Peking: Die Bauten von Zaha Hadid

Peking-0615-BearbeitetMir war Zhaha Hadid durch ihr Gebäude phæno in Wolfsburg bekannt. Inzwischen hatte ich auch in anderen Städten Europas Bauten von ihr gesehen. Die geschwungenen, bewegten Gebäude haben eine ganz eigene Formensprache.
Die aus dem Irak stammende britische Architektin hat neben Bauwerken in vielen Ländern Europas ihren Stil in den USA, in Südkorea, Abu Dhabi und Hongkong realisiert. Und hier in Peking. Die Gebäudekomplexe Galaxy SOHO und Wangjing SOHO wurden 2012 bzw. 2014 eröffnet.
Mit der Subway Linie 14 fahre ich bis nach Wangjing South. Der Stadtteil liegt zwischen dem vierten und fünften Stadtring und damit weit außerhalb des Zentrums. Viele, in den 1990er Jahren gebaute Hochhäuser schaffen hier Wohnraum für etwa 70.000 Menschen, die aus Südkorea stammen. Wangjing hat seitdem den Beinamen Koreatown.Peking-0222-BearbeitetPeking-0215-Bearbeitet

Heute ist es an die 20 Grad und sehr angenehm. Die Frühlingwinde vertreiben den Smog, der vom Winter über der Stadt steht.
Zwischen den Häusern liegen sandige, brache Felder. Die Menschen, die sich dort einfache Unterkünfte geschaffen haben, duldet man wahrscheinlich so lange, bis auch hier gebaut wird. Und in Wangjing wird viel gebaut. Technologieunternehmen und große nationale und internationale Konzerne errichten hier seit einigen Jahren ihre gläsernen Firmenzentralen.

Hinter den einfachen Häusern taucht der Peking-0217-BearbeitetGebäudekomplex Wangjing SOHO auf. Unwirklich wie eine Fata Morgana und im Kontrast zum Lebensumfeld auf dieser Seite des sandigen Feldes. Aber auch im Kontrast zu den benachbarten Firmensitzen von Daimler, Microsoft und anderen Unternehmen. Die Gestalt der SOHO Gebäude verabschiedet sich von den traditionellen und noch immer aktuellen kubischen Formen.
Zaha Hadid, Soho

Sie erinnern an in der Landschaft liegende – oder stehende – Kieselsteine. Formen, die neu sind in der Architektur und trotz ihrer Anmut gewaltig.
Zaha Hadid wurde einmal dafür kritisiert, dass ihre Formensprache
Peking-0302-Bearbeitetdie Funktion und den Ort überdecken würde, in dem die Gebäude stehen. Aber kann nicht auch die Form prägend sein für den Ort und diesen entwickeln?
Ja, die Kieselsteine wirken fremd. Aber sie wirken hier nicht fremder als in Tokio oder New York. Und Peking hat sich zu einem wichtigen Ort für zeitgenössische Architektur entwickelt.
Beim Näherkommen werden die Kieselsteine zu Findlingen und schließlich zu ausgewaschenen Felsen.

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Peking-0288-BearbeitetAuf der von den drei gewölbten Türmen umgebenen Plaza werde ich in ein optisches Liniengewirr gezogen. Helle Streifen, die die dazwischen liegenden Fensterreihen voneinander absetzen, werden mal breiter und wieder schmaler und scheinen sich im nächsten Turm wiederzufinden, während sich dieser im ersten spiegelt. Ein visuelles Erlebnis aus Glas, Stein und Aluminium.

