Nordkorea: Abschied

Früh am Morgen geht die Fahrt zum Flughafen und um 10 Uhr startet unsere Maschine Richtung Peking. Der Abschied von Song San und Ye Sin ist etwas melancholisch. Wie wird es mit diesem Land weitergehen?

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Nach dem Frühstück blicke ich aus unserem Zimmer im 43. Stockwerk an der Hotelwand entlang gerade nach unten. Das Basketballfeld ist auf die Entfernung kaum als solches auszumachen. Die Bäume sind voller Frühlingsgrün, es ist der 20. April. Zwei Männer, die in einem kleinen Boot auf dem Taedong rudern, werfen etwas ins Wasser. Von oben kann ich nicht erkennen, ob sie angeln.
Wir müssen uns beeilen. Christian war ärgerlich, dass wir nicht eine Stunde früher zum Flughafen gefahren sind. Doch von Song San und Ye Sin bekamen wir bestätigt, dass wir reichlich Zeit haben und so wollen wir nicht ganz so früh fahren. Aber wir wollen Christian auch nicht quälen und beeilen uns, zum Bus zu kommen.

ANordkorea-1760-Bearbeitetls wir im Auto sitzen, fängt es wieder an zu regnen. Dabei hat der Tag sonnig begonnen. Wir fahren an der Chollima-Statue vorbei. Chollima ist ein geflügeltes Pferd aus der koreanischen Mythologie. Die Statue ist 46 Meter hoch und wurde 1991 zum 49. Geburtstag von Kim Il Sung errichtet. Auf dem Pferd reiten ein Arbeiter, der einen Brief der Partei in die Luft streckt und eine Bäuerin mit einer Garbe Reis.Nordkorea-1761-Bearbeitet

Etwas weiter außerhalb sehen wir von Ferne den Friedhof der Märtyrer. Auch dies ist ein Ort, den wir in den acht Tagen nicht besichtigten. Aber er gehört zu den Orten, die Gästen gezeigt werden – im Gegensatz zu vielen anderen. Ich las, dass etwa 80% des Landes Ausländer*innen nicht zugänglich sind.
Nordkorea-1763-BearbeitetAuf dem Weg zum Flughafen gibt es plötzlich eine Produktwerbung – die erste, die wir überhaupt in Nordkorea sehen. Es wird für Autos der Pyeonghwa Motors Corporation geworben. Diese Automarke ist ein Joint-Venture zwischen süd- und nordkoreanischen Autobauern mit Fabrikanlagen in Nordkorea. In westlichen Medien wird aber berichtet, dass das Auto derzeit in China gebaut wird und die Fabrikation südlich von Pjöngjang ruht.Nordkorea-1766-Bearbeitet

Bevor wir zum Flughafengebäude kommen, werden wir von Kim Il Sung und Kim Jong Il verabschiedet – zumindest symbolisch auf einem Gemälde. Wir sahen in den vergangenen Tagen viele Varianten der Darstellung des ewigen Präsidenten und des ewigen Generalsekretärs. Wäre ich nicht an dem Foto interessiert, würde ich wahrscheinlich nicht mehr hingucken. Ob die Menschen Nordkoreas noch den Blick für die Darstellungen ihrer Führer haben?

Unser Flugzeug startet um 10 Uhr. Wenn wir die wenigen Stunden an unserem Ankunftstag und die von heute abrechnen, waren wir eigentlich nur sechs Tage in Nordkorea. Es ist erstaunlich, wie viel wir in diesen wenigen Tagen gesehen haben.

Wir werden von Ye Sin und Song San verabschiedet. Wir, dass waren Maike, Ralf und ich. Christian war in der Sicherheitszone verschwunden, sobald wir das Gebäude betraten. Er schien wirklich panische Angst zu haben, das Flugzeug zu verpassen. Als wir durch die Sicherheitszone gehen, drehen wir uns nochmals um und winkten Song San und Ye Sin ein letztes Mal.

Kim Jong Un, Foto: Reuters
Kim Jong Un, Foto: Reuters

Das war Nordkorea. Ein Besuch im April 2017. Wie wird sich das Land weiter entwickeln? Besteht die Gefahr, dass es zu einem Krieg zwischen Nordkorea und den USA kommt?
Hat der noch immer junge Kim Jong Un die Möglichkeit, sein Land umzubauen und andere Wege einzuschlagen? Auch wenn er als großer Führer verehrt wird, gibt es Kräfte, denen es vielleicht schwerer fällt, neue Strukturen zuzulassen. Da ist Kim Yong Nam, seit 1980 – also zu Regierungszeiten des Staatsgründers Kim Il Sung – Mitglied des Politbüros und seit 1998 Vorsitzender des Präsidiums der Obersten Vollversammlung und damit protokollarisches Staatsoberhaupt. Dann gibt es Pak Pong Ju, auch er seit 1980 im Zentralkomitee der Partei der Arbeit und heute Vorsitzender des Ministerrates. Pak ist inzwischen 79 Jahre alt, Kim Yong Nam fast 90.

Natürlich ist die Lage nach einem Kurzbesuch nicht wirklich zu Nordkorea-0047-Bearbeitet-Bearbeitet
beurteilen. Aber keine Bevölkerung eines Landes, und weder die Menschen in den Vereinigten Staaten noch die in Nordkorea, wollen einen Krieg. Die Erfahrung mit den Amerikanern war und ist für viele Länder schwierig. Aktuell wollen die USA das Atomabkommen mit dem Iran kündigen. Wie soll da Nordkorea vermittelt werden, dass sie Absprachen mit den USA treffen sollten? Dann bauen die USA derzeit in Südkorea südlich von Seoul einen neuen Militärstützpunkt für 42.000 Militärangehörige. Kostenpunkt: 11 Milliarden Dollar. Schafft das Vertrauen?

Und es gibt die Situation in Nordkorea. Es gibt die 80%, die den Gästen nicht gezeigt werden. Es gibt die Berichte über Arbeitslager, über Kontrolle Nordkorea-0295-Bearbeitet-2und Bespitzelung der eigenen Bevölkerung. Die Pressefreiheit ist praktisch nicht vorhanden. In der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Nordkorea wieder – vor Eritrea – den vorletzten Platz. Eine freie und offene Information der Bürger*innen gibt es nicht. Das WorldWideWeb kann nicht genutzt werden.

Es muss Veränderungen in Nordkorea geben. Diese sind wahrscheinlich nur mit Hilfe Chinas möglich, die als letzte Verbündete gelten. China hat sicher kein Interesse, dass sich die beiden Koreas zu einem kapitalistischen Land unter südkoreanischer Leitung Nordkorea-0383-Bearbeitetvereinigen und die Amerikaner somit direkt an der eigenen Grenze stehen. Die Verhandlungen zu einem unabhängigen, blockfreien Korea stehen aber derzeit – soweit ich es überblicken kann – nicht auf der Agenda. Insofern gibt es viele Fragen und wenn ich jetzt einen Artikel über Korea in der Zeitung sehe, lese ich diesen intensiv, da ich die Hoffnung habe, dass sich etwas in eine Richtung bewegt, die friedlich und für alle akzeptabel ist.

  • Unser Reiseveranstalter war Nordkorea-Info.de den ich gerne weiter empfehle für eine gute Organisation, einen freundlichen und hilfsbereiten Online-Kontakt im Vorfeld und einen reibungslosen Ablauf der Reise.

 

Nordkorea: Westmeerstaudamm in Nampo

Am vorletzen Tag haben wir nochmals ein umfangreiches Besuchsprogramm. Eine Fahrt nach Nampo zum Westmeerstaudamm, das Wissenschaftszentrum in Pjöngjang und das dortige Militärmuseum. In Pjöngjang machen wir außerdem etwas Englischunterricht in einer Mittelschule und besuchen ein Kaufhaus.

Heute scheint die Sonne und wir haben am frühen Morgen einen klaren und tollen Blick über die Stadt. In der Nacht bzw. am frühen Morgen hörten wir, wie schon in den ersten Tagen, Lautsprecherdurchsagen, die irgendwo in der Stadt unter uns tönten. Es hörte sich nach Propaganda an – der sozialistische Muezzin, der seine Botschaften verkündet. Song San sagt uns später, dass dies die Ansagen vom Hauptbahnhof seien, die bis nach oben in unser Hotelzimmer zu hören sind. Für uns hörte es sich nicht nach Bahnhofsansagen an, aber wir belassen es dabei.

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Nachdem wir im Norden, Süden und Osten von Pjöngjang waren, ging die Fahrt heute in westliche Richtung, Nordkorea-1479-Bearbeitetzur Stadt Nampo. Die Dörfer, an denen wir unterwegs vorbei fahren, hatten noch mehr städtischen Charakter als die, die wir gestern gesehen haben. Drei- bis vierstöckige Wohnhäuser in einheitlichen Farben. Sie wirken wie Siedlungen, bei denen man das Näherkommen einer größeren Stadt vermuten könnte. Hier stehen sie aber isoliert Nordkorea-1476-Bearbeitetin der Landschaft. Es fehlt nicht nur das alte Dorf, es fehlte auch die angrenzende Stadt. Vielleicht sind es auch die Anfänge einer geplanten Stadt, die dann aber keine städtischen Ausmaße erreichte, da sich die Bevölkerung nicht im vermutenden Ausmaß erhöhte?
Als wir weiter nach Osten fahren, kommen wir schließlich doch an einer Ortschaft vorbei, die nach Dorf aussieht. Die Häuser sind einstöckig und Nordkorea-1472-Bearbeitet-2haben von Ferne den Charakter der Häuser, die wir in der Altstadt von Kaesong gesehen haben. Obwohl diese Häuser älter wirken, waren sie wahrscheinlich neuer, denn der nach dem Koreakrieg notwendige Aufbau war abgeschlossen und es ist nicht mehr erforderlich, schnell Wohnraum für viele zu schaffen.
Nordkorea-1488-BearbeitetUm die Bäume und Büsche, die entlang der Autobahn stehen, war fast immer ein Kreis aus weißen Steinen gelegt. Als wir Song San danach fragen, sagt er, dass es zur Schädlingsbekämpfung sei und außerdem eine Zierde. Ich kenne die weißen Ringe an Bäumen zur Schädlingsbekämpfung. Insekten werden so davon abgehalten, den Baum herauf zu laufen. Aber Steine, die zudem in einem Abstand von etwa zehn Zentimeter liegen? Und Zierde? Auf freiem Feld um unzählige Bäume und Sträucher – ist dies realistisch? Wenn man an die Idee des Kollektivs eines sozialistischen Staates denkt, ist es Nordkorea-1489-Bearbeitetdurchaus möglich, dass eben nicht der private Vorgarten geschmückt wird, sondern die Bereiche, die für alle da sind. So kann ich es dann auch sehen und mich am Gestaltungswillen erfreuen.
Nach einer Stunde Fahrt kündet die Häufigkeit von Bussen, die uns überholen, an, dass wir uns der Stadt näherten.

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In Nampo halten wir allerdings nicht an. Song San ist ein sehr netter Mensch, doch nicht besonders geschwätzig. Wenn wir ihn nach etwas fragen, gibt er stets Antworten. Es kommt aber selten vor, dass er von sich aus etwas zu dem erzählt, was wir beim Vorbeifahren sehen oder uns darauf vorbereitet, was wir an dem Tag sehen werden. So bleibt unser Ziel und das, was uns dort erwartet, meist eine Überraschung. Natürlich könnten wir fragen, aber vielleicht ist das auch ganz schön mit der Überraschung.

Als wir die Stadt durchfahren haben und weiter Richtung Gelbes Meer fahren, zeigen sich weite, überschwemmte Felder. Gelegentlich sitzen dort Angler auf kleinen Inseln. Nordkorea-1505-BearbeitetOb die Überschwemmungen Ausläufer der Reisfelder sind, die sich wenig später links und rechts der Straße zeigen? Unter dem Wasser kann man Abgrenzungen der Felder erkennen. Ursprünglich ist Reis keine Wasserpflanze, sie hat sich aber über die Jahrtausende – es gibt Funde, die Reisanbau in Korea bereits vor 3000 Jahren bekunden – durch Zucht an die Überflutung der Felder angepasst. Der Nassreisanbau istNordkorea-1511-Bearbeitet sehr arbeitsintensiv, ermöglicht aber viel höhere Erträge als andere Anbauarten und wird daher heute zu 80% angewandt. Die Aussaat muss allerdings nach wie vor in ein relativ trockenes Feld erfolgen, da sie ansonsten nicht aufgehen würde. Die Setzlinge werden dann erst nach dem Keimen vom Pflanzfeld ins nasse Reisfeld Nordkorea-1508-Bearbeitetumgesetzt. Um den Wasserzulauf zu regeln – es kommt auf die richtige Dosierung und den geregelten Ab- und Zufluss des Wassers an –  sind zwischen den Feldern Gräben angelegt.
Neben den Feldern sehen wir Dörfer, die wieder eine eher traditionelle Struktur aufweisen.

Wir erreichen unser heutiges Ausflugsziel an der Koreabucht im Gelben Meer: den Westmeerstaudamm. Mit diesem Staudamm hatte Nordkorea Anfang der 1980er Jahre den damals größten Staudamm der Welt errichtet. Die acht Kilometer lange Mauer trennt den Fluss Taedong vom West- bzw. Gelben Meer und hält das Salzwasser außen vor.

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Das Projekt bietet ein Beispiel, wie das Militär in nationale Projekte eingebunden wird: Hier waren es drei Armeedivisionen, die Straßen- und Eisenbahnverbindungen über das mächtige Flussdelta und die drei Schleusen in Rekordzeit errichteten.Nordkorea-1538-Bearbeitet
Auf einer Anhöhe oberhalb der Schleusen seht ein Museumsbau, gekrönt von einem Leuchtturm in Form eines Ankers. Im Museum wird uns in einem Film die Errichtung des Nordkorea-1533-BearbeitetStaudammes in ihrer ganzen Dramatik vorgeführt. Der Kampf mit den Fluten und die wegweisenden Worte Kim Il Sungs werden für uns mit deutschen Kommentaren hinterlegt. Ein maßstabsgetreues Modell zeigt die Schleuse von oben.  Der zum Film gereichte Kaffee macht die Betrachtung zu einer angenehmen Pause.
Nordkorea-1532-BearbeitetAuf der Anhöhe haben wir einen tollen Rundblick über den Staudamm und die Schleuse. Die SonneNordkorea-1536-Bearbeitet
scheint angenehm warm und die Bäume zeigen hier oben ihre frühlingshaften Triebe. Es ist wieder solch ein Ort, an dem man das Schreckgespenst einer nordkoreanischen Atommacht, welche die Welt bedroht, vergisst. War das naiv oder war es naiv, auf die westliche, amerikanische Propaganda zu hören?

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Als wir vom Westmeerstaudamm wieder Richtung Nampo fahren, passieren wir einen Neubau. Da dieser kein Gerüst hat, sieht es zunächst so aus, als sei es eine Bauruine. Auf dem Dach erkenne ich dann aber Arbeiter. Der Kiosk vor dem Rohbau wirkt etwas deplatziert und surreal. Wird um einen bestehenden Kiosk neu gebaut oder steht der Kiosk hier zur Versorgung der am Bau beteiligten Menschen? Da die Fläche rund um den Kiosk aus Sand besteht, ist es wahrscheinlich, dass er Teil eines größeren Baugebietes ist.

Nordkorea-1499-BearbeitetDie Hafenstadt Nampo ist mit fast 500.000 Einwohner*innen nach Pjöngjang und Hamhung die drittgrößte Stadt Nordkoreas. Aus dem Bus sehen wir, dass die Stadt sehr belebt ist. Die Menschen scheinen hier entspannter zu sein als in der Hauptstadt. Radfahrer*innen suchen sich ihren Weg auf dem Fußweg und die Stadt schien in einem gemächlichen Flow voran zu schreiten.

Nampo, NordkoreaPlötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel einen Jugendlichen, der in Richtung unseres Busses guckt. Der junge Mann unterbricht die Dynamik der städtischen Bewegung. Er steht da und beobachtet, trägt ein schräg auf den Kopf sitzendes Cappy und verkörpert eine Jugend, die sonst nicht sichtbar ist. Für mich symbolisiert er eine mögliche Veränderung, die Selbstbewusstsein gegenüber der Staatsmacht aber auch gegenüber ausländischen Interessen zum Ausdruck bringt. Diese Stadt und ihre Bevölkerung schien wirklich interessant zu sein. Aber wie zu erwarten, sieht unser Programm keine Besichtigung vor.Nordkorea-1573-Bearbeitet

Ein Phänomen, das ich schon in Pjöngjang beobachtete, zeigt sich auch hier: viele Häuser sind in Farben gestrichen, die ich mit Lachs und Mint bezeichnen würde. An einer Hausfassade, an der wir vorbei fahren, wird die weiße Fassade gerade mit dem Lachston übermalt.
In einem Land mit wenig Ressourcen könnte man vermuten, dass es von diesen Farben eine Überproduktion gibt und sie eben genutzt wurden, bis sie verbraucht sind. Die Farben werden aber so konsequent im ganzen Land angewandt, dass es ein farbliches Konzept geben muss. Ob dies seinen Ursprung im Volksgeschmack hat oder es die Lieblingsfarben derNordkorea-1568-Bearbeitet Führer sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht ensteht in der Kombination von Mint und Lachs einfach ein gefälliger Kontrast, der auffällt, ohne aufdringlich zu sein. Für mich sind es jetzt auf jeden Fall die typischen Farben, wenn ich an Nordkorea denke.

