an Flughäfen oder anderen gesicherten Einrichtungen kennt. China-0132

Im Abstand von wenigen Metern stehen immer wieder Paare junger Polizisten. Sie scheinen ein Art Ehrenwache zu bilden. In militärischer Strenge erlauben sie es sich kaum, mit den Augen in verschiedene Richtungen zu gucken. Ihre Körperhaltung ist streng und in 45° zum Bordstein ausgerichtet. Ob sie wohl eingreifen würden, wenn es einen Anlass dazu gäbe?
China-0464Gegenüber sehe ich, wie eine ältere Frau von mehreren Polizisten ins Visier genommen wird. In ihren Taschen könnte sie Dinge haben, die sie vor dem Tor verkaufen möchte. Die Polizisten tragen unterschiedliche Uniformen, was sie als Mitglieder verschiedener Einheiten ausweist. Das Gespräch scheint freundlich zu verlaufen, doch habe ich das Gefühl, dass es auch kippen könnte.

Eine Rekonstruktion

Das Torgebäude, dass sich uns heute zeigt, ist eine Rekonstruktion. Unter dem Vorwand, das Gebäude zu renovieren, wurde dieses 1969 abgedeckt und unter der Hülle heimlich abgerissen – ein Vorgang, der erst dreißig Jahre danach publik wurde. Der Charme des Originalen mit Spuren der Jahrhunderte bleibt bei derartigen Aktionen leider immer auf der Strecke. Am Tor des Himmlischen Friedens
Über dem Eingang hängt das berühmte Portrait Maos, links und rechts davon Schriftbänder: Lang lebe die Volksrepublik China! Und: Lang lebe die große Einheit der Völker der Welt!

Für Besucher*innen ist es eins der Fotos, die in Peking aufgenommen werden müssen: sich selber, die Familie und Freunde vor dem Mao Bildnis am Tor des Himmlischen Friedens.Am Tor des Himmlischen Friedens

Das Tor wird – wie schon die Zufahrt – von einer Ehrengarde bewacht. Ergänzt wird diese von Männern in schwarzen Hosen, hellblauen Hemden und dunklen Sonnenbrillen, die sich dadurch den Habitus von Mitarbeitern eines Geheimdienstes geben oder es auch sind.

Das Tor des Himmlischen Friedens ist das nationale Symbol Chinas. Es erscheint im Staatswappen und die Polizei und der vermeintliche Geheimdienst haben dafür zu sorgen, dass sich hier keine ungewollten Aktionen ereignen – die von 1989 wirken bis heute nach.

Maos BildnisAm Tor des Himmlischen Friedens

Das Maobild ist mit 6,4 x 5 Metern das wohl größte öffentlich ausgestellte Herrscherportrait überhaupt. Zudem ist es das weltweit am häufigsten reproduzierte Bildnis eines Menschen – obwohl es stetem Wandel unterliegt.
Durch seine Präsentation im Freien ist das Bild permanenten Umwelteinflüssen ausgesetzt und es wird daher jedes Jahr erneuert. Mao Zedong 2017Der Maler Ge Xiaoguang hat diese Aufgabe 1977 von seinem Lehrer übernommen und malt seitdem jährlich ein neues Portrait.
Da ich das Bildnis 2015 und 2017 fotografiert habe, kann ich einen Vergleich ziehen und sehen, dass sich das Bildnis sehr verändert hat: links oben das von 2015, rechts zwei Jahre später. Interessant wäre hier ein Vergleich aller Maoportraits seit 1950. Ge Xianoguang sagt in einem Interview, dass er die abgenommenen Portraits stets vernichten würde. Aber es gibt sicherlich unzählige Fotos.

Der Tiananmen-Platz

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Wenn ich dem Maoportrait den Rücken zuwende, blicke ich auf den Platz (am Tor) des Himmlischen Friedens (Tiān’ānmén Guǎngchǎng) oder kurz den Tiananmen-Platz. Diesen Platz erkunde ich im nächsten Beitrag.