Zeitgeistige Architektur

Peking-0738-Bearbeitet

Mit einer nutzbaren Fläche von 473.000 Quadratmetern ist das CCTV Hauptquartier in Peking das zweitgrößte Bürogebäude der Welt – nach dem Pentagon in Washington. CCTV steht für China Central Television und ist der größte Fernsehsender der Volksrepublik.
Entworfen wurde das spektakuläre, 2009 fertiggestellte Gebäude vom Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture) des Niederländers Rem Koolhaas. Die Bauleitung hatte der deutsche Architekt Ole Scheeren, bis 2010 Partner bei OMA.

Peking-0768-BearbeitetEs ist nicht einfach, zu dem von Weitem sichtbaren Hochhaus zu kommen. Drei Kilometer vom Zentrum entfernt ist es zwar noch fußläufig erreichbar, doch breite Autostraßen erschweren das Vorankommen. Die achtspurigen Straßen sind dicht befahren und nicht eben fußgängerfreundlich. Es ist laut, riecht nach Abgasen und ich muss immer wieder nach einem Übergang suchen. Interessant ist dabeiPeking-0765-Bearbeitet, dass sich auch die Übergänge im Neubaugebiet der stylischen Gestaltung anpassen.
Selbst als ich am CCTV-Gebäude angekommen bin, ist dies nicht wirklich erreichbar. Abgeschottet durch andere Baugrundstücke, Firmengelände oder breit angelegte Bepflanzungen werde ich als interessierter Besucher auf Distanz gehalten. Es gibt eine Zufahrt, an der die Angestellten kontrolliert werden und auf der gegenüber liegenden Seite – nach gefühlt einer weiteren Stunde Fußweg – eine offizielle Zufahrt, an deren Eingang mir aber deutlich Peking-0747-Bearbeitet-2gemacht wird, dass ich noch nicht einmal das Gelände betreten darf. Also bleibt es bei einer distanzierten Außenbetrachtung.
Das Bürogebäude ist neben seiner enormen Peking-0753-BearbeitetNutzfläche  mit 234 Metern das bei seiner Fertigstellung höchste Gebäude der Hauptstadt. Eine allerdings nur für Peking besondere Höhe, denn in anderen chinesischen Städten gibt es einige Gebäude, die die doppelte Höhe haben oder noch höher sind.
Die besondere Statik des Überhangs wurde beim CCTV-Tower durch eine Gitterstruktur ermöglicht, die außen am Gebäude als Gestaltungselement sichtbar blieb. Während des Baus waren bis zu 400 Architekt*innen und 10.000 Arbeiter*innen in drei Wechselschichten Tag und Nacht beschäftigt. Ein Bau der Superlative, der heute als einer der weltweit Bedeutendsten der zeitgenössischen Architektur gilt. Peking-0736-Bearbeitet

Auf dem Weg zurück ins Zentrum komme ich an Türmen vorbei, die sich im Bau befinden. Peking scheint überall im Aufbruch. Die stetig wachsende Bevölkerung braucht Wohn- und Arbeitsstätten. In der Stadt leben bereits über 20 Millionen Menschen, in der Region 60 Millionen. Und das Wachstum hält an. Die Landbevölkerung strebtPeking-0728-Bearbeitet in die Stadt und will am Erfolg und dem daraus resultierenden Reichtum teilhaben. Zwar ist es der einfachen Bevölkerung nicht möglich, den Aufenthaltsort zu wechseln, sie kommen aber ohne Genehmigung als Wanderarbeiter*innen in die Städte. Menschen mit finanziellen Mitteln wird es hingegen ermöglicht, ein Niederlassungsrecht zu erwerben.

Peking-0313-Bearbeitet

Peking-0316-BearbeitetNachdem ich am Sonntag Hadids Gebäude Wangjing Soho besucht hatte, kam ich an einem Neubaugebiet vorbei. Auch in China gibt es die Fünf-Tage-Woche und am Sonntag standen die Baukrähne still. Auf der Baustelle sah ich Container für die Bauleitung und eine Barackensiedlung als Unterkunft für die Arbeiter. Es war warm und durch die offen stehenden Türen der Baracken konnte ich sehen, dass die Arbeiter auf ihren Pritschen lagen und Peking-0318-Bearbeitetschliefen. Wahrscheinlich waren es Wanderarbeiter, die weit außerhalb der Hauptstadt ihren angemeldeten Wohnsitz hatten und beim Bau Geld verdienten.
Die soziale Stellung der Wanderarbeiter*innen war meistens schwierig. Sie waren nur geduldet, konnten keine Ansprüche geltend machen und mußten sich mit den Bedingungen abfinden, die sie vorfanden. Doch es gab auch immer wieder Berichte darüber, das es einige geschafft haben, sie sich hoch gearbeitet haben, mehr Geld verdienten und es für sie irgendwann vielleicht möglich war, ein Niederlassungsrecht zu kaufen. Diese Hoffnung trieb Millionen von Binnenmigrant*innen in Chinas Städte und machte sie zu billigen Arbeitskräften.