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Wir fahren also zurück nach Pjöngjang, ohne in Nampo auszusteigen. Der Vorteil ist, dass wir dann noch den Nachmittag in der Hauptstadt verbringen können.
Nordkorea-1578-BearbeitetEs ist heute ein wirklich schöner Tag und der Blick über die Getreidefelder hat schon etwas sommerliches. Die roten Fahnen am Rand der Felder zeigen an, so erklärt uns Song San, dass die Brigade heute hier auf diesem Feld arbeitet.

Als wir so durch die Landschaft schunkeln, muss ich daran denken, wie schnell man sich an Situationen gewöhnen kann. Wir sind jetzt sieben Tage in einem Land, das als eins der am schwersten zugänglichen gilt. Und schon nach einer Woche ist es fast selbstverständlich,Nordkorea-1579 hier zu sein.
Die händischen Ausbesserungsarbeiten auf der Autobahn, die mir am zweiten Tag so unverständlich waren, schienen mir jetzt erklärlich. Es ist wie eine Zusammenarbeit von Nachbarn, die die Straße vor ihrem Haus gemeinsam flicken.

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Nordkorea-1605-BearbeitetIn Pjöngjang besuchen wir das 2016 eröffnete Wissenschafts- und Technologiezentrum. Das Zentrum, das die Form eines Atoms hat, steht auf einer Insel im Fluss Taedong. Die anderen, umgebenden Gebäude nehmen Schwünge und Elemente des Haupthauses auf. Das Ambiente hat etwas von einer Filmkulisse aus einem Zukunftsfilm, der vor 60 Jahren gedreht wurde aber heute spielt.Nordkorea-1608-Bearbeitet

In westlichen Medien wird Kim Jong Un für den Bau des Zentrums gerügt. Es heißt dort, dass es nur dazu diene, die Kim-Dynastie zu verherrlichen. Vielleicht sollten wir einfach anerkennen, dass hier etwas für die Bevölkerung gebaut wurde und das ist sicher besser, als Bomben zu bauen.

Das Zentrum dient neben der Forschung und Entwicklung der Ausbildung. Es gibt hier Plätze für Fernstudien, Konferenzräume und regelmäßige Symposien und Ausstellungen. Weiter beinhaltet das Zentrum, dass auch als Sci-Tech Complex bezeichnet wird, ein Nordkorea-1636-BearbeitetMuseum für die Entwicklungsgeschichte von Wissenschaft und Technik und einen Erlebnisbereich für Kinder. Es gibt mehrere Indoor-Hallen, etwa die Halle für Basiswissenschaft und die Halle der angewandten Technologie, einen Erfahrungsraum für Erdbeben und ein fiktives Labor. Rakete

In der Mitte des Wissenschaftszentrums steht das Modell einer Rakete. Natürlich denken wir bei Nordkorea sofort an einen militärischen Angriff und an den Transport von Atomwaffen. Das hier präsentierte Modell einer Rakete des Typs Unha 3 ist aber dafür bestimmt, Satelliten ins All zu befördern. Die Unha 3 wiegt im Original etwa  90 Tonnen und gehört damit zu den kleineren Raketen. Bei Nordkorea-1612-Bearbeitetdieser Rakete wird nur schubschwaches Triebwerk eingesetzt, was die nordkoreanische Aussage untermauert, dass dieser Raketentyp nie als Interkontinentalrakete geplant war, da sie dafür nicht geeignet ist. Der Einsatzzweck einer Interkontinentalrakete wäre in erster Linie militärisch – etwa als ein Trägermittel für Kernwaffen. Damit will ich nicht behaupten, dass das ganze Wissenschaftszentrum für friedlicheNordkorea-1637-Bearbeitet Zwecke bestimmt ist. Es zeigt aber, dass auch in Nordkorea nicht jede Rakete für eine militärische Nutzung konzipiert ist.

Insgesamt gibt es im Zentrum über 3000 Computerarbeitsplätze. Von denen sind zwar nur ein Teil besetzt, als wir die Räume besichtigen, wir können aber sehen, dass hier ganz unterschiedliche Altersgruppen Nordkorea-1626-Bearbeitetarbeiten. Es ist eine wissenschaftliche Volkshochschule im besten Sinne des Wortes. Die Schüler*innen, Student*innen und anderen Nutzer*innen arbeiten sehr konzentriert und nahmen uns Gäste kaum wahr.

Wir schauen uns ein Modell an, das zeigt, wie Kohlendioxid in die Erde gepumpt wird, statt es in die Atmosphäre entweichen zu lassen. Dieses Verfahren wird aktuell weltweit Nordkorea-1634-Bearbeiteterforscht. Im Zuge der Forschung zeigt sich, dass es notwendig ist, in der Erde Basaltgesteinvorkommen zu haben, da sich in diesem Gestein dass CO² mineralisiert und nur dadurch die Gefahr, dass es wieder entweicht, gebannt werden kann. Wenn Nordkorea Basaltvorkommen hat und auf diesem Gebiet forscht, kann es für Industrienationen interessant werden, diese Technologie hier zu nutzen. Und Nordkorea die so wichtigen Devisen einbringen.Nordkorea-1658-Bearbeitet

Nach dem Rundgang, der Diskussion an wissenschaftlichen Modellen und der Erprobung technischer Geräte verlassen wir das Wissenschafts- und Technologiezentrum. Auf dem Vorplatz schauen wir auf die zentrale Skulptur, die die Form der Spitze eines Füllfederhalters hat. Hiermit wird die Wissenschaft als wichtiger Baustein zur Entwicklung des Landes geehrt.

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Bei der Weiterfahrt passieren wir weitere imposante Gebäudes. Das Sportstadion Erster Mai zählt zu den größten oder ist sogar das größte Stadion der Welt. Es soll 150.000 Besucher*innen fassen. Es ist über 60 Meter hoch, hat acht Stockwerke und auf dem sechsten Stockwerk befindet sich eine mehrere hundert Meter lange Laufbahn.Nordkorea-1739-Bearbeitet

Ein anderes interessantes Gebäude ist die Eissporthalle. Sie ist auch über 60 Meter hoch, von der Grundfläche aber wesentlich kleiner als das Erste Mai Stadion und bietet nur 6000 Plätze auf vier Rängen. Neben Eishockeyspielen und Eiskunstlaufwettbewerben finden hier Tischtennis-, Volleyball- und Basketball-Turniere statt.Nordkorea-1682-Bearbeitet

Ein weithin sichtbares Gebäude ist das Ryugyong Hotel. Das Gebäude befindet sich seit 1987 im Bau und sollte damals mit 300 Metern Höhe das höchste Hotel der Welt werden. Der Bau verzögert sich aber bis heute, da verschiedene Investoren und angedachte Betreiber absprangen. Als Rekord hält das Ryugyong Hotel, dass es das erste Bauwerk außerhalb New Yorks und Chicagos mit mehr als 100 Etagen war. Für die Führung des Landes ist es scheinbar notwendig, Superlative zu schaffen. Hierbei ist unklar, ob dies eher für das Ansehen bei der eigenen Bevölkerung oder gegenüber dem Ausland wichtig ist.

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Unser nächster Besichtigungsort ist das Nordkorea-1671-BearbeitetMilitärmuseum von Pjöngjang. Auf einem riesigen Platz, auf dem neben uns nur wenige Zivilisten zu sehen sind, stehen Skulpturen, die an bestimmte Schlachten und revolutionäre Ereignisse erinnern. Die Militärs, die hier einzeln oder in kleineren Gruppen spazieren, scheinen höhere Ränge zu bekleiden.

Militärmuseum, Pjöngjang, Nordkorea

Die zentrale Figur erinnert an den Koreakrieg von 1950 bis 1953. Der Krieg zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea), unterstützt von China auf der einen und der Republik Korea (Südkorea), unterstützt von den Vereinten Nationen unter Führung der USA auf der anderen Seite. Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea hatte sich im Verlauf des Krieges einmal ganz nach Süden und dann weit nach Norden verschoben, um nach drei Jahren Krieg, der fast völligen Zerstörung Nordkoreas und nahezu vier Millionen Toten wieder dort zu sein, wo sie ursprünglich war. Nordkorea-1675-Bearbeitet

Auf dem Außengelände des Militärmuseums werden Teile abgeschossener Flugzeuge und ein gekaperter amerikanischer Hubschrauber präsentiert. Die Amerikaner hatten im Krieg eine Belohnung von 100.000 Dollar für denNordkorea-1680-Bearbeitetjenigen nordkoreanischen Piloten geboten, der zuerst mit einem Jagdflugzeug nach Südkorea fliehen würde, da sie an der Technik des Flugzeuges interessiert waren. Die Nordkoreaner zeigen hier, dass sie auch ohne die Zahlung von Belohnungen in den Besitz gegnerischer Militärausrüstung gekommen sind.

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Das Gelände des Militärmuseums liegt am Fluss Potong. Und hier liegt ein besonderer Fang vor Anker: das amerikanische Spionageschiff Pueblo. Es wurde 1968 von der Nordkorea-1690-Bearbeitetnordkoreanischen Marine gekapert, zunächst nach Wonsan und später nach Pjöngjang gebracht. Das Schiff, offiziell als Umweltforschungsschiff deklariert, hatte die Aufgabe, sowjetische und nordkoreanische Aktivitäten in der Koreastraße zu erkunden. Bei der Kaperung wurde ein amerikanischer Soldat getötet und 82 Besatzungsmitglieder gefangen genommen.

Wir werden durch das Schiff geführt, können uns die Funkeinrichtungen, Gegenstände der damaligen Besatzung und Fotografien ansehen, die die Crew zeigen und die Nordkorea-1692-BearbeitetGeschichte illustrieren. Nordkorea-1691-Bearbeitet
Auf dem Bücherregal stehen Bücher wie The Missile Crisis, in dem Elie Abel die Kubakrise beschreibt oder ein Roman des schottischen Autors Alistar MacLean über den Kreuzer HMS Ulysses, dessen Fahrten und Schlachten im zweiten Weltkrieg.Nordkorea-1686

Die gefangenen Besatzungsmitglieder wurden Ende 1968 in die Demilitarisierte Zone gebracht und über die Brücke ohne Wiederkehr nach Südkorea in die Freiheit entlassen. Dieser Schritt wurde erst dadurch möglich, dass sich die USA zur Spionage bekannte, sich für diese entschuldigte und gelobte, nie wieder in Nordkorea zu spionieren. Das von General Woodward unterzeichnete Entschuldigungsschreiben wird in der Pueblo präsentiert.
Das Schiff selber wird wohl in Nordkorea bleiben und ist damit das weltweit einzige Schiff der US-Marine, das sich in den Händen einer fremden Macht befindet.

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Den Rundgang im Museum kann ich nicht illustrieren, das es untersagt ist, Fotos zu machen. Wir sehen einen Film über Gräueltaten und Erfolge des Krieges. Natürlich Nordkorea-1700-Bearbeitet-2gingen die Gräueltaten vom Feind aus und die Erfolge sind die der eigenen Armee. Beim Rundgang durch das Museum werden wir an sehr realistischen, originalgetreuen Aufbauten von Kriegsszenen vorbei geführt. Auch hier unter dem klaren Freund-Feind Schema.
Neben uns sehen wir nur Gruppen von Soldaten, die durch das Museum geführt Nordkorea-1699-Bearbeitetwird. Entweder hat die Zivilbevölkerung kein Interesse oder es ist ihnen nicht gestattet, dass Museum zu besuchen. Es ist aber wahrscheinlich, dass hier morgens auch Schulklassen durchgeführt werden. Die Gruppen der Soldaten sehen wir später außerhalb des Museums wieder, wo ich sie fotografieren kann.Militärmuseum, Pjöngjang, NordkoreaAuf den Autobahnen haben wir mehrfach gesehen, dass Menschen auf offenen Ladeflächen von Lkws transportiert werden. Neben den Gefahren, die dies birgt, ist es – besonders zur jetzigen Jahreszeit – bestimmt auch sehr kalt. Vor dem Museum sehen wir jetzt, dass auch die Soldaten auf den Ladeflächen der Trucks transportiert werden

Der nächste Ort, den wir besuchen, ist eine Mittelschule. Auf dem Schulhof hatten sich die Schüler*innen gerade – wahrscheinlich im Rahmen einer Sportveranstaltung – in Reihen und Blöcken aufgestellt. Oben auf der Treppe steht ein Lehrer, der über ein Mikrophon Anweisungen gibt. Mit den eben Nordkorea-1733-Bearbeitetgesehenen Soldaten im Kopf kommt einem hier die Assoziation einer vormilitärischen Veranstaltung in den Sinn. Aber jede organisierte Sportveranstaltung hat ja etwas militärisches, schon dadurch, dass sie unter einem Kommando steht, Uniformen mit Abzeichen getragen werden und die Teilnehmer*innen einem Disziplinarsystem unterliegen.Nordkorea-1728-Bearbeitet-Bearbeitet

Wir werden in eine 8. Klasse eingeladen und Ralf macht dort mit den Schüler*innen etwas Englischunterricht. Sie können die an sie gerichteten Fragen verstehen und einfache Antworten geben. Dabei sind Schüler*innen sehr höflich, stehen auf, wenn sie antworten, trauen sich aber nicht wirklich, eigene Fragen zu stellen. Ob dies in der Unsicherheit, in einer fremden Sprache zu sprechen, begründet ist oder den Hemmungen uns Ausländer*innen gegenüber, können wir nicht feststellen.
Ein junges Mädchen, dass durch ihr sportliches Outfit auffällt, wird von Ralf gefragt, ob sie denn gerne Volleyball spielt. Wir haben gehört, dass Volleyball in Nordkorea populär ist. No, I dont like volleyball ist ihre Antwort. Und auf die Nordkorea-1725-Bearbeitetnächste Frage, welche Sportart sie denn gerne spielt, sagt sie: I don’t like sport at all. Diese ehrliche Antwort beim Besuch der Nordkorea-1726-Bearbeitetausländischen Gruppe war interessant, da der Sport hier im Land doch besonders geschätzt wird.
Die Lehrerinnen – es waren insgesamt drei anwesend – beobachten die Antworten ihrer Schützlinge mit sichtlichem Stolz.
Hier in der Klasse fällt uns auf, dass nur einige der Schüler*innen die Uniform und das rote Halstuch der Nordkorea-1723-BearbeitetKinderorganisation tragen. Insofern scheint dies keine Schuluniform zu sein, sondern ein Kennzeichen derjenigen, die Mitglieder der Organisation sind.
Auf den Fluren der Mittelschule hängen Fotografien oder reproduzierte Gemälde von Situationen der ehemaligen Führer Kim Il Sung und Kim Jong Il mit Kindern. Vor diesen Bildnissen sind immer eine oder zwei Blumen abgelegt.
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Zum Abschluss Kaufhaus, Pjöngjang, Nordkoreades Tages besuchen wir ein Kaufhaus. In Pjöngjang gibt es zwei Kaufhäuser mit den aussagekräftigen Titeln Kaufhaus 1 und Kaufhaus 2. Im Kaufhaus konnte man nur mit ausländischer Währung bezahlen und das Angebot war übersichtlich und für uns nicht besonders interessant. Wir wurden permanent von einer Verkäuferin begleitet und als ich ein Foto mache – von dem deutschen Produkt Bebivita Anfangsmilch – sagt die Verkäuferin, dass das Fotografieren verboten ist. Insofern verzichte ich darauf und es gibt keine weiteren Fotos. Es wäre aber auch nicht besonders interessant und wir verlassen das Kaufhaus bald wieder.

Nordkorea-1751-BearbeitetEs dämmert bereits, als wir das Kaufhaus verlassen und wir fahren durch die Stadt zu einem Restaurant, in dem wir zu Abend essen werden. Die Stadt ist für uns jetzt schon vertrauter und ich erkenne einige Gebäude. Das große Studienhaus des Volkes leuchtet Pjöngjangvon Ferne und wir passieren das Museum für koreanische Geschichte. Dieses beinhaltet etwa 4000 historische Exponate, darunter Gemälde, Kleidungsstücke und Waffen. Aber es ist eins der Orte, die wir bei unserem Besuch nicht besichtigen.