Der höchste Turm ist 200 Meter hoch. Die unteren drei der bis zu 37 Stockwerke dienen der kommerziellen Nutzung: Läden, Cafés und Dienstleister. Die Planer*innen waren bestrebt, einen Ort zuPeking-0287-Bearbeitet schaffen, der auf seine Umgebung ausstrahlt und diese einbezog. Aber kommen die koreanischen Nachbar*innen und sind sie erwünscht, auch ohne potentiellen Kund*innen zu sein?Peking-0240-Bearbeitet

Auf dem Platz zwischen den Gebäuden ist Raum zum Flanieren. Vielleicht ist am Abend mehr Betrieb, jetzt zur Mittagszeit gab es nur wenig Besucher*innen. Und am heutigen Sonntag fehlen die Angestellten aus den Büros des Komplexes oder der benachbarten Firmensitze.Peking-0273-Bearbeitet

Die Architektin Zaha Hadid sagte einmal, dass sie nicht glaube, dass Architektur allein dazu da ist, ein Obdach zu schaffen. Architektur solle die Menschen auch anregen, sie beruhigen und zum Nachdenken bringen. Und an anderer Stelle sagte Hadid: Natürlich glaube ich, dass einfallsreiche Architektur das Leben der MenschenPeking-0247-Bearbeitet verändern kann, aber ich wünschte, es wäre möglich, einige der Anstrengungen, die wir in ambitionierte Gebäude gesteckt haben, in die grundlegenden architektonischen Bausteine der Gesellschaft zu lenken.

Als erste weibliche Architektin wurde Zaha Hadid 2004 mit dem Pritzker-Preis geehrt, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Schon 1982 bekam sie die Gold Medal Architectural Design von British Architecture, London und dann, nach vielen anderen Auszeichnungen, Peking-0241-Bearbeitetposthum 2016 die Gold Medal des Royal Institute of British Architects für ihr Lebenswerk. Zaha Hadid starb im März 2016. Ihr langjähriger Mitarbeiter Patrik Schumacher,  seit 2002 Teilhaber von Zaha Hadid Architekts (ZHA), führt die Marke und die begonnen Projekte nach Hadids Tod weiter. Peking-0292

Auftraggeber von Wangjing- und Galaxy SOHO war der Büroimmobilienentwickler SOHO China Limited. Das Kürzel SOHO nahm sicher Bezug auf die Szeneviertel in London und New York, stand hier aber für small office, home office. Dem Gründerpaar von China SOHO Pan Shiyi und Zhang Xin brachte ihr Konzept auch kommerziellen Erfolg: sie standen bereits auf der Forbes Liste der reichsten Menschen der Welt.

Peking-0295-BearbeitetDas äußere Design von Wangjing SOHO schwingt im Inneren weiter. Säulen, Gänge, Licht und Möbel nehmen die Schwünge des Äußeren auf, führen sie fort und entlassen sie an anderer Stelle wieder.

In einem Interview sagte der Projektleiter von Wangjing SOHO, der in Japan geborene und den USA aufgewachsene Architekt Satoshi OhashiObwohl die Menschen wissen, dass es ein modernes, neues Gebäude ist, spüren sie etwas, das menschlicher oder greifbarer ist. Und Ohashi sagt, dass sich China 2008 mit den olympischen Spielen weiter geöffnet habe und setzt dies in Peking-0296-BearbeitetBezug zur Architektur von ZHA: Die Leute nennen es experimentell, aber ich denke nicht unbedingt, dass es experimentell ist. Es ist Teil des Zustands und der Dynamik, die jetzt passieren.

Welche Dynamik ist das und welche Menschen sind es, die hier neben den Büroangestellten verkehren? Im Café kostet ein Stück Kuchen umgerechnet etwa fünf Euro –  wer zahlt das für ein Stück Kuchen? Ist das die neue Mittelschicht, die sich in China entwickelt?
Peking-0260-BearbeitetSeit der Jahrtausendwende sind in China doppelt so viele Menschen in die sogenannte Mittelschicht aufgestiegen, wie in den USA. Eine Schicht, die darüber definiert wird, dass sie über ein Privatvermögen zwischen 50.000 und 500.000 Dollar verfügt. Den Chines*innen, die Wangjing SOHO besuchen, scheint es wichtig zu sein, sich als Teil der vermögenden Mittel- oder Oberschicht zu zeigen. Peking-0266-Bearbeitet

Im Café kauft eine Mutter ihrer Tochter ein Eis. Das Kind hat schon einen Luftballon und einen Drachen, den die Mutter jetzt hielt, damit das Kind das Eis essen kann. Es ist vielleicht ein besonderer Tag, vielleicht der Geburtstag des Mädchens? Es ist aber auch ein Symbol der – inzwischen aufgehobenen – Ein-Kind-Politik und dafür, dass die (Einzel-) Kinder der Mittel- und Oberschicht wie kleine Prinzessinnen und Prinzen aufwachsen.
Hier zeigt sich ein neues China, das mit unseren Vorstellungen von preiswerten China-Restaurants und Billigware Made in China nichts mehr zu tun hat.