Peking-1110-Bearbeitet-BearbeitetPeking-1112-Bearbeitet-2

Im Universitätsviertel nordwestlich vom Zentrum realisierte das Büro Jürgen Engel Architekten den Neubau der Nationalbibliothek. Das Büro mit Hauptsitz in Braunschweig betreibt ein eigenes Büro in Peking. 2003 gewannen sie den internationalen Wettbewerb, der zum Neubau der Nationalbibliothek ausgeschrieben war und realisierten den Bau bis 2008.
Mit dem auf einem Sockel sitzenden schwebenden Dach übernahmen die Gestalter Elemente traditioneller chinesischer Baukultur und interpretierten sie gleichzeitig neu. Die besondere Betonung der Horizontalen und der Symmetrie in der chinesischen Baukunst fand hier seinen spezifischen Ausdruck. Das dominante, auf Säulen liegenden Dachelement stilisiert ein liegendes Buch und nimmt damit Bezug auf die Nutzung des Gebäudes.
Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, Architektur
Ich las, dass die Bibliothek durchschnittlich 12.000 Besucher*innen pro Stunde haben soll. Dies schien mir doch eine enorm große Anzahl. An dem Tag, als ich die Bibliothek besuche, sind es nicht die Massen, die das Gebäude über die Freitreppe betreten, die direkt ins zweite Stockwerk führt.

Nationalbibliothek, Jürgen Engel, Peking, China, ArchitekturAuch ich lande in der zweiten Etage und nehme von dort die Rolltreppe bis zum oberen Stockwerk. Von dort habe ich einen guten Blick auf die gesamte Bibliothek. An vielen der 2000 Arbeitsplätze sitzen Student*innen in einer in Bibliotheken üblichen, ruhigen und konzentrierten  Arbeitsatmosphäre.
Mit einem Bestand von 12 Millionen Büchern ist die Chinesische Nationalbibliothek die drittgrößte Bibliothek der Welt. Die aus dem 18. Jahrhundert stammenden
Aufzeichnungen des Kaisers Quianlong, der Peking-1117-Bearbeitetvon allen historischen Schriften der chinesischen Kultur Abschriften herstellen ließ, sind der größte Schatz des Hauses. Dieser lagert im Untergeschoss des Gebäudes. Auf den Etagen darüber stehen die Bücher der Bibliothek und im Dachgeschoss befindet sich eine Online-Bibliothek. So ergab sich eine konzeptionell angelegte Folge vom Altertum bis zur Moderne.

Auf einer Ebene der Bibliothek steht eine lange Reihe von Grünpflanzen in Plastiktöpfen. Es hat etwas von einer Kunstinstallation, könnte aber auch reine Deko sein.

Der für den Bau des CCTV-Hauptquartiers verantwortliche Architekt Ole Scheeren hat nach dem Ausscheiden bei OMA seine eigene Firma gegründet, das Büro Ole Scheeren. Wie das Büro Jürgen Engel verfügt auch dieses Büro über einen Sitz in Peking und ist hier aktiv. Peking-0474-Bearbeitet
Beim Schlendern durch die Stadt komme ich an dem noch im Bau befindlichen, von Ole Scheeren entworfenen Guardian Art Center vorbei. Es liegt im Zentrum, nur zwei Häuserblocks von der verbotenen Stadt entfernt. Auftraggeber war das Auktionshaus China Guardian.
Im Art Center entstehen Ausstellungshallen und Bühnen, Restaurierungswerkstätten und Depots, Restaurants und ein Hotel mit 120 Zimmern. Ein Eldorado für eine internationale Kunst- und Sammlerszene. Die Konkurrenten Sotheby’sPeking-1087-Bearbeitet und Christie’s verfügen bisher über keine vergleichbaren Häuser.
Ob der an der Struktur der umliegenden Hutongs angepasste Backstein-Fassendenstil diesen Bezug erkennbar werden läßt oder der Bau eher wie ein fremder Klotz wahrgenommen wird, kann man wohl erst nach der Fertigstellung beurteilen. Hier wird entscheidend sein, wie und wem sich das Haus öffnet.