Das Essen ist mal wieder sehr gut. Wir haben gelernt, von den Vorspeisen nur so viel zu essen, dass wir beim Servieren der Hauptspeise noch nicht satt sind. An die großen Krebse hat sich aber keine*r ran getraut. Wir sind wohl alle zu wenig Feinschmecker und wissen gar nicht, wie man sie essen soll. Insofern bleiben sie Deko.Nordkorea-1454-Bearbeitet

In vielen Restaurants, in denen wir gegessen haben, gibt es einen kleinen Laden, in dem man Kleidung und Geschenke kaufen kann. Im Vorübergehen gucken wir mal in die Auslage, von uns kauft aber nie jemand etwas. Es sind in erster Linie billige Artikel für den Tourismus und für uns nicht interessant.

Nordkorea-1754-BearbeitetUnser Aufenthalt in Nordkorea ging zu Ende. Nach dem Essen fahren wir durch das abendliche Pjöngjang in Richtung Hotel, wo wir schon die Koffer packen. Ralf, Maike, Song San und ich sitzen noch zusammen, um den Urlaub zu Nordkorea-1755reflektieren. Durch die Reiseleitung von Song San bekamen wir einen persönlichen Bezug zu diesem uns vorher so fremden Land. Gerne würden wir ihm jetzt unser Land zeigen, aber dies war leider nicht möglich. Letztlich wird uns nicht deutlich, wie professionell die Haltung von Song San ist. Wahrscheinlich bekommt er zwei Tage später eine neue Gruppe und hat uns bald vergessen. Schließlich ist es sein Job, den hat er sehr gut gemacht hat.

Nordkorea: Internationales Kinderferienlager

Am Morgen besuchen wir das Internationale Kinderferienlager Songdowon in einem Bezirk von Wonsan. Vor der Rückfahrt nach Pjöngjang gibt es ein Konzert in der Landwirtschaftsuniversität. In Pjöngjang fahren wir zum Mausoleum des Königs Tongmyong und zum internationalen Buchladen.

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Das Internationale Kinderferienlager bietet Kindern alles an Aktivitäten, was ihr Herz begehrt: professionelle Sportplätze und -hallen, eine Schwimmhalle, einen See mit riesiger Rutschbahn und einen Zugang zum Meer mit privatem Strand, ein begehbares Aquarium, einen Zoo und ein großes, bewaldetes Außengelände. Es gibt Zimmer mit Fernsehanschluss, Computer-Arbeitsplätze, eine Bibliothek und Ateliers. Für vier Wochen wird den Acht- bis Vierzehnjährigen der Himmel auf Erden nicht nur versprochen. Das Ferienlager wurde 1960 gegründet und 2014 aufwendig modernisiert.

Es regnet es erneut. Allerdings ist es kein Sprühregen, wie gestern Morgen, es regnet richtig, Bindfäden. Ich krieche unter den Regenschirm von Ye Jin, um vom Auto zum zentralen Haus und später von dort zu den verschiedenen Einrichtungen zu kommen.
Im Vorbeilaufen sehen wir, dass auch hier eine bronzene Statue mit Kim Il Sung und Kim Jong Il steht. Hier sind aber keine allein stehende Figuren, sie sind von Kindern umgeben. Neben koreanischen bzw. asiatischen auch von Kindern mit europäischem und afrikanischem Aussehen. Die Internationalität wird betont.

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Eine große Tafel in Form eines Fisches gibt es einen Geländeplan. Die Beschriftungen sind neben koreanisch in englisch und russisch. Es soll allerdings zunehmend Probleme mit dem Besuch von Kindergruppen aus dem Ausland geben. Neben Chinesen kamen in der Vergangenheit öfter Gruppen aus der Mongolei, Russland, Vietnam und sogar aus Tansania. Doch selbst die chinesischen Schüler*innen kommen nicht mehr in der Anzahl, wie früher. Da das Camp aber als Internationales Ferienlager konzipiert ist und diesem Anspruch auch weiterhin gerecht werden soll, werben die Betreiber*innen verstärkt im Ausland, um die Betten zu füllen. Es ist schade für die Einrichtung, da sie wirklich sehr viel bietet und Nordkorea helfen kann, sich zu öffnen.

Im Haupthaus besichtigen wir die Nordkorea-1225-BearbeitetSchlafzimmer. Je fünf Mädchen bzw. Jungen wohnen auf einem Zimmer. Jede*r hatte neben dem Bett einen kleinen Schreibtisch und im vorderen Bereich einen eigenen Kleiderschrank. Zur gemeinsamen Nutzung gibt es je Zimmer einen Flachbildfernseher.
Kinderferienlager Songdowon, Wonsan, NordkoreaDas die Zimmer gerade bewohnt sind, können wir nur daran erkennen, dass unter jedem Kleiderschrank ein Rucksack steht. Ansonsten sind die Zimmer so sauber und aufgeräumt, dass sie unbewohnt wirken.
Die gesamte Einrichtung des Kinderferienlagers ist kindgerecht gestaltet. Ein Kiosk könnte gut Teil einer Disney-Verfilmung sein und die Flure sind mit Comicfiguren dekoriert, die bekannte Disney-Figuren darstellen oder zumindest an diese erinnern. Später lese ich, dass es in NordkoreaNordkorea-1235-Bearbeitet viele talentierte Comiczeichner*innen gibt, die für internationale Konzerne arbeiten. Die Arbeitskräfte Nordkoreas waren gut ausgebildet und dabei preiswert, was sie für westliche Konzerne interessant macht und für die eigene Regierung Devisen ins Land schafft. Insofern war der Weg zu Disney nicht weit.

Nordkorea-1253-BearbeitetAuch die überall im Haus angesiedelten Computer-Arbeitsplätze haben etwas Disneyhaftes. Sie sind das passende Interieur eines modernen Kindermärchens. In seinen besseren Tagen hätte Jonny Deep hier als Akteur auftreten können: Alice im Wunderland oder Charlie und die Schokoladenfabrik. Entsprach das wirklich den Bedürfnissen von Kindern oder war es das, von dem die Erwachsenen meinen, dass es Kindern gefallen wird? Diese Kinderwelt passt zum Auftreten des Marschalls Kim Jong Un, wenn er sich mit Kindern umgibt.Nordkorea-1258

Die Kinder, die wir an den Computer-Arbeitsplätzen sehen, spielen strategische Kriegsspiele. Entspricht auch das den Vorstellungen des Marschalls?
Am Ende eines Ganges gelangen wir in einen Raum, in dem nur noch Krieg gespielt wird. Der Raum ist voller Kinder, die ihre virtuellen Feinde abschießen.

Nordkorea-1259Wir sind doch etwas schockiert, diese Freizeitgestaltung in einem Internationalen Sommercamp vorzufinden. Und wir sind überrascht, dass uns dieser Raum überhaupt gezeigt wird. Sicher ist den Organisatoren unserer Reise bewusst, dass dies nicht unseren gängigen Erziehungsvorstellungen entspricht. Song San sagt dazu,Nordkorea-1252 dass die Kinder hier – anders als in westlich orientierten Ländern – sonst nie an solchen Spielen teilhaben würden, da sie gar nicht die Möglichkeit dazu hätten. Insofern ist es für sie eine Ausnahmesituation und der Nordkorea-1251diesbezügliche Spieltrieb kann befriedigt werden. Bei uns würden Kinder über Jahre diesen Spielen ausgesetzt sein und darüber empört sich niemand. Es ist natürlich ein  Argument, aber rechtfertigt es den Einsatz von Kriegsspielen in der Erziehung? Man kann auch denken, dass dieses straff organisierte Camp auf den Militärdienst vorbereitet und das Kriegsspiele ein wichtiges Element dieser Vorbereitung ist. Das Gute in diesem Zusammenhang ist sicher, dass das Spielen der Kinder öffentlich stattfindet.

Nordkorea-1232-BearbeitetWir kommen zur Kochgruppe und fühlen uns hier weitaus besser aufgehoben. Die Mädchen und Jungen in ihren geschlechtsspezifischen rosa und blauen Trainingsanzügen sitzen in einem Raum vor einem Bildschirm, um sich dort die Zubereitung einer Speise erklären zu lassen.
Nach der Sendung gehen die Kinder zur Küche, nehmen sich eine Schürze und eine Kochmütze und setzen das eben Erfahrene mit Hilfe eines Kochs um. Da sich die Schüler*innen keine Notizen machen, ist es entweder ein einfaches Gericht Nordkorea-1224-Bearbeitetoder sie haben ein gutes Gedächtnis.

Neben der Küche gibt es einen großen Esssaal. Hier werden die Kinder von Profis bekocht. Sang San erzählt, dass es hier stets ruhig und diszipliniert vor sich gehen würde. Bei uns wäre ein solcher Saal voller Kinder sicher extrem laut.

Nordkorea-1226-BearbeitetFür Kinder, die während des Campaufenthaltes Geburtstag haben, gibt es einen besonderen Geburtstagsraum. Hier können sie mit ihren Freund*innen feiern. Im Geburtstagsraum gibt es Tische, an denen auch eine ganze Klasse sitzen und feiern könnte. Die Bühne ist für Darbietungen mit Klavier und Musikanlage nebst Bildschirm ausgestattet. Und sie singen hier wie überall auf der Welt: Happy Birthday to you!

Nordkorea-1266-BearbeitetEine Fotoausstellung zeigt die Führer bei ihren Besuchen im Ferienlager. Es wird immer wieder deutlich, wie sehr sich die Kims um Kinder bemühen und wie wichtig die Darstellung im Kreis von fröhlichen Kindern für die Außendarstellung ist. Besonders der jetzige Nordkorea-1265Führer Kim Jong Un drückt auf den Fotos eine kindliche Freude aus, die daran zweifeln
lässt, dass solch ein Mensch böse sein und niederträchtige Gedanken haben könnte.
Eine andere Ausstellung zeige Zeichnungen, die von den Schüler*innen angefertigt worden waren und hier nach Qualitätsmerkmalen ausgestellt und ausgezeichnet werden.

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In der Aula proben Gruppen für eine Aufführung. Alle Kinder tragen das rote Halstuch der Kinderorganisation der Partei. Ist es für die Nordkorea-1245Aufführung notwendig oder gehört dies zur Schuluniform? Bei einer Klasse, die wir am nächsten Tag im Unterricht besuchen, sahen wir, dass nur einige der Schüler*innen die Uniform und das Halstuch tragen.
In einem Büchlein mit Aussagen von Kim Jong Un ist zu lesen: „Das rote Halstuch der Kinderorganisation ist von der antijapanischen Kindervereinigung überliefert und ein Teilstück der roten Flagge der Partei der Arbeit Koreas. (…) Während die Volksarmee und der Jugendverband der Vortrupp der Songun-Revolution sind, ist die Kinderorganisation Koreas ihr Reservetrupp.“

Nordkorea-1300-BearbeitetAls wir vom zentralen Gebäude zu den Sporthallen gehen, kommen wir an einer riesigen Rutschbahn vorbei. Es ist die größte Wasserrutschbahn, die ich je gesehen habe und es macht bestimmt großen Spaß, hier herunter zu rutschen. Da es noch immer stark regnet, werfen wir nur im Vorübergehen einen Blick auf die Anlage.

Nordkorea-1283-BearbeitetDer Regen gestattet uns auch nur einen schnellen Blick auf die Sportplätze. Diese sind sehr gepflegt, der Rasen ohne Makel und alles wirkt, als ob es gerade fertiggestellt wurde. Trotz des RegensNordkorea-1284-Bearbeitet kommen uns Gruppen von Schüler*innen ohne Regenschutz sehr geordnet und diszipliniert entgegen. Als Gruppe gehen sie von einem Haus zum anderen. Welche Disziplin wird den Kindern hier abverlangt – ist dies ein besonderes Understatement des Ferienlagers oder der nordkoreanischen Gesellschaft insgesamt?

Nordkorea-1278-BearbeitetIn der Sporthalle findet ein Volleyballspiel oder -turnier statt. Bei den Spielern – es sind nur Jungen – fällt auf, dass sie keine uniforme  Sportkleidung tragen, was man nun gerade hier bei einem Wettbewerb Nordkorea-1281-Bearbeiteterwartet hätte. Auf den Tribünen sitzen große Gruppen von Schüler*innen, die ihrem Team bei einem Punktgewinn zujubeln. Trainer*innen stehen vor den Gruppen und geben die Kommandos für die der Situation angemessene Fanbekundung.

In der der Sporthalle gegenüberliegenden Nordkorea-1275-BearbeitetSchwimmhalle ist gerade kein Betrieb. Die Bahnen sind wohl 50 Meter lang und daher für einen groß angelegten Schwimmwettbewerb geeignet. Überhaupt hat die Halle eher einen Wettbewerbscharakter und war weniger für das Spaßbaden angelegt, wie das Außenschwimmbecken mit der Wasserrutschbahn.

Kinderferienlager SongdowonWir kriechen wieder unter die Regenschirme und gehen zu einem weiteren Haus, in dem ein Aquarium untergebracht ist. Auf der oberen Etage geht man an den Aquarien entlang, während man im Untergeschoss unter den Aquarien hindurch geht und die Fische und andere im Wasser lebende Tiere über einen hinweg schwimmen. Wir sehen viele Meerestiere, darunter Kinderferienlager SongdowonRiesenschildkröten und Haie. Es wirklich erstaunlich, was hier geboten wird.
Als wir weiter gehen, sehen wir von Weitem ein Haus, das zu einem Zoo gehört. Den Zoo besichtigen wir allerdings nicht mehr.

Wir gehen zurück zum Auto und sind insgesamt sehr angetan von dem Camp. Es wird deutlich, wie viel hier nicht nur an finanziellen Mitteln investiert wurde und Nordkorea-1301-Bearbeitetes ist dem Ferienlager zu gönnen, dass es weiterhin ein Ort ist, an dem sich Schüler*innen aus verschiedensten Ecken der Welt begegnen können.
Aus dem Auto werfen wir noch einen letzten Blick und sehen von hier, dass das Camp an einem großen See lag. Es regnet ununterbrochen.

Bei der anschließenden Fahrt durch Wonsan sehen wir rechts und links der Straße Gruppen von Frauen stehen, beschützt von Regenschirmen. Song San erzählt uns, dass dies Mütter sind, die auf die Rückkehr ihrer Söhne und Töchter vom Militärdienst warten. Diese kämen mit Militärfahrzeugen in die Stadt und würden von den Müttern in Empfang genommen.

Nordkorea-1325-BearbeitetAbschließend besuchten wir die Landwirtschaftsuniversität von Wonsan. Es gehört zum Besuchsprogramm, doch als wir die eher öden Flure entlang laufen, fragt ich mich, was wir dort sollen. Die Universität soll sehr fortschrittlich sein und interessante Labore haben. Diese bleiben uns verschlossen.

Die Frau, die uns durch die Flure führt und einen kleinen Vortrag hält, war Nordkorea-1328-Bearbeitetsehr humorig. Leider können wir dies nur aus Ihrer Mimik herauslesen, da bei Song Sans sicher exzellenter Übersetzung des Vortrages der Humor nicht mitschwang.
Wir hören von der Wichtigkeit der Forschung für die Entwicklung der Landwirtschaft des Landes. Getreide und Gemüsearten werden in den Laboren veredelt und Schädlingsbekämpfungen entwickelt. Um die Universität soll es ein großes Außengelände mit über 700 Baumarten und Fußwege mit üppig gestalteten Blumenbeeten geben. Diese können wir, wohl auch wegen des immer noch anhaltenden Regens, nicht sehen.

Jede Einrichtung, die wir besichtigen, hat einen Raum, der Bilder davon zeigt, wie die Führer die Einrichtung besuchen. Außerdem werden in diesen Räumen Mitarbeiter*innen für Verdienste geehrt und Auszeichnungen präsentiert, die die Einrichtung erhalten hatte.
In einen solchen Raum werden wir auch in der Landwirtschaftsuniversität geführt. Als unsere Führerin etwas über die Bilder und Texte erzählen will, macht sie eine Geste, dass wir uns in einer Linie vor ihr aufstellen sollen. Da dies vor Bildern der beiden Kims passiert, denken wir natürlich, dass wir uns wieder verbeugen sollten. Wir sind bereits gut konditioniert und setzen schon zur Verbeugung an, als Ye Jin und Song San anfangen zu lachen. Nein, hier müssen wir uns nicht verbeugen.

Während unseres Rundganges hören Nordkorea-1334-Bearbeitetwir immer wieder Töne von Blasinstrumenten. Als wir fragen, was das für Musik ist, sagt uns die Führerin, dass Student*innen für eine Aufführung proben. Unsere Frage, ob wir uns das angucken können, wurde zunächst verneint. Nach etwas Drängen erkundigt sich unsere Führerin dann doch im Saal und wir können in der Aula Platz nehmen – auf extrem harten und unbequemen Stühlen. Die Nordkorea-1331-BearbeitetStudent*innen unterbrechen ihre Probe und präsentieren uns ein kleines, absolut perfektes und stimmungsvolles Konzert. Es ist erstaunlich, dass Student*innen des Agrarwesens derart perfekt spielen und ihre Instrumente beherrschen. Wir klatschen enthusiastisch und die Musiker*innen freuen sich sehr über unsere Anerkennung. Es ist ein sehr netter Abschluss des Besuches der Universität und ein stimmungsvoller Abschied von Wonsan.