Peking-0271-BearbeitetSOHO China konzentriert sich auf die Entwicklung von Immobilien in den zentralen Geschäftsvierteln von Peking und Shanghai. Sie arbeiteten dabei mit international renommierten Architekt*innen wie Zaha Hadid und dem Japaner Kengo Kuma zusammen und bedienten damit das Potential der wachsenden, wohlhabenden Gesellschaftsschichten.
Der Projektleiter Ohashi sagte im Interview, dass es viele Probleme in China gäbe – Umweltprobleme, persönliche und wirtschaftliche Probleme. Und er sagte: 
Ich denke, das ist die große Herausforderung. Aber um daran teilzuhaben, ist die Fähigkeit, Visionen zu erschaffen, sehr aufregend. Und deshalb sind wir hier.

Peking-0625Die in der Haustechnik arbeitenden Angestellten von SOHO tragen alle die selbe, uniforme Kleidung: gelbes Capy, weiße Jacke und schwarze Hosen. Sie pflegen das Haus und die Aussenanlagen und reinigen aufwendig die auf der Plaza und den Zuwegen verlegten Steine. Die weißen Jacken geben den Arbeitern ein reinliches, antiseptisches Aussehen, wie wir es von anderen Berufen in der Küche oder im medizinischen Bereich kennen. Und die Angestellten treten immer als Kollektiv auf – zumindest zu zweit, aber oft auch zu dritt oder in größeren Gruppen.

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Am nächsten Tag fahre ich zu dem im Stadtzentrum gelegenen anderen Gemeinschaftsprojekt von SOHO China und Zaha Hadid: Galaxy SOHO. Es liegt am 2. Stadtring im Verkehrsknotenpunkt Dongzhimen. Die Gebäude sind denen in Wangjing ähnlich, hier waren es aber vier, nicht ganz so hohe Türme – 60 statt 200 Meter. Aus der Adresse von Galaxy SOHO ist zu lesen, dass auf dem Gelände zuvor ein Hutong gestanden hat. Die Adresse lautet: Nr. 7A Xiao Pai Fang Hutong.

Die vier Türme des Komplexes sind durch Stege und Fußgängerbrücken miteinander verbunden – alle individuell gestaltet. Sie geben dem Gebäudekomplex eine gegenüber Wangjing erweiterte Dynamik. Hier lösen sich die hellen Streifen von den Gebäuden und schwingen mit den Brücken und Stegen zu den anderen Türmen herüber.
Peking-0584-BearbeitetDie zwischen den Gebäuden liegenden Plätze bieten großflächige Sitzgelegenheiten, umgeben von Wasserspielen, farblichen Gestaltungen und Mustern im verlegten Stein. Zwischen den Flanierenden kurvt das Aufsichtspersonal mit elektronischen Segway-Rollern. Mit den gestalteten Plätzen zwischen vier Häusern zitiert Zaha Hadid Architekts traditionelle chinesische Wohnhöfe.
Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China
In der alten chinesischen Architektur war ein innen liegender Hof von vier Gebäuden umgeben. Tempel-, Palast- und Hofanlagen und größere Wohnhäuser basierten im alten China auf dem Grundmuster dieses chinesischen Rechteckes oder Vierseithofes. Der Innenhof war ein begrüntes Zimmer im Freien und diente als Treffpunkt der Bewohner*innen.Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, China

