Kunstdistrikt 798 / Dashanzi

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Ab der Subwaystation Dongzhimen nehme ich den Bus 909 Richtung Nordosten. Es dauert eine halbe Stunde, bis die gelbe Laufschrift verkündete: Dashanzi Lukou Nan. Gleich hinter der Bushaltestelle sehe ich den Eingang zum Kunstdistrikt.
Die großen Zahlen 798 führen mich in den Bezirk der Galerien, Boutiquen, Cafés und Events. 798 war die Nummer einer Fabrik der Rüstungsindustrie. Heute gehören viele ehemalige Industriegebäude zum Kunstdistrikt, aber es war das Gebäude 798, in dem 1997 die Nutzung durch die Kunst begann und die dem Bezirk den Namen gab.

China-0229Mit dem Betreten des Areals beginnt eine andere Welt. Junge Leute flanieren über das Gelände, sehen und werden gesehen. Sie pflegen diesen Habitus zwischen künstlerisch cool und jugendlich naiv. Es ist angesagt, Teil dieser Szene, dieser Kunstszene zu sein.

Der Industriekomplex Dashanzi wurde 1951
durch eine Kooperation zwischen China, der Sowjetunion und der DDR gegründet. Die Architektur wurde dabei maßgeblich von derChina-0263 DDR bestimmt, was einen damals in Deutschland und gerade auch in Ostdeutschland gängigen Baustil zur Folge hatte: den des Bauhauses. Diese Architektur mag dazu beigetragen haben, das sich Ende der 1990er Jahre die Künstler- und Galerienszene für die Räume interessierte und das Gelände zunehmend bevölkerte.

China-0267Auf dem Gelände stehen, liegen und hängen an allen Ecken Kunstwerke. Viele der Arbeiten zitieren Elemente sozialistischer Kunst. Die gestreckte Faust ist ein beliebtes Motiv, wenn sie sich auch vom Körper löst und für sich alleine ein Symbol bildet.
Die ausgestellten Kunstwerke regen dazu an, Gegenständen, die offensichtlich keine
Kunst sind, eine neue Bedeutung China-0252zuzuschreiben, sie als Objekte, als Kunst zu begreifen.China-0236-Bearbeitet

 

 

 

Ich entdecke zunehmend Dinge, deren temporäre Kunsthaftigkeit mich begeistert. Vieles wird Gestaltung, wird Kunst.

Art District Dashanzi, Beijing, China

Ein Ausstellungsraum, den ich betrete, heißt nicht Galerie, sondern Art Peking-0366Space – wahrscheinlich, da die Räume so viel Platz bieten. Sie zeigen die Ausstellung: Dialog ist nur ein Dialog. Sechs Künstler sind beteiligt. Welchen Dialog führen sie? Und wurde den Künstlern nicht gesagt, dass sie hier reichlich Platz zur Verfügung haben? Sie hängten Arbeiten in der Größe von 30 x 40 cm an eine Betonwand, die acht Meter hoch und zehn Meter breit war. Sicher, das war Konzept. Ein Peking-0367Dialog als Lehre der Gegensätze. Oder ein Dialog monochromer Flächen: Acryl im Gespräch mit Wandfarbe und Beton.

Andere Ausstellungen zeigen größere Arbeiten. Ein Raum wird bestimmt durch etwa zehn Meter hohe Betonsteelen, die vom Boden bis zur Decke reichten.

In der Amelie Galerie lese ich im Foyer einen Text der Leiterin Jessica Zhang. Peking_02Auf großen Transparenten in Chinesisch und Englisch wandte sich die Galeristin an junge Kreative. Sie schreibt darin, dass sie viele junge Leute sieht, die sich mit ganzem Herzen der Kunst hingeben. Diese Leidenschaft sei lobenswert, aber es ist viel blinder Optimismus dabei und der naive Glaube, dass der künstlerische Schaffensprozess bequem und romantisch sei.
Nach Kriterien gefragt, die für sie bei der Auswahl der Künstler*innen, mit denen die Galerie arbeitet, maßgeblich sind, schreibt Jessica Zhang: es müssen außergewöhnliche Ideen sein, die auf einem einzigartigen geistigen Fundament beruhen und unermüdlich von einer überwältigenden Neugierde auf die unbekannten Bereiche unserer Seele getrieben sind.

Eine der größeren Galerien ist Pace Beijing. Neben der hiesigen Galerie haben sie Häuser in England, Korea, Hong Kong und Kalifornien. Hier zeigt Pace gerade eine Ausstellung mit Arbeiten von David Hockney, handelt also mit den Superstars.

China-0265Das Ambiente des Kunstbezirks hat etwas von einer Kunstmesse. Die Besucher*innen wandeln von Galerie zu Galerie und sind wie ich darum bemüht, schon am Design der Plakate oder der Architektur eines PekingHauses abzulesen, ob sich ein Besuch lohnen würde. Das Angebot ist so vielfältig, dass man Entscheidungen darüber treffen muss, welche Ausstellung sich vielleicht nicht lohnt bzw. nicht dem eigenen Interesse entspricht.
Es gibt Eingänge, hinter denen sich ganze Passagen mit wieder einzelnen Läden auftun. Diese sind zwar nicht alle bespielt, doch zeigen sich auch dort immer wieder interessante Präsentationen.