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Pünktlich zur HeimfahrtNordkorea-1407-Bearbeitet Richtung Pjöngjang  hört es auf zu regnen, der blaue Himmel zeigt sich und einzelne Sonnenstrahlen schaffen es auf die Erde.
Angeregt durch die Besuche der landwirtschaftlichen Kooperative und der Landwirtschaftsuniversität fiel mein Blick während der Rückfahrt gezielter auf die Felder und deren Bearbeitung links und rechts der Autobahn. Nordkorea-1398-Bearbeitet

Die Traktoren, die wir auf den Feldern sehen, tun ihren Dienst, wenn sie auch augenscheinlich älteren Datums sind. Für viele landwirtschaftliche Betriebe ist es sicher eine enorme Erleichterung, diese motorisierte Technik zu haben. Neben der Bewirtschaftung nordkorea-1396mit den Traktoren können wir viele Felder sehen, auf denen mit Ochsengespannen gearbeitet wird. Für ein Land, das Probleme hat, seine Bevölkerung ausreichend zu ernähren und das die Möglichkeiten hat, für seine Kinder ein Ferienlager zu schaffen, dem es an nichts fehlt, ist es erstaunlich, dass heutzutage noch diese mühsame Bewirtschaftung der Felder Nordkorea-1410-BearbeitetNordkorea-1354-Bearbeitetpraktiziert wird. Verständlicher wird es mit dem Hinweis, dass für die Traktoren und andere Maschinen oft nicht genug Treibstoff vorhanden ist. Der Treibstoff, für Nordkorea eine Mangelware, wird in den Fabriken gebraucht.
Was wir in diesem Nordkorea-1387-BearbeitetZusammenhang auch sehen, sind Felder, auf denen weder Traktoren noch Ochsen den Dienst übernehmen, sondern größere Gruppen von Menschen, die hier gemeinsam arbeiten. Mit unserer Sicht auf eine ökologisch ausgewogene Landwirtschaft kann man diesem Bild Sympathien entgegen bringen, das es aber wahrscheinlich nicht verdient.

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Nordkorea-1491-BearbeitetEin weiteres Thema ist die Tierhaltung. In meinem bisherigen Denken gab es in sozialistischen Staaten Massentierhaltungen, ich hatte die Vorstellung von großen Ställen voller Hühner, Rinder und Schweinen. Das, was wir sehen, zeigt das Gegenteil: einzelne Kühe, die gemächlich grasen, ein Nordkorea-1405-BearbeitetZiegenhirte mit seiner Herde und ein Schäfer, der das Lamm seines Schafes behutsam über die Straße trägt. Vielleicht sind die großen Ställe abseits der Routen, die die Besucher*innen befahren? Uns zeigt sich auf jeden Fall eine tierische Idylle und damit ein Land, dass wie gemacht scheint für den Tourismus.

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Wieder sehen wir kleinere Ortschaften aus der Perspektive des auf der Autobahn vorbeifahrenden Busses. Es wäre so interessant, zu wissen, wie es diesen Menschen abseits der Großstadt geht. Wie leben sie Nordkorea-1357-Bearbeitetihr Leben, wie zufrieden oder unzufrieden sind sie und konnten sie sich mit dem Regime arrangieren, waren sie vielleicht glühende Anhänger*innen oder stellt sich diese Frage gar nicht? Für das Verständnis und die Akzeptanz dieses Staates wird es notwendig sein, dass alle Bereiche Nordkorea-1378-Bearbeitetzugänglich werden und die Bevölkerung sich frei äußern kann.

Manchmal sehen wir Menschen abseits der Straße. Menschen, auf dem Weg zur Arbeit oder zu Verwandten, um Dinge des Alltags zu erledigen oder was auch sie immer vorhatten. Die Häuser, in denen sie Nordkorea-1409-Bearbeitetwohnen, entsprechen oft nicht den gängigen Vorstellungen einer dörflichen Struktur. Die mehrstöckigen Häuser passen eher in die Stadt. Die Gebäude sind wahrscheinlich dem notwendigen Wohnraum geschuldet, der nach der völligen Zerstörung im Koreakrieg Ende der 50ger Jahre überall geschaffen werden musste. Reste alter dörflicher Bebauung ist kaum zu sehen.

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Auf der Baustelle einer Kiesgrube warten Menschen. Warten sie auf den Bus oder eine andere Mitfahrgelegenheit? Wahrscheinlich. Andere Menschen scheinen dort zu arbeiten. Zwei standen am Rand einer Aufschüttung von Kies oder Sand und sehen so aus, als ob sie gerade ein Geschäft abschließen. Ein anderer steht oben auf dem Förderband und schiebt dort etwas entlang.
Wie viele Bilder entstand auch dieses aus dem vorbeifahrenden Bus in Sekundenbruchteilen zwischen dem visuellen Erfassen der Situation und dem Auslösen der Kamera. Zeit, ein Bild zu komponieren, gibt es in Nordkorea kaum. Dennoch sind Schnappschüsse wie dieser für mich gelungene Kompositionen und veranschaulichen eine Alltagssituation, die man nicht abbilden könnte, wenn den Dargestellten bewusst wäre, dass sie abgelichtet werden. Ein Phänomen der Straßenfotografie.

Nordkorea-1346-BearbeitetAuch unser Bus braucht mal Benzin und so bekamen wir das erste Mal auf unserer Tour eine Tankstelle zu sehen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir bisher weder am Rand der Autobahnen und Schnellstraßen noch innerhalb der Städte eine Tankstelle gesehen haben. Dies zeigt, wie wenig Autos vorhanden sind und Tankstellen so nicht überall erforderlich.Nordkorea-1403-Bearbeitet Ein anderes Phänomen sind Autos mit Holzgasantrieb, die wir ab und zu sehen. Auf dem fotografierten Kleinlaster qualmt nicht etwa der Motor, sondern der Holzkohlevergaser, durch den der Verbrennungsmotor angetrieben wird. Diesen Holzgasantrieb gab es früher in vielen Ländern und meistens dann, wenn durch Kriegs- und Krisenzeiten die Versorgung mit Treibstoff nicht sichergestellt werden konnte.

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Nordkorea-1428-BearbeitetBevor wir in Pjöngjang eintreffen, besuchen wir etwa 25 Kilometer vor der Stadt das Mausoleum des Königs Tongmyong. Dieser König begründete das Reich Goguryeo, das von 277 vor bis 668 nach dem Beginn unserer Zeitrechnung andauerte und das größte der drei koreanischen Reiche war. Ab dem Jahr 313 lag die Hauptstadt des Reiches Goguryeo auf dem Gebiet des heutigen Pjöngjang.Nordkorea-1426-Bearbeitet

Die Menschen im antiken Korea glaubten an ein Leben nach dem Tode. Sie bauten für ihre Könige und andere wichtige Personen Hügelgräber und statteten diese mit aufwendigen Wandmalereien aus, die Geschichten über das Reich erzählen. Goguryeo war nach der Zeitenwende Nordkorea-1422-Bearbeiteteines der mächtigsten Reiche Ostasiens. Uns ist es leider nicht möglich, die Wandmalereien zu besichtigen. Aufgrund der Malereien, deren historischer Bedeutung für Korea und dessen Einfluss auf andere Länder wurde das Grab 2004 durch die Unesco zum Welterbe der Menschheit erklärt.

Nordkorea-1418-BearbeitetVor der Grabanlage liegt der buddhistische Tempel Chongrungsa. Hier wurden in alten Zeiten Trauerfeiern für den verstorbenen König abgehalten. Die heute zu besichtigende Tempelanlage ist ein Nachbau, der auf der Stelle errichtete wurde, auf der Archäologen 1974 den Nordkorea-1435-BearbeitetGrundstein der ursprünglichen Anlage entdeckt hatten. Obwohl der Tempel heute nicht mehr genutzt wird, werden die Bauten des Tempels und die Grabanlage des Königs als Erbe des alten Korea gepflegt. Die Grabanlage mit dem umliegenden Tempel gehört zu den ältesten Sehenswürdigkeiten Pjöngjangs.

 

Es wird dunkel, als wir in Pjöngjang eintreffen. Wandbilder der verstorbenen Führer werden bestrahlt und die große Studienhalle des Volkes auf dem Kim-Il-Sung-Platz leuchte wie ein Palast; ein Palast des Volkes. Wir fahren zum Abendessen und anschließend in den internationalen Buchladen.

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Nordkorea-1445-BearbeitetIch habe nicht wirklich darüber nachgedacht, was ein internationaler Buchladen in Pjöngjang sein könnte, ging aber eher davon aus, dass hier internationale Literatur
verkauft wurde. Da war es in meiner Vorstellung spannend, zu sehen, welche Literatur hier angeboten wird und somit für die nordkoreanische Bevölkerung zugänglich ist. Der Buchladen hat aber eine ganz andere Ausrichtung. Die Schriften der Kim Dynastie Nordkorea-1447-Bearbeitetwerden hier in vielen Sprachen für die internationalen Gäste angeboten. Zudem gibt es Filme, Musik und Postkarten sowie Plakate und andere Andenken. Hier ist auch die englischsprachige Pjöngjang-Times erhältlich und wir sehen, dass Kim Jong Un auf wirklich jedem Titelblatt präsentiert wird.

 

Nordkorea-1448-BearbeitetAls wir die Buchhandlung verlassen und zum Hotel zurück fahren, ist es dunkel.
Auf den Straßen ist nichts mehr los, nur ab und zu sehen wir einen Linienbus, der die letzten Menschen nach Hause bringt.
Eine Verkehrspolizisten verrichtet trotz der leeren Straßen unermüdlich ihren Dienst. Mit einer leuchtenden Warnweste steht sie am Rand der Straße und blickt mit gleichem Eifer auf die leere Straße, als wenn dort ein Auto dem anderen folgen würde. Aber vielleicht hatte sie – neben der Regelung des Verkehrs – noch eine andere Funktion?

 

 

Nordkorea: Kooperative in Wonsan

Heute fahren wir von Pjöngjang Richtung Osten zur Stadt Wonsan und besichtigen dort eine landwirtschaftliche Kooperative. Da wir über Nacht bleiben, beziehen wir ein Hotel am Ostmeer. Die Stadt Wonsan sehen wir hauptsächlich aus der Perspektive unseres durchfahrenden Busses.

Pjöngjang - der Fluss Taedong-Gang am Morgen

Der Blick aus dem Fenster fällt am frühen Morgen des fünften Tages wieder auf das diesige Pjöngjang. Nebel, Regen, Trübnis. Und der Regen hört während unserer Fahrt nach Wonsan nicht wirklich auf. Es gibt Pausen, aber die Luft ist permanent mit Wasserpartikeln gesättigt.

Nordkorea, Berge, RegenWährend wir durch die Landschaft fahren, gibt es wieder angeregte Gespräche. Song San spricht den deutschen Außenminister an und dass dieser doch homosexuell sei. Nein, sagt Ralf, der jetzige nicht, sondern sein Vorvorgänger, Westerwelle, der war offen schwul. Ja, und der hat doch auch gesagt Ich bin schwul, und dass ist auch gut so warf Song San ein. Das war Wowereit, berichtigt Maike, der ehemalige Bürgermeister von Berlin. Es ist interessant, dass unser Reiseleiter dieses Thema anspricht. Nordkorea-1007-Bearbeitet
Wir sprechen dann über Homosexualität in Nordkorea und Song San sagt zunächst, dass es das in Nordkorea nicht gibt. Es dauert eine Weile, bis er sagen kann, dass es auch in Nordkorea Lesben und Schwule gibt. Wir waren positiv überrascht, dass er letztlich so offen mit uns darüber reden kann.

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Die Landschaft wird zunehmend gebirgiger. Ich hatte gelesen, dass in diesen Bergen enorme Bodenschätze lagern: neben Gold und Silber andere wertvolle Metalle und seltene Erden. Noch fehlt dem Land die Technologie, die Schätze zu heben. Aber in der Überlegung einer möglichen Wiedervereinigung und den befürchteten Kosten sind die Bodenschätze ein wichtiger Faktor, da hier nicht nur Kosten entstehen, sondern auch Ressourcen warten.
Nordkorea-0986-Bearbeitet-BearbeitetWir fahren an Ortschaften vorbei, die uns unbekannt bleiben. Jede Fläche rund um die Orte wird landwirtschaftlich genutzt. Insgesamt sind in Nordkorea wegen der Fülle an Hügeln und Bergen nur 17 % der Fläche landwirtschaftlich nutzbar. Daher muss jeder Winkel genutzt werden. Trotz dieser intensiven Nutzung ist es notwendig, wichtige Güter zu importieren, so Nordkorea-0979-Bearbeitet-Bearbeitetetwa 20% des benötigten Getreides. Und hier ist Nordkorea auf Devisen angewiesen, die oft fehlen. Zum traditionellen Reisanbau, der sich an der Westküste konzentriert, wird hier zunehmend der Anbau von Mais und Kartoffeln gefördert. Die Kartoffel ist äußerst nahrhaft, kann sich gut dem Klima anpassen und in Anbaupausen zwischen Reis und Weizen kultiviert werden.

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Die Wolken hängen weiter in den Bergen und scheinen uns einen verregneten Tag zu bescheren. Aus dem Auto heraus hat diese Perspektive eine gewisse Idylle, doch verleitet es nicht zum Aussteigen.

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Außerhalb von Wonsan besuchen wir eine bäuerliche Kooperative

Wonsan liegt am Japanischen Meer, oder, wie die Nordkoreaner sagten, am Koreanischen Ostmeer. Wir fahren zunächst durch die Stadt hindurch, um zu einem Museumsbahnhof zu fahren und eine landwirtschaftliche Kooperative zu besichtigen.

Nordkorea-1030-BearbeitetIm Museumsbahnhof steht die Eisenbahn, mit der Kim Il Sung im September 1945 nach der Kapitulation Japans in Nordkorea eingereist sein soll. Andere Quellen sprechen davon, dass er mit dem Schiff nach Wonsan kam und mit dieser Eisenbahn weiter nach Pjöngjang gefahren ist.Nordkorea-1040-Bearbeitet
Da es damals  noch keine koreanische Produktion gab, war es eine japanische Lok die Nordkorea, Wonsan, Museumsbahnhofeinige russische Waggons zog. In einem der Waggons ist ein Platz markiert, auf dem der Staatsgründer gesessen haben soll.
Für Nordkorea war jeder Ort und jede Gegebenheit, die mit dem Leben Kim Il Sungs in Verbindung stand, wichtig und verehrungswürdig. Hier wurden zudem ein Ort und ein Symbol geehrt, die für den Aufbruch und den Neubeginn stehen.

Außerhalb von Wonsan besuchen wir eine landwirtschaftliche Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeKooperative. Die Frau, die uns über das Gelände führt, hat einen Regenschirm dabei, doch zum Glück blieb es trocken. Sie erzählt, dass hier 1600 Menschen leben, darunter 300 Bäuer*innen. Die dörfliche Struktur des Kollektivs beschäftige daneben Menschen für die Verarbeitung der Produkte und für Dienstleistungen an der Gemeinschaft.

Auf einer Tafel sind die Verdienste der Kooperative verzeichnet und es werden Einzelne für besondere  Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeLeistungen hervorgehoben. Der Mensch braucht die Anerkennung und wenn diese nicht durch einen guten Verdienst und der damit möglichen materiellen Besserstellung sichtbar wird, müssen andere Wege gegangen werden.

Auf dem Gelände sind immer wieder Bilder Nordkorea-1071-Bearbeitet-2und Texte zu finden, die die Menschen in ihrer Arbeit motivieren sollen. Die Frage entstand, wie lange wohl solche Aufforderungen und Ermutigungen tragen und die eigene Trägheit überwinden helfen. Das Kollektiv funktioniert letztlich nur, wenn ihre Mitglieder es wollen und Einsicht in die Notwendigkeiten haben.

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Nordkorea-1058-BearbeitetAn einem Ochsenkarren, der an uns vorüber fährt, sehen wir, wie einfach das Leben hier ist. Zudem veranschaulichen die abgemagerten Ochsen, dass Futter fehle. Auch wenn die Landwirtschaft gut organisiert ist, fehlt die technische Infrastruktur, um effektiver zu sein. Wir sehen auch Traktoren, aber diese sind technisch veraltet. Dazu kommen klimatische Besonderheiten wie lange Regenzeiten, kalte Winter und eine lange Trockenzeit im Frühjahr, die einen kontinuierlichen Ackerbau erschweren.Nordkorea-1074-Bearbeitet

Ein Wandgemälde auf dem Gelände zeigt Kim Il Sung und Kim Jong Il neben einem Bauernpaar in einem endlos scheinenden Getreidefeld. Hier ist die Welt in Ordnung, der Ernteertrag steht außer Frage und die Menschen sind glücklich und zufrieden. Landwirtschaft im Postkartenidyll.

