Peking: in den Gassen der Hutongs

Hútong, Beijing

Hutongs sind Wohnviertel des alten Peking. Traditionelle Hofhäuser stehen dicht an dicht und bilden ein Gewirr von Gassen. In der Megastadt schaffen sie dörfliche Strukturen mit einer funktionierenden Nachbarschaft.
Aus der Vogelperspektive betrachtet stehen die Häuser so eng, dass man denkt, sie würden nicht einmal schmale Gassen zwischen sich bilden, sondern überhaupt kein Durchkommen zwischen ihnen möglich ist. Die Häuser scheinen sich fast ineinander zu schieben und bilden nach oben eine Fläche unterschiedlich großer Dächer.

Unten, zwischen den Häusern, sehe ich die dann schmalen Gassen und kann sie zwischen den Wänden der angrenzenden Häuser entlang laufen. Die Dächer der Häuser berühren sich dabei manchmal und überspannen auch die Gassen.

Durch offen stehende Eingangstüren fällt mein Blick auf weitere Gassen und Innenhöfe, die wieder von mehreren Häusern umgeben sind. Darf ich dort reingucken, darf ich hinein gehen? Die Höfe sind nicht ganz privat, da sie von mehreren Wohnhäusern eingegrenzt werden. Sie sind aber auch nicht öffentlich, da es der Hof der wenigen Häuser und ihrer Bewohner*innen ist. Ich entscheide, mir die Höfe von außen anzugucken, sie aber nicht zu betreten.

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Alltagsleben

Parallel zu den schmalen Gassen gibt es immer wieder größere Gassen oder Straßen, in denen auch Autos fahren. Diese Hauptwege bilden die Durchgangsstraßen und führen von einem Hutong zum nächsten. Die Zugehörigkeit zu einem Hutong wird von Häusern gebildet, die sich um einen Brunnen gruppieren. So entstand auch der Begriff Hutong, der Quelle bedeutet.
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In den Wohngebieten zeigt sich ein beschauliches Alltagsleben. Die Menschen sitzen vor ihren Häusern und freuen sich über die vorübergehende Nachbarin, um ein Schwätzchen zu halten. Die in Warnfarben gekleidete Straßenkehrerin macht eine Pause und es stört sich niemand daran, wenn die Pause ein halbes Stündchen länger dauert.

Ein Phänomen, dass überall China-0105auf der Welt zu beobachten ist, sehe ich auch hier in den Hutongs: die Frauen stehen oder sitzen in Gruppen zusammen, reden miteinander und betrachten das Geschehen um sich herum, während die Männer mit etwas beschäftigt sind.  Hier in Peking spielen sie Kartenspiele oder auch gerne Xiangqi, das chinesische Schach. Wenn sie nicht selber spielen, gruppieren sie sich um eine Gruppe Spielender.

Das Rollenbild von Männern scheint diesen zuzuschreiben, dass sie sich  in ihrem persönlichem Umfeld ihren Freizeitvergnügungen und ihren Interessen widmen können. Die Rolle von Frauen ist es dagegen, immer abrufbar zu sein und zu bleiben. Ob es wohl vorkommt, dass sich zwei Frauen zum Xiangqi-Spiel an die Straße setzen? Ich habe keine gesehen.

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Eine Domäne der Männer ist es oft auch, sich mit der Pflege und Reparatur von Autos oder anderen Fortbewegungsmitteln zu beschäftigen.
In den Hutongs sehe ich immer wieder kleine Dreiräder, Mopeds und Fahrräder, die am Straßenrand stehen. Mit ihnen werden Lasten mit verschiedensten Auf- und Anbauten transportiert. Einige dieser Lastenfahrzeuge scheinen nicht mehr bewegt zu werden. Die Luft fehlt in den Reifen und sie machen den Eindruck, dass sie hier schon lange Zeit stehen und auf die Verschrottung warten. Wahrscheinlich ist das Basteln an Fahrzeugen keine so angesagte Freizeitbeschäftigung.

Dörfer der MegastadtHútong, Beijing

Mit ihrer Intimität bieten Hutongs dörfliche Strukturen innerhalb einer Megastadt, die riesig, unübersichtlich und unbegreifbar ist. Das Vorhaben, Peking mit der Hafenstadt Tianjin und der Provinz Hebei zu verschmelzen und das mit 130 Millionen Einwohner*innen weltweit größte städtische Gebilde überhaupt zu schaffen ist der absolute Gegensatz zu den beschaulichen Hofhäusern.
Da die Hutongs ihren Bewohner*innen alles bieten, was sie zum Leben brauchen, kann ich mir vorstellen, das es Peking-1036einzelne Menschen gibt, die ihr Hutong noch nie verlassen haben. Wozu auch. Hier haben sie ihre Familie und die Nachbar*innen, ihre Arbeit und Läden, in denen sie einkaufen können. Und die Hutongs werden von der Staatsmacht vielleicht nicht in dem Ausmaß überwacht, wie es in modernen Wohnbezirken möglich ist.

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Der geringe Platz in den Gebäuden sorgt dafür, dass auf engstem Raum Dinge aufgereiht und gestapelt werden. Dinge des täglichen Bedarfs, Dinge, die man vielleicht nochmal gebrauchen kann und solche, die eigentlich weg können, aber für die es keinen Ort gibt, wohin sie entsorgt werden könnten.
Lässt sich der Ziegelstein nicht doch noch mal gebrauchen, auch wenn ein Stück abgeplatzt ist und eine Sperrholzplatte kann man doch bestimmt nochmal nutzen… Dazwischen hängt die Wäsche zum Trocknen.
Das Chaos wird immer wieder geordnet und durch die nächste Handlung wieder aufgelöst. Spiel des Lebens.

Der Zustand und die Struktur der Hutongs erinnert mich an Kolonien von Schrebergärten. Aber auch an alternative Wohnformen von Bauwagen-Siedlungen. Heute scheinen eher ältere und ärmere Bevölkerungsschichten in den Hutongs zu leben. Es ist aber gut möglich, dass sich das Bewusstsein ändert und es plötzlich sehr angesagt sein könnte, hier zu leben.

China-0439Strukturen der Hutongs

In früheren Zeiten gab es eine Rangordnung bezüglich des Standortes der Hutongs. Je dichter die Häuser dem Zentrum standen, desto feudaler waren sie. Die Hofhäuser hatten große Gärten sowie aufwendig geschnitzte und bemalte Dachbalken und Säulen. Hier lebten die reichen Kaufleute und hochrangigen Beamten. Je weiter der Hutong vom Zentrum entfernt war, desto geringer war die soziale Stellung der Bewohner*innen.
Heute sortieren sich die Bezirke anders. Es gibt noch die Hutongs, die ich in diesemHútong, Beijing Beitrag angesprochen habe. Hier lebt die Bevölkerung und die Häuser werden von den Bewohner*innen gepflegt. Dann gibt es Bereiche, die immer mehr verfallen und die abgerissen werden und es gibt die Regionen, in denen Hofhäuser renoviert und neu aufgebaut werden. Diese Regionen sind dann eher für den Tourismus aufbereitet.

Hutong

Ich werde mich in weiteren Beiträgen mit den Hutongs und deren Strukturen beschäftigen. Im nächsten Beitrag geht es zunächst um den Handel, um Läden, Restaurants und Cafes in den Gassen der Hofhäuser.