Wie in Wangjing befinden sich in den unteren drei Etagen Gewerbeflächen und Entertainment-Einrichtungen. Darüber liegen zwölf Büroetagen und im obersten Stockwerk Zaha Hadid Architekts, ZHA, Galaxy SOHO, Beijing, ChinaRestaurants, Cafés und Bars. Auch in den oberen Etagen werden die Türme durch Brücken und Stege miteinander verbunden, sodass etwas wie ein geschwungenes Labyrinth entsteht. Ich folge den Pfaden und weiß bald nicht mehr, in welchem der vier Türme ich mich gerade befinde. Alles ist miteinander verwoben. Und alles ist ähnlich.
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In Peking ist es angesagt, sich Essen liefern zu lassen. Überall sieht man die gelben oder roten Fahrrad- und Mopedfahrer*innen der Lieferfirmen. Sie begegnen mir auch im Labyrinth der Büroetagen auf der Suche nach der richtigen Etage und Firma.

Peking-0624-BearbeitetIm größten der vier Türme befindet sich ein Einkaufszentrum mit Einzelhandelsläden. Die Verkleidung der die Stockwerke verbindenden Rolltreppen wird in die Balustrade der Etagen überführt und bildet so weitere Elemente dynamischer Linien.
Der Innenbereich des Einkaufszentrums ist mit einem Glasdach überspannt, das einen Durchblick auf die darüber liegenden Büroetagen ermöglicht und Tageslicht bis zum Boden führt.

Mit Galaxy- und Wangjing SOHO haben Saha Hadid und Peking-0533-BearbeitetPatrik Schumacher einzigartige Gebäudekomplexe geschaffen. Sie haben ihre Formensprache in Peking hinterlassen und mit ihrem Konzept verdeutlicht, dass auch Strukturen traditioneller Bauweisen in zeitgenössische Architektur integrierbar sind.

Patrik Schumacher führt das Label ZHA weiter und realisiert mit seinem Team Bauten, die schon in Zusammenarbeit mit Zaha Hadid für Peking entwickelt wurden:

2018 soll der Beijing-Tower – auch Leeza SOHO genannt – eröffnet werden. Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt von ZHA und SOHO China. Der Multifunktions-Turm umschließt einen 190 Meter hohen Lichthof und bildet damit das höchste Atrium der Welt. Der Turm wird mit Licht durchflutet sein und von allen Etagen eine wunderbare Aussicht auf die Stadt bieten.
Leeza SOHO wird im Lize Financial Business District gebaut und steht damit westlich vom Zentrum Pekings. Die Parteiführung hatte bemängelt, dass zu viele Bauten – u.a. Galaxy SOHO und der spektakuläre Neubau des chinesischen Staatsfernsehens – in der Region östlich des Zentrums gebaut wurden und damit das Feng Shui der Stadt gestört würde.

Das größte Projekt von Zaha Hadid Architekts ist der Flughafen Peking-Daxing. Mit dem Bau des neuen internationalen Flughafens wurde 2015 begonnen und die Eröffnung ist für 2019 geplant. Der Flughafen bekommt sieben Landebahnen und ist für bis zu 130 Millionen Passagiere ausgelegt. Er wäre damit vier mal so groß wie der neue Flughafen von Berlin und in einem Viertel der Zeit gebaut.

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Neben den Bauten von Zaha Hadid treffe ich auf weitere zeitgeistige Architektur. Einige habe ich aufgesucht, andere beim Flanieren durch die Stadt entdeckt. Davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.

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Veröffentlicht von

Matthias Haun

Nach meinem Kunststudium mit dem Schwerpunkt Freie Malerei begann ich vor zwanzig Jahren, mich intensiv mit Fotografie zu beschäftigen. Ich beteiligte mich an Ausstellungen, arbeitete an Aufträgen und gestaltete Bildbände (s. meine Website: www.matthiashaun.de). Für die textliche Ergänzung besuchte ich Kurse für Kreatives Schreiben, Lehrgänge zum Journalismus und Fortbildungen an der Bundesakademie für kulturelle Bildung. Der Blog ist für mich jetzt eine gute Möglichkeit, die Kombination von Fotografie und Text zu veröffentlichen. Website: www.reisebilder.blog Mail: kontakt@matthiashaun.de