Nordkorea-1078-BearbeitetIm Badehaus gibt es einen kleinen Kiosk mit Dingen, die die Landwirtschaft nicht produziert: Bonbons, Limonaden, Feuerzeuge und Zahnbürsten. Die Auslage ist überschaubar und animiert uns nicht zum Kauf. Wir wissen auch nicht, ob wir hier mit Euro oder Chinesischen Yuan bezahlen können. Der Besitz von Nordkoreanischen Won ist uns nicht gestattet. Wir dürfen noch nicht einmal sehen, wie sie aussehen.Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, Kooperative

Nordkorea, Wonsan, Landwirtschaft, KooperativeUnserer Führerin erzählt, dass die Aufzucht von Kakibäumen ein Schwerpunkt dieser Kooperative ist. Jetzt im Frühjahr ist von den großen orangen Früchten noch nichts zu sehen; noch nicht einmal eine Blüte, aus der sie erwachsen könnten. Eine Tafel lobt die Zucht und den Ertrag der Kaki.

 

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Die Gruppe, die wir im Kindergarten besuchen, spielt auf dem Hof. Die Kinder wirken in ihrer einfachen, farbenfrohen Kleidung authentischer als Kinder in der Nordkorea-1083-Bearbeitetkapitalistischen Welt, die viel mehr den verschiedensten Moden unterworfen sind. Die Mädchen und Jungen wirken auch zufrieden und gut genährt. Vielleicht wuchs hier eine neue Generation heran, denen es besser ging, als den Eltern.
Die Kinder spielen mit uns ein Staffellauf-Spiel. Es machte Spaß, aber ich habe sofort die Vorstellung, dass dies mit allen Gästen Nordkorea-1094-Bearbeitetveranstaltet wird und diese Vorstellung  trübte mein Vergnügen. Werden die Kinder nicht benutzt, um die Gäste emotional zu erreichen?

Die Räume des Kindergartens besuchen wir nicht. Als wir weiter gehen, steht eine Gruppe jüngerer Kinder auf dem Balkon und winkt uns zum Abschied. Ihre Erzieherin sieht mit ihrer Tracht eher wie eine kirchliche Krankenschwester aus.

Zum Abschluss unseres Rundgangs zeigt uns Nordkorea-1102-Bearbeitetdie Frau, die uns über das Gelände geführt hat, ihr Haus. Ihr etwa zehnjähriger Sohn wartet schon auf uns und begrüßte uns auf Englisch. Das Haus ist einfach und es gibt nur wenig Einrichtungsgegenstände. Ich frage den Jungen, ob ich von ihm und seiner Mutter ein Foto machen darf. Ja, das war ok und sie stellen sich im Wohnzimmer unter die Fotos der beiden Kims. Ob diese in jedem nordkoreanischen Wohnzimmer an der Wand hängen?
Hier hing noch ein anderer Bilderrahmen mit Fotos. Der Sohn erzählt, dass darauf sein Vater zu sehen ist, der verstorben war und sein älterer Bruder, der jetzt beim Militär ist.
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Die Mutter hat im Kollektiv die Aufgabe, Gäste über das Gelände zu führen.
Unter den wenigen Möbeln in der Wohnung sind ein Sofa, ein Bücherregal und ein großer Wandschrank. Auf einem Sideboard  steht ein mit einer Spitzendecke Nordkorea-1099-Bearbeitetzugedeckter Fernseher.
Als unsere kleine Gruppe die Wohnung verlässt, bemerkt der Sohn nicht, dass ich noch im hinteren Teil der Wohnung bin und etwas verzögert die Wohnung verlasse. Dadurch sehe ich, wie er gleich, nachdem er uns verabschiedet hatte, ins Wohnzimmer läuft, die Decke vom Fernseher nimmt und das Gerät anstellt. Hier kann man sehen, dass doch alle Kinder auf der Welt ähnlich sind. Wahrscheinlich musste er das Gucken einer Sendung unterbrechen, als wir ins Haus kamen, oder die Mutter erlaubte ihm immer dann Fernsehen zu gucken, wenn die Besucher*innen gegangen sind.

Um das Haus befindet sich ein sogenannter Küchengarten. Die ist eine Anbaufläche von 100 Quadratmetern, die jeder Familie zur Verfügung gestellt wird. Auf diesen Flächen ist es den Besitzer*innen gestattet, Gemüse und Obst für den eigenen Bedarf anzubauen und den etwaigen Überschuss auf Märkten zu verkaufen. Dieser private Handel ist gewollt, da er hoch produktiv ist und so der Ernährung der Gesamtbevölkerung dient. Die Erkenntnis, dass privat genutztes Land effektiver genutzt wird, wird bisher aber nicht ausgedehnt.

Unser Hotel liegt am Ostmeer

Nordkorea-1150-BearbeitetNach dem Besuch der Kooperative fahren wir zu unserem Hotel in Wonsan. Da wir morgen noch Einrichtungen in der Gegend besuchen wollen, übernachten wir in dieser mit 330.000 Einwohner*innen sechstgrößten Stadt des Landes.
Das Tongmyong Hotel hat nicht den Standard vom Yanggakdo in Pjöngjang, ist aber durchaus in Ordnung. Es hat acht oder neun Stockwerke und in dem oberen hat man einen Rundumblick auf die Stadt und das Meer.
Ralf und ich bekommen ein großes Zimmer. Ich würde hier nicht von einer Suite sprechen, es hat aber zwei Räume und einen tollen Ausblick.

Ein schmückender Wandkalender zeigt Bilder, wie man Fleisch anrichtet und auf dem Flachbildfernseher können wir nordkoreanische Sender empfangen. Ein Phänomen istNachrichtensprecherin (002) die Nachrichtensprecherin: Sie beginnt eine neue Nachricht in normalem Ton, steigert dann aber ihre Stimme von Satz zu Satz, bis sie vollkommen euphorisch und übersteigert redet. Ihre Stimme wird extrem hoch und schnell und man bekommt zunehmend Sorge, sie bricht gleich hyperventilierend zusammen.

Nordkorea-1191-BearbeitetAus unserem Zimmer und von der oberen Etage des Hotels können wir die Bucht und die darin liegenden Schiffe sehen. Die traditionellen Holzboote verbreiten ein romantisches Ambiente, die geringe Motorisierung schaft aber –  ähnlich wie beim Ackerbau – Probleme Nordkorea-1197-Bearbeitet-Bearbeitet-2beim Erreichen notwendiger Erträge. Wahrscheinlich ist diese Methode ökologisch viel sinnvoller, doch in der globalisierten Wirtschaft zählt dies leider nicht.

Nordkorea muss nicht nur für die eigene Bevölkerung sorgen, sondern auch von seinem Überschuss ins Ausland verkaufen, um Devisen für andere Güter zu erhalten. Zu diesen Nordkorea-1187-Bearbeitet-2Überschüssen gehören sicher die Fischgründe in den das Land umgebenden Meeren.

Am Ende der Bucht sehen wir einen langen Sandstrand. Wonsan ist ein beliebter Badeort für Einheimische und bei entsprechenden Temperaturen soll es hier auch ausländischen Gästen gestattet sein, im Meer zu baden. Diese Temperaturen fehlen heute eindeutig.

 

Song San fragt uns, ob wir noch eine Insel in Nordkorea-1144-Bearbeitetder Bucht oder lieber die Stadt besichtigen wollen. Wir entscheiden uns für die Stadtbesichtigung und fahren zu einem großen Platz. Das zentrale Gebäude ist eine Behörde oder – so wie in Pjöngjang – eine Volkshochschule nebst Bibliothek. Auf der Nordkorea, Wonsanlinken Seite steht es ein Warenhaus, das mich faszinierte. Mit den schmalen, hoch gefassten Scheiben in umlaufenden Fensterfriesen erinnerte das Gebäude an die Bauhaus Architektur. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die abgerundete Fassade.

Nordkorea-1139-BearbeitetAnsonsten ist Wonsan nicht besonders spektakulär. Wir hören, dass sich die einstige Industriestadt langsam zu einer Touristenstadt entwickelt. Da wir aber weder Industriegebäude noch  Freizeiteinrichtungen sehen, ist es für uns nicht nachvollziehbar. Die von Ralf und mir in anderen Ländern praktizierte Erkundung von Stadträumen ist hier einfach nicht möglich. So bleiben einzelne, mehr oder weniger zufällige Blicke.

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Unter diesen Zufall fällt eine Ladenpassage. In Nordkorea-1186-Bearbeitet-2dieser Form haben wir Läden in Pjöngjang noch nicht gesehen. Es scheinen Läden zu sein, wie wir sie aus in jeder Stadt kennen: Kleidung, Fahrräder und Dinge des alltäglichen Bedarfs. Aber wir steigen nicht aus uns müssen auf einen Bummel verzichten.

Nordkorea-1134-BearbeitetDie Aussagen, die über Wonsan gemacht werden, sind gegensätzlich. So heißt es einerseits, dass der Bau von Hochhäusern der Hafenstadt ein Ambiente geben soll, dass dem von Hongkong entspricht. Andererseits soll es Anweisungen von der Führungsspitze geben, dass die Einwohnerzahl zu begrenzen sei, um den Freizeitcharakter der Stadt zu fördern.

Nur aus den Augenwinkeln sehen wir ein Nordkorea-1141-BearbeitetSchiff, das auf den Hafen verweist. Doch auch der Besuch des Hafens stand nicht auf unserem Besuchsprogramm und ist daher nicht möglich. Da er nicht nur als Fischereihafen dient, sondern auch ein bedeutender Marinestützpunkt ist, ergibt sich wahrscheinlich daraus die Erklärung, das wir den Hafen nicht besichtigten.

Monument, Führer, Wonsan, Nordkorea

Nach dem Monument der Führer war Zeit zum Fernsehen

Besichtigen können wir die bronzene Doppelstatue von Kim Il Sung und Kim Jong Il . Wir hatten gelernt, uns gebührlich zu benehmen und uns zur Verbeugung in einer Linie aufzustellen. Das Monument entspricht dem in Pjöngjang, ist hier aber kleiner und erst 2013 errichtet worden.

Nach dem Abendessen fahren wir ins Hotel. Wir haben uns noch mit Maike und Song San zum Tischtennis verabredet, was dann aber doch nicht stattfindet. Eigentlich sind wir auch geschafft und können es genießen, mal eine Stunde eher im Zimmer zu sein um Fotos zu sortieren und Tagebuch zu schreiben.

Im Fernsehen wird derweil die Parade zum 105. Geburtstag von Kim Il Sung übertragen, die Vorgestern in Pjöngjang stattgefunden hat. Jetzt sehen wir, wie die Massen mit ihren pinken und gelben Puscheln Formationen bilden, die verschiedene Texte und Zeichen ergeben. Innerhalb von Sekundenbruchteilen ändern sich die Ansichten. Es ist perfekt einstudiert.

Auf der Tribüne steht Kim Jong Un, um die Parade abzunehmen. Am Tag der Parade hatte ich Song San gefragt, ob der Marschall denn auch kommen wird. Er sagte, dass man dies im Vorfeld nicht wisse und auch nie genau sagen könne.

Nordkorea: Grenze zu Südkorea

Nachdem wir am Morgen nach Panmunjeon an die Grenze zu Südkorea fahren, verbringen wir den Nachmittag wieder in Pjöngjang. Wir besichtigen zentrale Plätze, lassen uns vom Wiener Café enttäuschen und verbeugen uns vor den Führern des Landes. Und die weiße Stadt hält nicht, was sie verspricht.

Nordkorea-0727-BearbeitetAm vierten Tag steuern wir wieder ein Ziel außerhalb der Hauptstadt an. Wie jeden Morgen startet unser kleiner Bus um halb Acht und Christian hat uns dazu erzogen, pünktlich zu sein. Seine ansonsten verbreitete schlechte Laune war schwer zu ertragen. Heute ging die Fahrt in südliche Richtung zur innerkoreanischen Grenze.

Die Straße ist noch einsamer als bei unserer Fahrt zum Myohang-Gebirge. Ab und zu fahren wir an Dörfern vorbei, von deren Bevölkerung aber nichts zu sehen ist. Auch die Menschen, die links und rechts der Fahrbahn auf eine Mitnahme warten, fehlen heute.

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Nach 90 Minuten kommen wir an eine Raststätte, die sich über die Fahrbahn spannt. Das Nordkorea-0746-BearbeitetGebäude ist in einer eleganten Fünfziger Jahre Architektur gebaut und hat einen besonderen Charme. Wir legen einen Stopp ein und müssen dabei feststellen, dass sich im Gebäude nur noch die Toiletten befinden. Die Versorgung der Gäste – neben uns hält gerade eine Gruppe Chinesen – findet auf Tischen außerhalb des Gebäudes statt. Neben Nordkorea-0752-BearbeitetGetränken und abgepackten Snacks werden Andenken und Bücher angeboten. Interessant ist, dass die gleichen Tische bei unserer Rückkehr auf der anderen Seite der Autobahn aufgebaut sind. Es halten hier scheinbar nur die Gäste, die morgens zur Grenze und abends von dort zurück fahren.

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Die Berge werden gen Süden höher und trotz gutem Wetter klettern die Wolken über die Gipfel. Alle Ebenen werden landwirtschaftlich genutzt und wir sehen auf den Flächen kleine hölzerne Dreiecke, die frische Baumanpflanzungen stützen. Während der 1990er Jahre wurden hier große Waldflächen abgeholzt und die Wiederaufforstung ist heute ein zentrales Anliegen.

Ankunft im Grenzbereich

Als wir ins Grenzgebiet kommen, fahren wir zunächst zu Baracken, die für die Waffenstillstandsverhandlungen errichtet wurden. Nach zweijährigen Verhandlungen sind die Verträge hier im Juli 1953 unterzeichnet worden.

In der großen Baracke liegen Kopien des Waffenstillstandsabkommens, welches nicht etwa zwischen Nord- und Südkorea, sondern zwischen Nordkorea und der UNO ausgehandelt und unterzeichnet wurde. Es heißt darin, dass es eine Vereinbarung ist, um „einen Waffenstillstand zu treffen, der ein vollständiges Ende der Feindseligkeiten und aller Anwendung von Waffengewalt in Korea sichert, bis eine endgültige Friedensregelung getroffen ist“. Diese Friedensregelung gibt es bis heute nicht.

Das Abkommen schreibt unter anderem die Einrichtung Nordkorea-0794-Bearbeiteteiner 241 Kilometer langen und vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone als Puffer zwischen Nord- und Südkorea vor. Als wir durch diese sogenannte Demilitarisierte  Zone (DMZ) fahren, sehen wir in der Ferne den 160 Meter hohen nordkoreanischen Fahnenmast. Dieser war ursprünglich deutlich kürzer, wurde aber erhöht, nachdem in Südkorea ein gleichartiger, knapp 100 Meter hoher Fahnenmast errichtet worden war, der sein ursprüngliches nordkoreanisches Pendant überragte. Mit der Neuerrichtung hat Nordkorea den vierthöchsten Fahnenmast der Welt. Allein die Flagge wiegt fast 270 Kilogramm.

Der Zugang zur Grenze in Panmunjeon ist auf dieser Seite einfacher als in Südkorea, wo wir vier Jahre zuvor die Grenze besichtigten. Dort mussten wir in ein Fahrzeug der US-Armee umsteigen und von amerikanischen Soldaten zur Grenze gefahren werden. Hier in Nordkorea kommen wir mit unserem Bus bis zur Grenze.

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Grenze, Nordkorea, DMZ, PanmunjeonIm Zentrum des eigentlichen Grenzstreifens stehen drei blaue Pavillons, in denen Verhandlungen der Kriegsparteien geführt werden. Die militärische Demarkationslinie geht mitten durch diese Hütten und wird zwischen ihnen in Form eines kleinen Betonsockels angezeigt. Dies ist die Grenzlinie, auf deren südkoreanischer Seite Kies und der nordkoreanischen Sand liegt.
Blickt man von Nordkorea über die Baracken, sieht man auf südkoreanischer Seite das Freedom House, in dem offizielle Treffen zwischen nord- und südkoreanischer Seite stattfinden. Rechts dahinter steht das House of Peace, in welchem Familientreffen zwischen nord- und südkoreanischen Zivilisten ermöglicht werden.Korea-1253-Bearbeitet

Als wir vor vier Jahren von Südkorea aus zwischen die Baraken auf das Haus Panmun-gak auf der nordkoreanischen Seite guckten, ahnten wir noch nicht, dass wir dort einmal sein würden. Es wurde uns damals verboten, die Häuser hinter uns, also die südkoreanische Seite, zu fotografieren. Jetzt hatten wir beide Ansichten.

Die mittlere der drei Hütten darf abwechselnd von Besucher*innen der einen oder der anderen Seite besichtigt werden. Die Gäste werden dabei von nord- bzw. südkoreanischen Soldaten begleitet.

