Peking: Leben im Hutong

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Hutongs sind Wohnviertel des alten Peking. Traditionelle Hofhäuser stehen dicht an dicht und bilden ein Gewirr von Gassen. Die Hutongs gruppieren sich traditionell um das Zentrum, die Verbotene Stadt.
In früheren Zeiten gab es eine Rangordnung bezüglich des Standortes der Hutongs. Je dichter die Häuser dem Zentrum standen, desto feudaler waren sie. Die Hofhäuser hatten große Gärten sowie aufwendig geschnitzte und bemalte Dachbalken und Säulen. Hier lebten die reichen Kaufleute und hochrangigen Beamten. Je weiter der Hutong vom Zentrum entfernt war, desto geringer war die soziale Stellung der Bewohner*innen.

Viele der mehrere hundert Jahre alten Hutongs verschwanden mit der Gründung der Volksrepublik. Sie wurden zunehmend durch breite Straßen und Hochhäuser ersetzt, sodass heute nur noch etwa ein Viertel der alten Wohngebiete existiert.
Das Wort Hutong bedeutet Quelle. Der Hutong ist ein geschlossenes Gebiet von Wohnhäusern, die sich um einen Brunnen herum gebildet haben.

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In den Wohngebieten zeigt sich ein beschauliches Alltagsleben. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern und freuen sich über die vorübergehende Nachbarin, um ein Schwätzchen zu halten. Die in Warnfarben gekleidete Straßenkehrerin macht eine Pause und es stört sich niemand daran, wenn die Pause ein halbes Stündchen länger dauert.
Oft sind die Gassen zu schmal für moderne Autos. Kleine Dreiräder, Mopeds und Fahrräder sind daher die Hauptverkehrsmittel. Lasten werden mit verschiedensten Auf- und Anbauten transportiert. Manchmal sieht man, dass die Lastenfahrzeuge nicht mehr bewegt werden. Die Luft fehlt in den Reifen und sie werden scheinbar nicht mehr gebraucht – aber eines Tages vielleicht doch mal wieder und so bleiben sie stehen, wo sie ist.

Die Hutongs bieten den Bewohner*innen alles, was sie zum Leben brauchen. Ich kann mir vorstellen, das es einzelne Menschen gibt, die ihr Hutong noch nie verlassen haben. Wozu auch. Hier haben sie ihre Familie und die Nachbar*innen, ihre Arbeit und Läden, in denen sie einkaufen können. Und die Hutongs werden von der Staatsmacht vielleicht nicht in dem Ausmaß überwacht, wie es in modernen Wohnbezirken möglich ist.

Mit ihrer Intimität bieten Hutongs dörfliche Strukturen innerhalb einer Megastadt, die riesig, unübersichtlich und unbegreifbar ist. Es gibt Pläne, Peking mit der Hafenstadt Tianjin und der Provinz Hebei zu verschmelzen und unter dem Namen Jing-Jin-Ji das mit 130 Millionen Einwohner*innen weltweit größte städtische Gebilde überhaupt zu schaffen. Der absolute Gegensatz zu den beschaulichen Hofhäusern.

In den engen Gassen erlauben offen stehende Türen einen Einblick in die Höfe. Darf ich dort reingucken? Die Höfe sind nicht ganz privat, da sie von mehreren Wohnhäusern eingegrenzt werden. Sie sind aber auch nicht öffentlich, da es der Hof der wenigen Häuser und ihrer Bewohner*innen ist.

Der geringe Platz in den Gebäuden sorgt dafür, dass auf engstem Raum Dinge aufgereiht und gestapelt werden. Dinge des täglichen Bedarfs, Dinge, die man vielleicht nochmal gebrauchen kann und solche, die eigentlich weg können, aber für die es keinen Ort gibt, wohin sie entsorgt werden könnten.

Lässt sich der Ziegelstein nicht doch noch mal gebrauchen, auch wenn ein Stück abgeplatzt ist und eine Sperrholzplatte kann man doch bestimmt nochmal nutzen… Dazwischen hängt die Wäsche zum Trocknen.