Und ich bin nicht der Einzige, der Fotos macht. Eine Gruppe junger Männer scheint ein Fotoprojekt zu machen und diskutiert die Einstellungen, mit denen ein Kunstwerk aufgenommen werden sollte. Paare fotografieren sich gegenseitig vor Objekten oder Bildern.

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Jugendliche lassen sich porträtieren. Eine Zeichnung von einem Künstler aus Dashanzi ist etwas besonderes. Der Straßenkehrer verrichtet davor unbeeindruckt seine Arbeit. An anderer Stelle lassen Besucher*innen einen Scherenschnitt von sich anfertigen.

2015 hat das Goethe Institut eine Dependance auf dem Gelände eröffnet, einen Ort, wie es hieß. Es ist ein interdisziplinärer Kulturort, ein Ort, an dem ein breites Spektrum kultureller Veranstaltungen durchgeführt wird und der der Präsentation deutscher Kultur und dem interkulturellen Austausch dient.
Mit dem Ort im Kunstviertel 798 soll ein Bezug zur deutschen Beteiligung bei der Errichtung des Industrieviertels vor 64 Jahren hergestellt werden.

China-0342Über das Gelände schallt britischer Indie Pop. Als Gastland präsentiert Singapur seine Kunstszene auf einem mit weißem Gestänge abgetrenntem Gelände im Zentrum des Kunstbezirks. Junges Publikum wippt zu Rhythmen der Gruppe Take Two, die nicht nur ihrem Namen nach an Take That erinnern. Sie sangen: I’ve seen too many sunsets in the morning.Peking_02
In Boxen wird die Bildende Kunst Singapurs vorgestellt. Kleine, von einer Stehlampe beleuchtete Objekte sind in dunklen Räumen arrangiert. Figuren, die mir nichts sagen und Texte, die ich nicht verstehe. Kinder posieren vor gezeichnetem Interieur, festgehalten von den Smartphones der Eltern.

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Da Porzellangeschirr auf Englisch China heißt, werde ich über dieses Foto groß CHINA schreiben – als Wortspiel. Oder auch nicht. Das Porzellan wird auf der Ladefläche eines Pritschenwagens angeboten. Es ist nichts Besonderes dabei, passt aber für den Gebrauch in den Ateliers.

In einer abgelegenen Gasse sehe ich an die Wand gekleisterte Papierbahnen. Sie sind teilweise überschrieben und durch Regen und andere Witterungseinflüsse beeinträchtigt. Einige Schriftzeichen sind noch zu erkennen. Es handelt es sich um Peking-0421Worte des großen Vorsitzenden Mao Zedong: Die demokratische Diktatur des Volkes braucht die Führung durch die Arbeiterklasse… Die Texte stammen sicher aus der Zeit, als der Komplex noch industriell genutzt wurde.
In einer Galerie dann ähnliche Schriftzeichen auf rotem Grund. Die Papiere sind hier aber gerahmt und werden als Kunstobjekte verstanden.

Peking_02Neben den Galerien gibt es viele weitere Läden auf dem Gelände. Die Tourist*innen werden mit Andenken bedacht, die Intellektuellen mit Büchern, die Ästhet*innen mit Design und die Schickeria mit exklusiver Kleidung. Die Mode wird nicht nur angeboten, sie wird auch gekauft und getragen. Und es gibt die Restaurants, es gibt Cafés und Bars, gibt Imbisse, Eisbuden und Saftstände.China-0321

 

 

 

 

 

Auf dem hinteren Teil des Geländes befinden sich alte China-0336Fabrikanlagen. Die außerhalb der Gebäude sichtbaren Rohre und Leitungen, Türme und Schornsteine bilden ein Labyrinth verschachtelter vertikaler, horizontaler und diagonaler Linien. Die Kunst hat diese Gebilde bisher wenig in Beschlag genommen. Wenn, bilden sie den Background für eine Videoinstallation oder eine Performance.
China-0283In einer Fabrikhalle arbeitet eine Frau an einem Brennofen. Ich kann nicht erkennen, ob sie Dinge für die industrielle Produktion oder für eine künstlerische Arbeit herstellt. Hier ist beides möglich.

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Am Ende des Kunstdistrikts steht der Neubau von VW/Audi R&D Beijing. R&D steht für Research and Development / Forschung und Entwicklung. China ist für den Autohersteller der derzeit wichtigste Markt. Im neuen Gebäude sind Ingenieurbüros, Werkstätten und Labors untergebracht. R&D Beijing schreibt in einer Info: Die Lage im weltweit bekannten Künstlerviertel 798 Art District schafft eine kreative Atmosphäre. DasPeking-0343 ist sehr hilfreich für die Mitarbeiter, denn zu ihrem Arbeitsprogramm gehört das Definieren technischer Ansprüche für neue Produkte, Trendscouting und Design-Input.

Der im Eingangsbereich einer Galerie stehende VW-Bus aus den 1950er Jahren bildet eine Klammer zwischen der Gründungszeit des Industriegeländes , dem Kunstdistrikt und R&D Beijing.

Baum, Zierkirsche, Peking, ChinaDer Bericht zu Peking ist damit abgeschlossen. Ein Besuch der Chinesischen Mauer und die Reise in andere Städte Chinas werde ich später ergänzen.
Im Blog werde ich zunächst von einer Reise in de USA im Mai 2018 berichen.