Die Soldaten präsentieren sich innerhalb des Pavillons äußerst unterschiedlich. Die Nordkoreaner, die wir heute sehen, wirken eher wie Jungen, die Soldaten darstellten und noch nicht genau wissen, wie sie dies machen sollen. Sie erinnern mich auch an Statisten, die in einem Stück von Brecht auftreten könnten.
Die Haltung des südkoreanischen Soldaten war eine ganz andere. Er war total angespannt, ballte die Fäuste und könnte mit seiner Sonnenbrille ein Model für eine Kollektion militärisch inspirierter Mode sein.

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Rundgang in KaesongNordkorea-0840-Bearbeitet

Nach der Besichtigung der Grenze fahren wir in die nahe gelegene Stadt Kaesong. Obwohl es hier eine Sonderwirtschaftszone mit besonderen wirtschaftlichen Bedingungen gibt, ist die Hauptstraße ähnlich Autoleer wie die Straßen der Hauptstadt. In der Sonderwirtschaftszone Kaesong haben sich kleine und mittelständische südkoreanische Betriebe angesiedelt, die hier für sie Kaesong, Nordkorea, Sonderwirtschaftszonepreiswerte nordkoreanische Arbeiter*innen beschäftigen. Ähnliche Wirtschaftszonen gibt es mit China und Russland an deren Grenzen zu Nordkorea.
An den Häusern fällt uns auf, dass viele Wohnungen mit Solarzellen ausgestattet sind. Song San sagt, dass es diese in Pjöngjang auch gibt. Sie sind uns dort aber bisher nicht aufgefallen.
Ein aus Beton gegossener Briefkasten könnte vermuten lassen, dass es hier regen Briefverkehr gibt. Als wir den Briefkasten aber von hinten begutachten, sahen wir, dass die Klappe offen steht und im Briefkasten Müll und Zigarettenkippen liegen. Der Schriftverkehr muss schon längere Zeit andere Wege gehen.

Kaesong lag während des Koreakrieges auf südkoreanischer Seite und ist daher heute die einzige Stadt Nordkoreas, die über eine traditionelle Altstadt verfügt. Alle anderen Städte wurden so stark bombadiert, dass ein Wiederaufbau schwer möglich und auch nicht gewollt war.
Wir können die Altstadt von Kaesong nicht wirklich besichtigen, sondern nur von der Hauptstraße aus ein paar Blicke in die Gassen werfen. Mit ihren umlaufenden Kacheln und den Pagodendächern zeigen die einstöckigen Häuser ein einheitliches Erscheinungsbild. Es ist schade, dass wir keine Runde in diesem Gebiet drehen dürfen.

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Am Ende der Altstadt steht ein großes Plakat, auf dem das Zeichen der Partei der Arbeit und kampfbereite Soldaten abgebildet sind. Leider kann ich den Text nicht lesen und habe vergessen, Song San danach zu fragen.

Wir verlassen Kaesong Richtung Pjöngjang und sehen erst von der Autobahn die Größe der Stadt. Ein Besuch von Betrieben der Sonderwirtschaftszone wäre bestimmt interessant, steht aber nicht auf unserem Programm.

Rückfahrt nach Pjöngjang

Auf der Rückfahrt sprechen wir über die Rückfahrt nach PjöngjangGrenze und Südkorea. Song San vertritt die Meinung, dass der südkoreanische UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon eine sehr schlechte Arbeit gemacht hat. Er hätte nicht die Interessen Nordkoreas vertreten. Wir kennen uns zu wenig aus, um hier diskutieren zNordkorea-0888-Bearbeitetu können. Es macht aber stark den Eindruck, dass dies die offizielle Meinung Nordkoreas ist, die Song San hier vertritt. Uns erstaunt, dass Song San – der ansonsten gut unterrichtet ist – noch nichts davon gehört hat, dass der Portugiese Guterres inzwischen Generalsekretär der UNO ist. Nordkorea-0887-Bearbeitet

Wir legen wieder unseren Stopp an der Raststätte vom Morgen ein und sehen jetzt, dass die Tische auf die andere Seite der Autobahn gebracht worden waren. Mit uns hielt auch wieder eine chinesische Reisegruppe. Ich kann aber nicht sagen, ob es die gleiche ist.

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Nordkorea-0898-BearbeitetAls wir uns der Hauptstadt nähern, führt die von Süden kommende Straße unter dem Monument der Wiedervereinigung hindurch. Das Denkmal wurde 2001 errichtet und steht für die von Nordkorea gewünschte und von Kim Il Sung proklamierte unabhängige Vereinigung mit dem Süden: ohne die Einmischung anderer Staaten, der Zurücksetzung ideologischer Differenzen und ohne Waffengewalt. Am Schwersten wiegt dabei sicher der Punkt des Zurücksetzens Nordkorea-0894-Bearbeitetideologischer Differenzen, denn die beiden Staaten liegen in Bezug auf die Ideologie doch weit auseinander. Zudem wird in Nordkorea die Idee hochgehalten, dass ein Leben im Sinne der Chuch’e-Ideologie für alle Menschen auf der Welt ein Segen wäre.
Im Inneren des mit Figurengruppen geschmückten Sockels befindet sich ein Raum, in dem Tafeln mit Freundschaftsbekundungen angebracht sind. Ein für die von der Welt abgeschnittene Bevölkerung sicher wichtiges Monument der Wiedervereinigung, Pjöngjang, NordkoreaSymbol.
Ich bin – ohne ausdrückliche Genehmigung – in diesen Raum gegangen. Kurze Zeit später kommt ein Mann, der mir signalisiert, dass ich diesen Raum nicht betreten dürfe. Der Mann sprich anschließend mit Song San und ist scheinbar ärgerlich, dass man auf mich  nicht besser aufgepasst hat.

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Die weiße Stadt

Bei vielen Bauten in Pjöngjang kann man Pjöngjang, Nordkoreadenken, dass sie weiß gestrichen sind. Wenn die Sonne scheint, strahlen die Gebäude der sozialistischen Moderne – bzw. des sozialen Wohnungsbaus, wie es bei uns heißt. Betrachtet man die Häuser genauer oder hat die Gelegenheit, sich ihnen zu nähern, wird deutlich, dass die helle Farbe vom Putz herrührt und sie gar nicht gestrichen sind.
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Die Wohnungen sind allerdings, so sagte uns Song San, sehr groß. 100 Quadratmeter seien durchaus üblich. Man bekommt die Wohnung allerdings nur, wenn man verheiratet ist. Song San lebt mit seinen 29 Jahren noch bei seinen Eltern und muss sich – so sagt er –  jetzt wohl mal um eine Frau kümmern.

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Der zentrale Platz

Nordkorea-0910-BearbeitetWir besichtigen den Kim Il Sung Platz, auf dem gestern die Parade abgehalten worden war. Umrahmt wird der riesige Platz von wichtigen Gebäuden. Im Zentrum befindet sich hinter der Tribüne die Große Studienhalle des Volkes mit der Nationalbibliothek und einer Volkshochschule. Auf der linken Seite steht das Außenhandelsministerium mit der Fahne der Partei der Arbeit und auf der gegenüberNordkorea-0907-Bearbeitetliegenden Seite die Zentrale der Partei der Arbeit mit der Flagge Nordkoreas. Davor befindet sich das Historische Museum und die Koreanische Kunstgalerie.
Die Regierung Nordkoreas wird bestimmt durch die Partei der Arbeit, deren Führungsrolle in der Verfassung verankert ist. Daneben gibt es die Koreanische Sozialdemokratische Partei und die Partei der Jungen Freunde der Chondo-Religion. Zu den alle fünf Jahre stattfindenden Wahlen bilden Nordkorea-0906-Bearbeitetdie drei Parteien eine Koalition in der Demokratischen Front für die Wiedervereinigung des Landes.

Die 75.000 Quadratmeter des Kim Il Sung Platzes werden für Aufmärsche und Paraden genutzt. Von der gestrigen Parade zum 105. Geburtstag von Kim Il Sung sind auf dem Asphalt noch die Markierungen zu sehen, an denen die Menschen für die Choreografie stehen mussten.Kim-Jong-Il-Platz, Pjöngjang, Nordkorea

In das Ensemble des zentralen Platzes gehört die Anlage des Chuch‘e-Turmes auf der gegenüberliegenden Seite des Taedong Gang. Wir gehen vor bis zum Fluss und haben von dort einen guten Blick auf die andere Seite. Hier sehen wir – ähnlich wie beim Monument der Partei der Arbeit – die Einbeziehung der umliegenden Häuser ins Gesamtbild.

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Über die Chuch‘e-Ideologie hatte ich schon etwas geschrieben. Ergänzend ist interessant,  dass drei Jahre nach dem Tod Kim Il Sungs der Chuch‘e-Kalender in Nordkorea eingeführt wurde. Dieser beginnt mit dem Geburtsjahr des Staatsgründers im Jahr 1912 und dieses Jahr gilt seitdem als Chuch‘e 1. In offiziellen Dokumenten wird heute zuerst das Chuch‘e-Jahr genannt und dahinter in Klammern das Jahr des gregorianischen Kalenders. So heißt es aktuell: Chuch‘e 106 (2017). Im Alltag wird allerdings, wie weltweit üblich, nur der gregorianische Kalender genutzt.

Vor dem Besuch des Großmonuments geht’s ins Wiener Café

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Wir machen eine Pause im Wiener Café. Vor unserer Reise hatten wir von diesem Café eines österreichischen Betreibers gelesen. Dass dies überhaupt möglich war, zeigte, dass es in den starren Reglements des Landes Bewegung gab. Mit dem Standort im Gebäude des Museum für koreanische Geschichte am Kim Il Sung Platz konnte sich das Café zudem an prominenter Stelle präsentieren.
Im Café konnte nur mit Devisen bezahlt werden und es war daher nur für diejenigen zugänglich, die im Besitz von Chinesischen Yuan, Euro oder Dollar waren. Also einer Elite und den ausländischen Gästen.

Das Café ist ganz nett, wenn es auch nicht dem Ambiente eines Wiener Cafés entspricht. Als wir uns nach der Kuchenauswahl erkundigen, werden wir sehr enttäuscht: Das Wiener Café, Pjöngjang, Nordkoreaeinzige, was das Café anbietet, ist eingeschweißtes Dauergebäck. Und von diesem müssen wir – um überhaupt etwas zu unserem Kaffee zu bekommen – einen Karton mit 20 Stück kaufen. Da frage ich mich, warum der Besitzer zur Gründung mit einem Bäckermeister aus Österreich angereist ist, um die Nordkoreaner*innen einzuweisen. Dies hat mit einem Wiener Café leider nichts zu tun. Aber vielleicht braucht man hier auch einfach kein Wiener Café und sollte sich auf andere Dinge konzentrieren?!

Zum Abschluss unserer heutigen Tour besuchen wir das Großmonument Mansudae. Das 1972 errichtete Nordkorea-0930-Bearbeitet-Bearbeitet-2Monument steht auf der anderen Flussseite gegenüber dem Monument zur Gründung der Partei der Arbeit, das wir gestern besichtigt hatten.
Das Mansudae Monument, eines der bedeutendsten Denkmäler Nordkoreas, bestand 40 Jahre nur aus der Figur des Staatsgründers Kim Il Sung. Erst 2012, ein Jahr nach dem Tod des Sohnes Kim Jong Il, wurde dieser seinem Vater zur Seite gestellt. Die Figuren sind zwanzig Meter hoch und stehen auf dem Mansu-Hügel, sodass sie von der Stadt aus gut zu sehen sind.
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Besucher*innen kaufen in den am Eingang der 240.000 qm großen Gesamtfläche gelegenen Läden Blumen, die sie den Führern zu Füßen legen.
Die Ehrerbietung gegenüber den Führern schreibt vor, dass man sich vor den Figuren verbeugt. Bevor wir das Monument besichtigen fragt uns Song San, ob wir dies machen wollen. Da wir die Besichtigung Nordkorea-0935-Bearbeitetansonsten nicht machen würden und wir uns auch nicht den landesüblichen Ritualen verschließen wollen, stimmen wir zu. Wir stellen uns in einer Linie nebeneinander auf und verbeugten uns langsam und gleichmäßig.
Vor dem Monument fotografieren sich die Menschen. Oft sind es größere Gruppen, die Transparente mitgebracht haben, auf denen Sprüche stehen. Der Abstand, den die Gruppen zu den Figuren haben, relativiert dabei deren Größe und Monumentalität.

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Links und rechts der zentralen Bronzefiguren befinden sich Gruppen mit wehenden Fahnen aus Stein und jeweils über 100 Figuren. Die linke Gruppe zeigt Personen, die Herausragendes für die sozialistische Revolution und den Aufbau Nordkoreas geleistet haben, die rechte Gruppe stellt den Freiheitskampf des koreanischen Volkes dar.
Wir stehen eine ganze Weile vor dem Monument und es wird zunehmend dämmriger. Die Beleuchtung schaltet sich ein und gibt dem Ganzen eine nochmalige visuelle Erhöhung. Da es auch kälter wird, steckt einer von uns die Hände in die Hosentasche. Dies löst eine sehr persönliche Reaktion bei Song San aus. Mit Tränen in den Augen sagt er, das man dies nicht machen könne, da es die Ehrerbietung gegenüber den Führern und dem koreanischen Volk missachten würde.

Als wir nach dem Essen zurück im Hotel sind, entdeckten Ralf und ich, dass es dort ein Kellergeschoss gibt. Der Eingang gibt das aktuelle Datum an, den 15. April, links und rechts flankiert von geschmückten Weihnachtsbäumen(!).
Im Kellergeschoss befinden sich verschiedene Räume zur Freizeitgestaltung: ein Billardraum, eine Karaokebar, Tischtennisplatten, eine Nordkorea-0965-BearbeitetBowlingbahn und Restaurants nebst einem kleinen Supermarkt. Außer auf der Bowlingbahn, wo eine kleine Gruppe spielt, sind in den Räumen nur Angestellte, die auf Kundschaft warten.
Wir fragen uns, wer nach so vollgepackten Tagen, wir wir sie erleben, noch Interesse haben kann, hier den späten Abend zu verbringen. Später lese ich, dass dieser Bereich auch für Ausländer*innen eingerichtet wurde, die in Pjöngjang vorübergehend leben. Sie haben hier einen Ort, ihre Freizeit zu verbringen.

Nordkorea: 105. Geburtstag von Kim Il Sung

Ein ereignisreicher Tag. Wir erkunden die Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik vom Untergrund bis zum Triumphbogen. Dabei winken wir vorbeifahrenden Panzern und beenden den Tag mit einem großen Feuerwerk.

Nordkorea-0284-BearbeitetHeute steht keine Fahrt auf dem Programm, wir bleiben in der Hauptstadt. Für mich eine erfreuliche Nachricht, da ich mich besonders für Pjöngjang und das dortige Leben interessiere.
Doch die Tagesplanung enthält auch eine Enttäuschung: wir können nicht an den Feierlichkeiten zum 105. Geburtstag Kim Jong Ils teilnehmen – obwohl unsere Reise unter dieser Überschrift und speziell zu diesem Ereignis gebucht war. Nein, dies sei nicht möglich, so Song San, und war auch nie Teil der Planung gewesen. Die Teilnahme sei nur für geladene Gäste und eine derartige Einladung zu erhalten, ist unmöglich. Er will aber versuchen, ob wir abseits der zentralen Feier etwas mitbekommen können.

Also fahren wir am Morgen dieses Geburtstages durch die Hauptstadt und betrachten das Alltagsleben. Wir sehen viele Radfahrer*innen und es fällt auf, dass die Räder alle ähnlich gebaut sind: sie haben einen tiefen Einstieg und vorne einen Korb. Sicher praktisch, wenn Nordkorea-0268-Bearbeitetman jemanden auf dem Gepäckträger mitnehmen will, aber interessant, dass kein Modell von dieser Norm abweicht.
Bei der Recherche las ich, dass Radfahren in Pjöngjang Mitte der 90er Jahre und nochmals zehn Jahre später für einige Zeit verboten gewesen sein soll – mit der Begründung, dass dies den fließenden Verkehr stören würde! Und weiter las ich, dass ein Radfahrverbot für Frauen erst 2012 aufgehoben wurde. Es soll bestanden haben, da dies gegen Moral und Anstand verstieß. Ob diese Informationen wahr sind oder aus einer Gegenpropaganda stammen, kann ich nicht beurteilen. Es macht aber deutlich, dass alle Informationen – diejenigen, die aus dem Land kommen wie auch die, die über das Land geschrieben werden – mit Vorsicht zu behandeln sind. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich oft dazwischen.

Neben Radfahrer*innen bestimmen Straßenbahnen den Stadtverkehr. Die Bahnen sind immer gut besetzt und an den Haltestellen stehen stets Menschen, die auf die nächste warten. Zur Hauptverkehrszeit bilden sich Warteschlangen, in die sich die zuletzt Angekommenen einreihen.
Den ausländischen Gästen ist es nicht gestattet, mit der Straßenbahn zu fahren. Song San erzählt, dass es mal einen Enthusiasten gab, der unbedingt mit der Straßenbahn fahren wollte. Ihm wurde es schließlich dadurch ermöglicht, indem er eine ganze Bahn für sich mietete.