China-0112Die zentralen Durchgangsstraßen der Hutongs sind breiter als die Gassen zwischen den Häusern. Hier befinden sich Geschäfte, Restaurants und verschiedenste Dienstleistungen. Am Straßenrand sehe ich einen Mann mit einer Art Nähmaschine. Ob es ein Schuster ist oder ein Handwerker, der unterschiedlichste Dinge näht, kann ich nicht ausmachen.

Eine Friseurin nutzt das Frühlingswetter, um ihren Kunden auf der Straße die Haare zu schneiden. So fliegen ihr die Haare nicht durch den Laden.

Kleine Geschäfte oder Kioske bieten Dinge für den täglichen Bedarf. Ich kann nicht immer erkennen, ob ein Geschäft noch in Betrieb ist oder vielleicht schon vor Jahren geschlossen wurde. Diese Region ist nicht für den Tourismus aufbereitet.

Die kleinen Restaurants sind gut besucht und ich muss warten, bis ein Platz frei wird. Aber ich werde wie die Einheimischen behandelt und mir wird ein Zeichen gegeben, als ein Platz frei wird.

Das Essen ist gut und preiswert. Die Gerichte werden mit kleinen Fotos angeboten, sodass ich sehen kann, was es wohl sein könnte. Manchmal ist auf den Fotos nicht zu erkennen, ob es sich um Kartoffeln, Pilze oder vielleicht Fleisch handelt. Da muss ich dann etwas auf Verdacht bestellten, denn eine Konversation ist mir nicht möglich und Englisch wird in diesen Läden selten gesprochen.

Das Gemüse ist immer frisch und knackig. Es ist gut gewürzt, aber nicht besonders scharf. Zum Essen gibt es Reis und ich bestelle wie die meisten Gäste Yanjing Bier.

Im Gegensatz dazu sind die Cafes in den Hutongs teuer. Ein Stück Kuchen mit einer Tasse Kaffee kann gut 100 Yuan, also 12 bis 13 Euro kosten. Die kleinen Läden sind nicht besonders edel, sie transportieren aber einen zeitgeistig coolen Chick, der entsprechendes Publikum anzieht. Hier wird auch selbstverständlich Englisch gesprochen.

Vielleicht entsteht der Preisunterschied zu den Restaurants auch dadurch, dass die Grundnahrungsmittel anders subventioniert werden als feudaler Kuchengenuss. Schließlich ist es noch immer ein kommunistisches Land.

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Die Vorbereitung des Essens vollzieht sich China-1693im öffentlichen Raum. Vor den Restaurants oder auf Plätzen sitzen die Frauen, bestücken Fleischspieße, putzen Gemüse und schälen Kartoffeln. Die Männer spielen derweil an niedrigen Hockern Xiangqi, das chinesische Schach. Die Rollenverteilung ist in den Hutongs und wohl in der ganzen traditionellen chinesischen Gesellschaft klar geregelt.

China-1334-BearbeitetDies zeigt sich auch im Straßenbild. Ältere Männer sind eher bieder gekleidet, während sich viele Frauen in schickem Outfit zeigen. Hútong, Beijing
Bei einigen Männern gibt es die Vorliebe, im Schlafanzug auf die Straße zu gehen. Diese chinesische Besonderheit sollte durch offizielle Stellen unterbunden werden, da es sich gegenüber ausländischen Gästen nicht gehören würde, sich so zu zeigen. Aber es gibt diese Männer und sie scheinen das offizielle Interesse zu ignorieren.
Bei jungen Leuten ist – wie überall auf der Welt – die Kleidung internationaler Konzerne angesagt.

In seinem Blog schrieb der chinesische Peking_02Künstler Ai Weiwei, dass 2008 – vor dem Start der olympischen Spiele – viele Häuser der Hutongs durch einrückende Trupps einheitlich übermalt wurden: man hatte die gesamte Gasse mit einer Farbschicht überzogen, die alles in ein künstliches und kaltes grau-blaues Licht tauchte; jede einzelne alte und ramponierte Tür hatte man in grellem Rot gestrichen; repariert hatte man nichts. (…) Mit einem Mal waren alle Spuren der Geschichte und alle Erinnerungen getilgt.