China-1475-Bearbeitet

Ein abgeschlossenes und erprobtes Bauwerk ist das Nationalstadion Peking, das als Olympiastadion für die Sommerspiele 2008 von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen und realisiertChina-1482-Bearbeitet wurde. Interessant ist, dass alle Architek*innen, deren Gebäude internationale Beachtung fanden und daher mein Interesse weckten, europäischen Ursprungs waren. Oder ist es vielleicht so, dass nur die europäischen Architekt*innen in diesem Maße beachtet werden?
Das Stadion bekam von der Bevölkerung schon beim öffentlich diskutierten Entwurf zum Bau eines Olympiastadions den Spitznamen Vogelnest. Diese Bezeichnung soll mit dazu beigetragen haben, dass das China-1488-BearbeitetArchitektenbüro Herzog & de Meuron den Wettbewerb gewann. Nester der Mauersegler werden in Ostasien als Spezialität angeboten und ein Vogelnest ist in China äußerst positiv besetzt.
Im Planungsteam des Stadions war auch der chinesische Künstler Ai Weiwei. Als einer der bedeutendsten Künstler des Landes hat Ai Weiwei nicht nur an der Entwicklung der Form mitgewirkt. Er selber ist als Architekt aktiv und hat im Künstlerviertel Caochangdi mehrere Bauten realisiert. Somit letztlich doch noch ein chinesischer Architekt, dessen Bauten ich genauer betrachte.

China-1433-BearbeitetSeit 2006 betreibt der Schweizer Galerist Urs Meile eine Dependance im Caochangdi Kunstdistrikt, deren Gebäude von Ai Weiwei entworfen wurden. Rote Backsteinmauern bilden sechs Häuser um einen Innenhof, der durch sparsame Bepflanzung und kleine Rasenflächen der Reduktion des gesamten Gebäudes entspricht. Der gebrannte, rotbraune Ziegel bildet gerade Flächen, die durch Einsprengselungen eines helleren roten Ziegels aufgelockert werden. China-1434-Bearbeitet
Ai Weiwei schrieb in seinem verbotenen Blog über die Architektur: Trachte beim Bauen stets nach Klarheit, Einfachheit, Geradlinigkeit und Exaktheit. Und an anderer Stelle: Ein Bau nimmt durch seine Gestalt Einfluss darauf, was Menschen in ihm tun.
China-1440-BearbeitetDer Bau spiegelt in seiner äußeren Form die Funktionalität einer Galerie, die sich im Inneren zeigt. Der sachliche Ausstellungsraum eines White Cube bildet den Rahmen für die Präsentation der Kunst.China-1440-Bearbeitet_2

Während meines Besuches zeigt die Galerie
eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Cheng Ran mit dem Titel: In Course of the Miraculous. Die Filme und Videos werden auf großen Monitoren präsentiert, zum Teil ergänzt durch eine Soundinstallation.

Ein anderer Bau von Ai Weiwei sind die Red Brick Galleries. In ihrem Charakter orientieren sich die Gebäude mit ihren schmalen Gängen und Höfen an traditionellen chinesischen Bauten. Ai schrieb: Ich versuche ganz einfach, zu den grundlegendsten Möglichkeiten zurückzukehren und die Schwierigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren. Ich bewirke so wenig wie möglich – das ist das elementarste Merkmal meiner Architektur.China-1421-Bearbeitet
Die Galerien des Komplexes werben durch unscheinbare, schmale weiße Beschriftungen auf hellen Betonbändern und mir als Besucher bleibt die Aufgabe, durch Erkundungen und Flanieren in den Gassen und Häusern die Kunst zu entdecken. Diese präsentiert sich auch hier im weißen, klaren Kubus.
Die Anlage hat etwas von einer Trutzburg, gekleidet in edlem Ziegelstein und mit dem Auftrag, der zeitgenössischen Kunst ideale Bedingungen zu schaffen.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Im nächsten Beitrag bleibe ich bei der Kunst. Ganz in der Nähe von Caochangdi befindet sich der Kunstdistrikt Da Shanzi, allerdings mit eindeutig mehr Eventcharakter.