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In den Untergrund von Pjöngjang

Eine Fahrt mit der U-Bahn ist hingegen möglich. Wir gehen wir zu einem der weißen Bahnhöfe und fahren mit der endlos scheinenden Rolltreppe in die Tiefe. In Pjöngjang gibt es zwei Linien, die bereits 1973 eröffnetNordkorea-0358-Bearbeitet worden waren. Insofern hatte der Norden eher U-Bahnen als Südkorea.
In der U-Bahn kommen wir das erste Mal in Tuchfühlung mit der Bevölkerung. Diese scheint aber kein größeres Interesse an uns Ausländern zu haben. Sie gucken nicht unfreundlich, sind aber mit sich und ihrem Alltag beschäftigt.
U-Bahn, Metro, Subway, Pjöngjang, NordkoreaAm Ende der Rolltreppe führt ein Gang auf eine breite Treppe, die in die Station führt. Alles war sehr sauber und gepflegt. Mit ihrer Gewölbedecke hat die Station den Charakter eines Saales, mit Säulen in Form von Blütenkelchen oder Fackeln. Es gibt keine Sitzgelegenheiten, Abfallbehälter oder Fahrkartenautomaten, wie wir es von U-Bahn Stationen in anderen Städten kennen.

An den Seitenwänden sind die Stationen mitNordkorea-0351-Bearbeitet Mosaiken ausgekleidet, die Szenen der Revolution zeigen. Vor einem solchen Mosaik steht eine Mutter mit ihrem Sohn und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass die beiden genauso gut in Tokio, Peking oder Seoul stehen könnten. Damit verbinde ich, dass es ihnen dort sicher besser gehen würde. Aber ist das richtig? Kann es nicht sein, dass es ihnen hier gut geht und sie glücklich sind?

Der Zug fährt ein. Die Waggons sind ehemalige Züge der U-Bahn von West-Berlin – aus einer Baureihe zwischen 1957 und 1965. Sie haben daher für uns einen besonderen Charakter. Da auch sie sehr gepflegt sind, fühlen wir uns in der Zeit zurück versetzt.

In den Zügen zeigt sich das gleiche Verhalten wie in jeder U-Bahn weltweit: die Fahrgäste schauen auf ihre Smartphones und beschäftigen sich mit Spielen, neuesten Nachrichten oder senden Nordkorea-0338-Bearbeiteteine Kurznachricht. Das Handynetzt von Pjöngjang ist gut ausgebaut, wenn es auch nur ein Intranet ist – es also nur von Menschen in Pjöngjang bzw. Nordkorea genutzt werden kann und die Menschen hier keinen Zugang zu einem Netz außerhalb des Landes haben. Für mich ist es erfreulich, dass keiner während der Fahrt telefoniert. Das permanente Gequatsche im öffentlichen Raum finde ich bei uns oft unerträglich.
Für die Fahrgäste scheint es normal zu sein, dass ausländische Besucher*innen mit der U-Bahn fahren. Ich frage mich, ob es nur einer bestimmten Nordkorea-0347-BearbeitetSchicht gestattet ist, mit der U-Bahn zu fahren? Dies würde erklären, warum die Fahrt mit der Strassenbahn für uns nicht möglich war.

Nordkorea-0333-BearbeitetNordkorea-0346-BearbeitetAuf dem Bahnsteig, an dem wir aussteigen, stehen die Menschen und lesen die in Ständern präsentierte Tageszeitung. Auf der Titelseite steht ein Artikel über den Marschall Kim Jong Un. Wie wir später in der englischsprachigen Pjöngjang-Times sehen werden, ist der Leitartikel nebst Foto stets über ein Ereignis, in das der Marschall eingebunden ist.

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Erkundung der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik

Wir verlassen die U-Bahn und kommen auf einen Platz, auf dem ein großer Triumphbogen steht. Dieser war 35 Jahre zuvor zum 70. Geburtstag des Staatsgründers errichtet worden und drei Meter höher (!) als sein berühmtes französisches Vorbild.
Über einem der Torbögen stehen die ersten beiden Strophen aus dem Lied vom General Kim Il Sung: Rot floss das Blut, Blut floss herab vom Berge Jangbaek… Dieses Lied wird auch die Unsterbliche Hymne der Revolution genannt.

Vom Triumphbogen aus nach rechtsNordkorea-0376-Bearbeitet blickend sehen wir das Kim Il Sung-Stadion, in dem alljährlich der Pjöngjang-Marathon startet. Das schon 1926 errichtete Stadion hatte eine wechselvolle Geschichte. Zur Zeit, als Korea unter japanischer Herrschaft stand – also bis zum Ende des 2. Weltkrieges – diente es als Baseballstadion. Heute werden hier hauptsächlich Fußballspiele ausgetragen.

Pjöngjang ist eine äußerst gepflegte und saubere Stadt. Wir sehen immer mal wieder kleinere Gruppen, die dabei sind, die Rasenflächen und Beete zu hegen. Sie könnten Mitglieder einer Einwohnergruppe sein, der Inminban, die sich um verschiedene Aufgaben des Gemeinwohls kümmern. Zu diesen Gemeinwohlaufgaben gehört auch die Überprüfung und Kontrolle der anderen Mitglieder.

Geschäfte und Märkte sind für uns Besucher nicht zugänglich. Auf den Märkten, so lese ich, ist privater Handel möglich. Reis und andere Grundnahrungsmittel werden über die Ausgabe von Marken zugeteilt.
Was wir immer wieder sehen, sind Kioske an den Straßenrändern. Diese werden frequentiert, wenn das Angebot auch überschaubar ist. An einer Straßenecke sehen wir einen Imbiss, der gut besucht ist. Leider ist es uns nicht gestattet, das Angebot in Augenschein zu nehmen. Dabei präsentiert sich das Straßenleben hier bunt und offen und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, wann sich auch die ausländischen Besucher*innen ein Snack auf der Straße kaufen können.Nordkorea-0626-Bearbeitet

Der Autoverkehr ist überschaubar. Es git zwar Tageszeiten, an denen die Straßen stärker befahren sind, meistens ist aber nicht viel los und wir könnten die Straßenseite unbeschwert wechseln – wäre es nicht verboten. Über einige Straßen führen Fußgängerbrücken, die von der Bevölkerung rege genutzt werden.Polizistin, Pjöngjang, Nordkorea

Geregelt wird der Verkehr von jungen Verkehrs-Polizistinnen. Sie stehen am Straßenrand oder im Zentrum eines weißen, auf die Fahrbahn gemalten Kreises. Von dort blicken sie zackig in die eine oder andere Richtung und geben mit ihren orangenen Zeigestöcken die Richtung vor.Polizistin, Pjöngjang, Nordkorea

Song San erzählt, dass bei der Einstellungsprüfung der meist jungen Frauen eines der Kriterien ist, ob sie einen Papierbogen zwischen ihren Waden halten können. So wird geprüft, ob sie gerade Beine haben und damit dem gewollten Erscheinungsbild entsprechen.Pjöngjang, Nordkorea

Wenn es keine Fußgängerbrücken gibt, überquerten die Menschen die Straße auf den dafür vorgesehenen Zebrastreifen. Es gibt keine Situation, in der in diesem Moment ein Auto kommt. Dahersehe ich auch nicht, und daran, ob das Auto Nordkorea-0392-Bearbeitetdann für die Fußgänger anhält oder die Fußgänger den Zebrastreifen erst betreten, wenn das Auto vorbeigefahren ist. In Peking ist es durchaus üblich, dass das Auto Vorfahrt hat und die zu Fuß gehenden zu warten haben – unabhängig davon, ob dort nun ein Zebrastreifen ist oder nicht.

Eine Eigenheit sozialistischer Staaten und Wirtschaftsformen zeigt sich auch in Pjöngjang: für Produkte des täglichen Bedarfs wird nicht geworben. Auf großen Nordkorea-0618-BearbeitetWerbetafeln werden Malereien und Mosaike für die Nation, die Partei und die Ideologie präsentiert. Daneben gibt es große Wände, die Szenen aus dem Leben des Staatsgründers zeigen: etwa  Kim Il Sung als junger Revolutionär auf dem heiligen Berg Paekdu. Oder er steht mit seinem Sohn Kim Jong Il vor einer Landschaft und sie betrachten ihre Welt.

Der Sohn und Nachfolger Kim Jong Il wird erst seit seinem Tod 2011 öffentlich dargestellt. Oft in gemeinsamen Szenen mit dem Vater – auch, um der Bevölkerung die dynastische Folge und das natürliche Recht vor Augen zu führen, dass dem jetzigen Führer Kim Jong Un als Nachfahre gebührt.

Blumen-Ausstellungshalle, Kimilsungilia, Kimjongilia, Pjöngjang NordkoreaEine besondere Form der Führerverehrung sehen wir in der Ausstellungshalle, die den Führern und den ihnen zugeschriebenen Blumen Kimilsungilia und Kimjongilia gewidmet ist. Eine pinke Orchidee und eine rote Begonie zierten Fotos und Modelle von Bauten aus dem Lebenslauf der beiden Führer.

Für die Züchtung der Kimjongilia gibt es einen alljährlichen Wettbewerb. Zum Geburtstag von Kim Jong Il am 16. Februar werden dieNordkorea-0497-Bearbeitet schönsten Exemplare prämiert.

Die Blumen-Ausstellungshalle liegt am Taedong Fluss. Als wir aus der Halle kommen und den Fluss entlang spazieren, sehen wir auf der anderen Seite eine imposante Hochhausanlage. Hier präsentiert sich Pjöngjang modern und seiner Rolle als Hauptstadt entsprechend.

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Die Parade zum 105. Geburtstag des Staatsgründers

Nordkorea, Parade, Pjöngjang, 105. Geburtstag, Kim Il SungWährend wir die Skyline betrachten, zeigt sich am Himmel ein Jagdgeschwader, das eine Formation fliegt, die die Geburtstagszahl 105 bildet. Dazu entzünden die Flugzeuge Feuerwerke, welche ebenso die Zahl 105 ergeben.
Rechts der Hochhäuser liegt der Kim-Il-Sung-Platz, auf dem gerade die Aufmärsche anlässlich der Geburtstagsfeierlichkeiten stattfinden. Weiter als bis hier können wir uns dem Platz nicht nähern, doch Song San sagt, dass wir zur nächsten Brücke gehen werden, da wir dort die Menschen und Wagen sehen können, die von der Parade kommen.

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Auf dem Weg zur Brücke laufen vor mir zwei Jungen. Ich spreche sie auf englisch an und sie können mich verstehen und antworten, wenn es auch über die Begrüßung nicht hinausgeht. Ich frage sie, ob ich eine Foto machen darf.
Die Jungen tragen eine Schuluniform und dazu das rote Halstuch. Dies weist deren Träger als Mitglied der 1946 gegründeten Kinderorganisation aus, dem Nachwuchs der Partei der Arbeit.

Noch ist auf der Daedongyo Brücke nichts los. Ein paar Uniformierte warten wie wir, dass sich etwas ereignet. Es dauert eine ganze Weile, bis wir zur Straße vorgelassen werden. Die Uniformierten scheinen verunsichert, wie sie mit uns ausländischen Besucher*innen umgehen sollen. Ist es überhaupt erlaubt, dass wir hier sind?

Als wir zur Straße vorgelassen werden, kommen nach und nach Teilnehmer*innen der Parade. Männer in dunklen Anzügen oder in Uniform, Frauen in traditionellen Kleidern. Viele tragen einen rosaroten Puschel.
Die Menschen gehen nicht nur an uns vorbei, sondern stellen sich in eine Reihe neben uns oder auf die gegenüberliegende Straßenseite um ebenfalls darauf zu warten, was von der Parade kommt und die Straße entlang geht oder fährt.

Es kommen große Wagen aus Pappmaché. Ähnlich denen, die wir von Karnevalsumzügen kennen, allerdings die Revolution, die Partei und die Ideologie preisend. Und natürlich die militärische Stärke.
Es ist wie eine Wiederholung der offiziellen Parade. Die Menschen am Straßenrand winken und es herrscht eine ausgelassene Stimmung, die den Karnevalsvergleich befördert.

Angeführt von Jeeps, die die Offiziere chauffierten, zeigen sich Panzer in verschiedensten Ausführungen. Die Militär-zuerst-Politik hat noch immer eine zentrale Bedeutung in Nordkorea, obwohl Wirtschaftsfragen heute mit ähnlicher Wichtigkeit behandelt werden. Angesichts der Bedrohungen durch die USA, Japan und – wie es die nordkoreanische Führung ausdrückt – den Marionettenstaat Südkorea haben militärische Belange absoluten Vorrang. Und dies wird auf jeder Parade vorgeführt.

Die Soldaten auf den Panzern sind ebenso ausgelassen wie die Zuschauer. Sie winken überschwänglich und lachen herunter in die Menge. Sind sie froh, die Zeremonie vor dem Marschall und der Führung  gut absolviert zu haben oder ist es der Zuspruch der Bevölkerung, der sie so hochgestimmt werden lässt? Ihre Freude ist ansteckend und auch wie beteiligen uns winkend an der Begrüßung nordkoreanischer Panzer.

Nordkorea-0573-BearbeitetOb diese Panzer wirklich ein Zeichen militärischer Stärke sind, kann ich nicht beurteilen. Ich stand noch nie so nah an fahrenden Panzern und wusste nicht, dass sie dermaßen laut sind, wenn sie auf Asphalt fahren. Sie klappern hinten und vorne und lassen ab und zu eine stinkende Qualmwolke entweichen. Ich frage mich, ob dies normal oder ein Zeichen alter Technik ist. Nach einer Weile haben wir genug von der Lautstärke und dem Benzingestank und gehen zurück zum Auto.

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Das Monument der Partei der Arbeit

Monument Partei der Arbeit, Nordkorea, PjöngjangDa noch etliche Straßen gesperrt sind, fahren wir mit einigen Umwegen in die Munsu Straße. Hier steht das Original einer Skulptur, die wir eben in Pappmaché gesehen haben: das Monument zur Gründung der Partei der Arbeit.
Aus dem ringförmigen Sockel ragen drei Hände, die als Symbol für die Arbeiter einen Hammer, für die Bauern eine Sichel und für die Intellektuellen einen Schreibpinsel halten. Der Schreibpinsel neben Nordkorea-0634-BearbeitetHammer und Sichel ist eine Besonderheit des koreanischen Sozialismus: hier werden die Intellektuellen integriert und als Teil der Revolution gesehen. Die drei Säulen sind jeweils fünfzig Meter hoch und symbolisieren damit den 50. Geburtstag der Partei, zu dessen Anlass sie errichtet wurden.
Zwei Wohnhäuser hinter dem Denkmal sind so gebaut, dass sie an wehende Fahnen erinnern. Sie bilden ein Ensemble mit der 250.000 qm großen Gesamtanlage.

Nordkorea-0644-Steht man im Zentrum des Denkmals und blickt nach außen, fällt der Blick auf Bronzereliefs, die von innen in den umgebenden Kreis angebracht sind. Die Reliefs zeigen Figurengruppen, die die Geschichte der Partei illustrieren.

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Auf der anderen Seite der Munsu-Straße steht eine größere Wohnanlage. Da das Land im Koreakrieg völlig zerstört wurde – auf Pjöngjang fielen mehr Bomben, als Einwohner in der Hauptstadt lebten –  prägen Bauten aus den fünfziger bis siebziger Jahren das Erscheinungsbild der Stadt. Durch das gesamte Ambiente – der überschaubare bzw. nicht vorhandene Autoverkehr, die zu Fuß gehende Bevölkerung und die neu wirkende Architektur – fühle ich mich bei diesem Anblick erneut um Jahrzehnte in der Zeit zurück versetzt.

Song San sagt, dass wir gleich zu Abend essen und anschließend noch zu einer Wohnstraße fahren werden, die viel moderner ist.

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Die Wissenschaftsstraße führt uns zum Feuerwerk

Wissenschaftsstraße, Nordkorea, Pjöngjang

Die Straße, in die wir nach dem Essen fahren, wird die Wissenschaftsstraße genannt, da in ihr verdiente Wissenschaftler eine Wohnung erhalten. Die Häuser an dieser Straße sind sehr zeitgenössisch und besonders das am Anfang stehende Hochhaus strahlt über das Viertel hinaus. Mit seinen Rundungen erinnert es an die Architektur von Zaha Hadid, die wir vor einigen Tagen in Peking gesehen hatten.
Am Anfang der Straße gibt es ein großes Sportfeld, auf dem Jugendliche Basketball spielen. Es wird deutlich, dass in diesem Viertel eine Elite wohnt.Nordkorea-0669-Bearbeitet
Wir gehen die Straße entlang und es wird zunehmend dunkler. In den Häusern gehen nach und nach die Lichter an und es ist eine Stimmung wie in einer x-beliebigen Millionenstadt, in der der Abend angebrochen ist. Entwickelt sich Pjöngjang zu einer Metropole, die zu Seoul aufschließen kann?
Rechts von uns liegt der Fluss Taedong und Ye Jin und Song San führen uns auf die Yanggak Brücke.