An vielen Häusern fallen kleine Farbflächen auf, die durch das Überstreichen angeklebter Werbezettel mit grauer Farbe entstanden sind. Das Grau ist dabei selten gleich. Es zeigt die ganze Palette zwischen hell und dunkel und von rötlichgrau bis bläulich. Die Felder bekommen so die Anmutung abstrakter Gemälde oder eines Aktion Paintings.

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Da die Häuser in den Hutongs oft klein sind, verfügen sie über keine eigenen Toiletten. Es gibt Gemeinschaftstoiletten. An diesen verdeutlichen englische Bezeichnungen und Piktogramme, dass die Toiletten auch von Touristen genutzt werden können und sollen. Ein lobenswerter Service, den man in anderen Regionen vermisst.

Es gibt Häuser, die baufällig oder kaputt sind. China-0602Hier scheinen Menschen zu leben, die kein Geld haben, um das Haus instand zu halten oder die in ein verlassenes Haus eingezogen sind um dort – etwa als Wanderarbeiter – eine provisorische Heimat zu finden.
An einigen Ecken sehe ich, dass alte Häuser repariert werden: Ziegel werden ausgebessert, Wände neu verputzt und Wege erneuert.

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China-1626Oft werden die alten Häuser aber abgerissen. Doch schaffen sie nicht mehr nur Platz für moderne, mehrstöckige Wohnhäuser oder gläserne Firmenzentralen. Heute wird das kulturelle Erbe der Hutongs erkannt. Sie werden wieder aufgebaut oder nach altem Vorbild neu gestaltet.
Obwohl der traditionelle Baustil in diesen Gebäuden sehr gut umgesetzt wird und viel besser zu erkennen ist, fehlt ihnen der Geist China-1623des Authentischen. In ihnen sind keine Kinder groß geworden, die Spuren hinterließen, sie brauchen keine Abstellflächen für Dinge, die man noch mal gebrauchen könnte und sie haben keine Ecken, die irgendwann im Zuge einer Mode ganz anders und individuell gestaltet wurde. Hier stimmt alles, es ist aber zu perfekt und daher eher museal.
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Den Touristen aus Asien – ich kann nicht erkennen, ob es eher Chines*innen oder Menschen aus anderen Ländern sind – scheint dieser Teil der Hutongs zu liegen. Die Gassen mit den Andenkenläden sind gut besucht und an einigen Orten überlaufen. Es ist den Menschen scheinbar wichtig, Teil des Events zu sein.

Als ich weiter gehe, komme ich in Straßen, die neu angelegt und noch unbewohnt sind. In ihnen ist der Tourismus aber bereits angelegt: Auf einem Platz steht eine alte Eisenbahn und in einer Straße entdecke ich traditionelle Schilde, die hier ausgestellt sind.

Das Ambiente hat etwas von einem chinesischen Disneyland und sobald die Geschäfte bezogen sind und die Reisebusse halten, gibt es wahrscheinlich kein Durchkommen mehr.

Die Hutongs als Wohngebiete der Bevölkerung werden so mehr und mehr verdrängt. Nachdem sie über Jahrzehnte abgerissen wurden, um Platz für breite Straßen, Wohnhäuser und Firmenzentralen zu schaffen, werden sie heute durch Nachbauten für den Tourismus ersetzt.

Noch kann man die authentischen Hutongs erleben und mit ihnen einen traditionellen Wohn- und Lebensraum erkunden. Ich hoffe, dass von den verbliebenen viele erhalten bleiben, denn sie vermitteln eine Atmosphäre, die man nicht neu gestalten kann. Hier schlägt das Herz der Megacity und ohne die alten Wohngebiete ist Peking sicher nicht halb so interessant.

Aber vielleicht werden die Hutongs für junge Leute und kommende Generationen auch zunehmend uninteressant. Wollten nicht alle eine Toilette in der eigenen Wohnung, Abstand zu neugierigen Nachbar*innen und die Möglichkeit, mit dem Auto vor das Haus zu fahren? Aus dieser Perspektive könnte die Aufbereitung der alten Wohnviertel für den Tourismus perspektivisch auch die einzige Möglichkeit sein, die Hutongs zu erhalten.

Baum, Zierkirsche, Peking, China
Nach den traditionellen Hutongs besuche ich die zeitgenössische Architektur und beginne bei der Stararchitektin Saha Hadid.