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Auf der Hälfte der Brücke bleiben wir stehen und sehen rechts unser hell erleuchtetes Hotel, dass sich im Fluss spiegelt. Am Horizont ist der Chuch’e-Turm mit der roten Fackel zu sehen.
Es wird zunehmend kühler und wir rücken näher zusammen. Nach einiger Zeit zeigt sich über dem Chuch’e-Turm ein Feuerwerk aus Anlass des 105. Geburtstages. So sehen wir insgesamt doch Einiges von den Feierlichkeiten.

Nordkorea: Haus der Freundschaft

Unser erster Ausflug führt ins nördlich gelegene Myohyang-Gebirge. Auf dem Programm stehen das Museum für Völkerfreundschaft und der buddhistische Poyhon-Tempel. Zurück in Pjöngjang besuchen wir eine Aufführung im Schülerpalast bevor wir die abendliche Stadt zu Fuß erkunden.

Der Blick über die Stadt aus unserem Hotelzimmer ist fantastisch. Viel moderner, als ich erwartete und statt Grau in Grau eher Rosé in Türkis. Über der Stadt liegt Nebel. Ist es regnerisch oder liegt es daran, dass es noch so früh ist? Wir sollen das Hotel bereits um halb acht in Richtung Myohyang-Gebirge verlassen und müssen vorher noch in das 43 Stockwerke tiefer gelegene Frühstücksrestaurant mit einem Fahrstuhl, der so seine Zeit braucht.

Außer der Tatsache, dass es überhaupt etwas Besonderes ist, nach Nordkorea zu reisen, wird unsere Reise nicht besonders spektakulär sein. Wir werden die Orte besuchen, die allen Besucher*innen präsentiert werden. Speziell ist unsere kleine Gruppe und die Offenheit unseres Reiseleiters.

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Als wir draußen sind, sehen wir, dass es in der Nacht geregnet hat und Pjöngjang voller Pfützen ist, neben denen die Menschen zur Arbeit gehen.
Wie unterscheidet sich dieses Bild von anderen Städten? Der Autoverkehr ist sichtlich weniger und die Menschen gehen verhältnismäßig schnell. Es fehlen die Flaneure, die kleinen Stände am Straßenrand und das Schwätzchen der Nachbar*innen.

Vor einem öffentlichen Gebäude formiert sich eine Gruppe Frauen, uniformiert undNordkorea-0042-Bearbeitet-Bearbeitet rote Fahnen schwenkend. Song San sagt, dass dies eine Brigade ist, die die Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit begleitet. Durch derartige Aufmärsche wird gewährleistet, dass alle Menschen einen Arbeitsplatz haben. Für die Bevölkerung Nordkoreas äußerst wichtig, da sie nur mit einer Arbeitsbescheinigung berechtigt sind, Lebensmittelscheine zu beziehen.

Wir verlassen Pjöngjang Richtung Norden

Auf dem Weg passieren wir den Friedhof vonNordkorea-0053-Bearbeitet Pjöngjang. Leider haben wir keine Zeit, diesen zu besichtigen. Unser Besuchsprogramm ist eng getaktet und wir können nur etwas einbauen, indem wir auf Geplantes verzichten.

In unserem kleinen Bus hat sich jede*r spontan einen Lieblingsplatz gesucht. Für Ye Jin ist es nicht einfach mit unserer Gruppe. Sie spricht zwar gut Englisch, aber überhaupt kein Deutsch. Da wir uns aber untereinander und mit Song San nur auf Deutsch unterhalten und zeitweise auch intensiv diskutieren, ist es für sie nicht möglich, teilzuhaben. Da sie eher die Aufgabe der Aufpasserin hat – sie achtet etwa darauf, dass keine*r von uns nach dem Aussteigen eigene Wege einschlägt – ist es vielleicht ganz gut, dass sie unsere Gespräche nicht versteht. Christian bemüht sich um sie und führt öfter als wir anderen Gespräche auf Englisch mit ihr.

Neben Ye Sin und Song San haben wir zusätzlich einen Fahrer, dessen Name ich nicht weiß. Es ist sein Job, uns an den richtigen Ort zu bringen und ihm ist es sichtlich egal, wen er transportiert.
Der Fahrer ist bemüht, die Schlaglöcher auf der Autobahn zu umfahren. So kurvt Nordkorea-0057-Bearbeitetder Wagen manchmal extreme Schlenker oder er landet nach der geschickten Umrundung eines Loches mitten in einem Folgeloch, sodass wir alle an das Dach des Busses hüpfen.
Die Straße ist voll mit Schlaglöchern, die nur sporadisch ausgebessert werden. Wir sehen eine Gruppe Arbeiter, die ohne Maschinen dabei ist, die Löcher im Asphalt zu flicken. Da es weiterhin regnet, tragen einige einen Regenschutz, der allerdings nur aus einer dünnen Plastikfolie besteht.Nordkorea-0061-Bearbeitet

Ich schaue nach draußen, folge mit dem Blick den an der Scheibe rinnenden Tropfen und wische gelegentlich die beschlagene Scheibe ab, um weiter nach draußen blicken zu können. Immer wieder gehen Menschen die Straße entlang oder sitzen am Rand, um auf einen Bus oder eine andere Mitfahrgelegenheit zu warten.

Maike und Ralf sind in Gespräche mit Song San vertieft. Sie wollen nicht den allgemein vorhandenen Vorurteilen Raum geben, sondern durch die eigene Anschauung und durch Erklärungen verstehen und das Land kennen lernen. Maike war in der DDR aufgewachsen und durch ihre Sozialisation mit den Strukturen eines sozialistischen Staates vertrauter als wir.

Nordkorea-0075-BearbeitetDas Myohyang-Gebirge liegt etwa 150 km nördlich von Pjöngjang. Wir brauchen drei Stunden, wohl auch, da wir durch das Umfahren der Schlaglöcher nahezu die doppelte Strecke zurücklegen.
Das Gebiet zählt zu den fünf heiligen Gebirgen Koreas. Hier befindet sich eine große buddhistische Tempelanlage sowie die Feundschaftsausstellung – ein Muss für alle Besucher*innen.

Unterirdische Hallen als Museum für Völkerfreundschaft

Als wir uns der Eingangspagode der Freundschaftsausstellung nähern, wird dort gerade eine Gruppe junger Soldaten begrüßt. Die Männer sind insgesamt klein und schmächtig und wirken in ihren Uniformen eher wie Jungen. Vor unserer Reise las ich von der Unter- bzw. Mangelernährung. Diese soll behoben sein, doch gerade in ländlichen Gebieten war es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Hungersnöten gekommen. Die Soldaten machen den Eindruck, als ob sie während ihrer Entwicklung dieser Mangelernährung ausgesetzt waren.

Museum für Völkerfreundschaft, Freundschaftsausstellung, NordkoreaDas Museum für Völkerfreundschaft, wie die Freundschaftsausstellung offiziell hieß, ist ein Phänomen. In großen, unterirdischen Sälen und Gängen – es wird davon gesprochen, dass es über 50.000 Quadratmeter sind – lagern in gläsernen Schränken und Vitrinen Geschenke, die den Kims gemacht wurden. Das voluminöste Geschenk, dass wir auf unserer Führung sehen, ist ein Flugzeug in einer gesonderten Halle. Wie bei einem Buddelschiff fragt man sich, wie dies Flugzeug in die unterirdische Halle gekommen ist, da der einzige Zugang eine normale Tür ist.
In den Vitrinen liegt neben den Präsenten von Staatsoberhäuptern anderer Länder viel Kleinkram. Song San erzähle uns, dass jeder Mensch auf der Welt den nordkoreanischen Führern ein Geschenk machen könne und es möglich ist, dass dieses dann hier präsentiert wird.Museum für Völkerfreundschaft, Freundschaftsausstellung, Nordkorea
Die Botschaft ist eindeutig. Wir Besucher*innen sollen sehen, wie die Führer und Nordkorea von der Welt verehrt werden: Seht, wir haben überall Freunde, die uns durch Geschenke ihre Anerkennung ausdrücken.
Leider gibt es von unserem Besuch keine Fotos, denn das Fotografieren ist strengstens verboten. Am Eingang müssen alle Kameras und Handys abgegeben werden.Nordkorea-0098-Bearbeitet
Ein Höhepunkt der Tour durch die unterirdischen Gelasse sind Hallen mit den Wachsfiguren des Führers Kim Il Sung und dessen Frau Kim Jong Suk. Die Besucher*innen werden angehalten, sich respektvoll zu verhalten und sich – in einer Linie stehend – vor den Figuren zu verneigen.

Zum Abschluss unseres Rundganges werden wir in einen Andenkenladen geleitet. Hier dürfen wir mit unseren zurück erhaltenen Kameras wieder fotografieren. Zwischen den Andenken stehen die Mitarbeiterinnen in ihrer traditionellen Tracht.
Wie bei Besuchen von Einrichtungen in Nordkorea üblich, sollen auch wir uns in ein Gästebuch eintragen. Ralf übernimmt diese Aufgabe. Neben den deutschen Text schreibt Song San die koreanische Übersetzung.

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Kaum Mönche im buddhistischen Poyhon-Tempel

Nach der Freundschaftsausstellung besuchen wir den buddhistischen Poyhon-Tempel. Obwohl Religion in Nordkorea kaum eine Rolle spielt, garantiert die Verfassung Religionsfreiheit – wenn auch nur in dem Maß, „wie diese die Ordnung des Landes nicht gefährdet“. Laut Regierungsinformation sollen 0,2 % der Bevölkerung religiös sein, darunter Buddhisten, Christen und die Anhänger der (nord- und süd-) koreanischen Religion Cheondogyo, einer Glaubensgemeinschaft, die auf einen Absolutsheitsanspruch verzichtet und Aspekte unterschiedlicher Religionen in sich vereint.

Auf der großen Anlage des buddhistischen Tempels sind vereinzelt Mönche zu sehen, insgesamt wirkt es aber eher wie ein Freilichtmuseum. Die vor 1000 Jahren gebauten Tempel wurden rekonstruiert, nachdem sie im Koreakrieg zerstört worden waren.
Wir gucken uns in den Tempeln um und Song San bietet uns an, ein Räucherstäbchen vor der Buddhastatue zu entzünden. Da sich aber keine*r von uns mit den Riten auskennt, verzichteten wir.

Ohne Anhalter zurück nach Pjöngjang

Der Regen hörte noch immer nicht auf. Zwar gibt es zwischenzeitliche Pausen, doch die Wege sind nass und schlammig, sodass wir auf die geplante Besichtigung eines Wasserfalls verzichten. Song San und Ye Jin bemühen sich via Handy um ein Ersatzprogramm in Pjöngjang.

Die Rückfahrt dauert wieder drei Stunden. Die am Straßenrand Wartenden erheben sich manchmal und signalisieren mit erhobenen Händen, dass sie mitfahren wollen. Sie denken sicher, dass unser Bus der öffentliche ist und sie blicken entsprechend enttäuscht, als wir an ihnen vorbei fahren.
Die Frage an Song San, ob wir nicht Menschen mitnehmen könnten, da wir doch Platz haben, muss dieser ablehnen: nein, das ist nicht möglich.

Als wir an Soldaten vorbei fahren, kam das Gespräch auf die Einheit, die wir vor der Freundschaftsausstellung gesehen hatten. Das Leben als Soldat ist besonders für junge Nordkorea-1015-Bearbeitet-2Männer auf dem Land eine gute und zudem hochgeschätzte Möglichkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Oft ist es sogar die einzige Möglichkeit, die ihnen bleibt.
Song San erzählt, dass es eine Wehrpflicht gibt, allerdings mit Ausnahmen. So war er nicht beim Militär, sondern konnte durch sein Studium der Nation auf andere Weise dienen. Das konfuzianische Weltbild, nach dem alle ihren bestimmten Platz im Leben haben und an dieser Stelle für das Wohl der Gemeinschaft sorgen, war Grundlage eines Denkens, dass dem koreanischen Sozialismus vorausgegangen war und dieses prägte.

Perfektion im Schülerpalast Mangyongdae

Nordkorea-0404-Bearbeitet-2In Pjöngjang sind für die morgigen Feierlichkeiten zum 105. Geburtstag des Staatsgründers viele Straßen gesperrt. Ye Jin verhandelt geschickt mit den Soldaten und Polizisten und so öffnet sich manche Schranke für uns. Wir müssen aber Umwege in Kauf nehmen und es dauert eine Weile, bis wir an unserem Ziel, dem Schülerpalast Mangyongdae, ankommen. Dort werden wir in eine der vorderen Reihen gesetzt um dem Spektakel zu folgen.

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Der Schülerpalast war eingerichtet worden, um Kindern und Jugendlichen eine nachmittägliche Beschäftigung außerhalb des schulischen Lehrplans zu bieten. Die Perfektion der Darbietung ging aber weit über die Präsentation einer nachmittäglichen Beschäftigung hinaus. Gesang, Musik und Tanz waren zu einer Choreografie vereint, die an jedem Musiktheater bestehen könnte. Am ehesten berührte es mich allerdings, Schülerpalast Mangyongdae, Pjöngjang, Nordkoreawenn doch eine kleine Unsicherheit zu spüren war.  Es scheint doch ein Drill, dem die jungen Menschen ausgesetzt sind, oder, wenn man es positiver ausdrücken möchte, eine Begabtenförderung. Für mich bleibt ein zwiespältiger Eindruck: die Hochachtung vor den Leistungen verbunden mit einer Ahnung, wie viel Tränen wohl geflossen sind, um das zu erreichen.

Zum Ende der Aufführung gehen einzelne Kinder zu den Ehrengästen in der ersten Reihe, um diese zum Tanz aufzufordern. Den Gästen ist es zunächst unangenehm, sie lassen sich aber bitten und drehen sich dann mit den Kindern zur Musik.Nordkorea-0210-Bearbeitet

Als wir aus dem Schülerpalast kommen, dämmert es bereits. Vor dem Eingang warten Mercedes-Limousinen mit verdunkelten Scheiben und laufendem Motor, um die Ehrengäste abzuholen. Wir gehören nicht dazu. Unser Bus wartet in gebührendem Abstand.

Der Fahrer fährt uns zum Abendessen. Neben dem Frühstück im Hotel werden uns täglich zwei Mahlzeiten in stets wechselnden Restaurants präsentiert. Das Essen ist vorzüglich und immer mehr, als wir essen konnten. Der Tisch wird mit kleinen Tellern oder Schüsseln vollgestellt und oft fehlt der Platz, alles unterzubringen. Wenn wir fast satt sind, heißt es, die Vorspeisen werden nun abgeräumt und der Hauptgang folgt. Also lernen wir, auch die Vorspeisen halb gegessen zurückgehen zu lassen. Zum Essen gibt es Wasser, Tee und koreanisches Bier. Die Brauerei Taedonggang, die in einem Vorort Pjöngjangs liegt, produziert ein sehr schmackhaftes Bier.

Der Überfluss, der uns geboten wird, ist etwas beschämend, da die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln lange Zeit ein Problem war oder immer noch ist. Noch heute ist Übergewicht – abgesehen vom Führer – kein erkennbares Thema. Uns wird aber vermittelt, dass es keinen Mangel mehr gibt.

Ein abendlicher Rundgang zum Chuch’e-Turm

Nach dem Essen fahren wir durch das abendliche Pjöngjang. Seit einer Stunde ist die Sonne untergegangen, Straßen und Häuser sind Nordkorea-0239-Bearbeitetbeleuchtet und Autos fahren durch die nächtliche Stadt.
Als unser Fahrer am Straßenrand hält, stiegen wir aus und gehen zu Fuß weiter. So werden wir Teil des Alltags der nordkoreanischen Hauptstadt an einem Freitagabend, Mitte April, 20.00 Uhr.
Wir kommen an einen Platz, auf dem der Turm steht, den ich bereits gestern vom Hotelzimmer aus gesehen hatte. An der Spitze leuchtet in 170 Metern Höhe eine Fackel aus rotem Glas.

Der Chuch’e-Turm ist das Zeichen einer Ideologie, die vom ersten Präsidenten Kim Jong Il entwickelt wurde. Inhalt dieser Ideologie ist eine Abgrenzung Nordkoreas vom Marxismus-Leninismus und sie stellt die Interessen der eigenen Nation über die der internationalen kommunistischen Bewegung. Die drei Prinzipien der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Souveränität sollen die Revolution vorantreiben – geleitet von der Partei und dem Führer.

Nordkorea-0248-BearbeitetAls wir zum Hotel zurück fahren, sehen wir auf der anderen Flussseite die Skyline von Pjöngjang. Hatte die Ideologie Erfolg und gibt es einen wirtschaftlichen Erfolg, der im Westen nicht thematisiert wird? Die Hochhäuser vermitteln diesen Eindruck.