Nordkorea / 1. Ankunft

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Da es keine andere Möglichkeit gab und wir ohnehin einige Tage in Peking verbringen wollten, war es für uns absolut in Ordnung: der Flug nach Nordkorea musste über den Capital Airport von Peking erfolgen.
Air Koryo stand auf dem Flugzeug, das wir durch die Scheibe sahen. In der Abfertigung warteten neben Ralf und mir hauptsächlich Asiaten – wahrscheinlich Koreaner und Chinesen.

Nun reisten wir also wirklich in dieses abgeschottete Land. War es Abenteuerlust, der Reiz des Außergewöhnlichen, Neugier? Sicher sind dies immer Gründe, ein neues Land zu entdecken. Wir waren in den vergangenen Jahren in China, Japan und Südkorea – haben Nordkorea praktisch umrundet, um nun ins Zentrum zu rücken. Aber es war eben doch ganz anders. Es gab die Vorbehalte gegenüber dem Regime, Ängste, Repressalien ausgesetzt zu werden und das mentale Training, immer freundlich zu bleiben. Als Gast in einem anderen Land sollte man dies immer sein, aber hier stand der Wille dahinter, einem Überwachungsstaat keine Gelegenheit zu bieten, misstrauisch zu werden. Diese Haltung schafft Unsicherheit und die ist sicher auch gewollt.NK/1-Flug-02

Der Start des Flugzeuges verspätete sich, da das Flugfeld des Pekinger Flughafens total überlastet war. Wie warteten fast drei Stunden, bis es endlich in die Luft ging.
Der Flug verlief dann reibungslos.
Wie in allen Flugzeugen bestand auch das Personal dieser staatlichen nordkoreanischen Fluggesellschaft aus meist weiblichen, freundlichen und gut aussehenden Stewardessen. Ungewöhnlich war die Bordverpflegung: während Passagieren in Europa auf einem kurzen Flug ein Müsliriegel gereicht wird, ist es hier nicht etwa ein Schälchen koreanisches Kimchi, sondern ein Hamburger. Was war das für eine Aussage? Wir können nicht nur Bomben bauen, wie die Amerikaner, wir können auch so essen wie sie?!

Die Einreiseformalitäten waren schnell erledigt. Wir wurden gefragt, ob wir eine Kamera, einen Laptop oder Bücher dabei hätten. Mein E-Book interessierte keinen und das Löschen vieler Bücher im Vorfeld wäre nicht nötig gewesen. Auch die anderen technischen Geräte wurden durchgewunken – kein Blick in den Laptop. Ralf musste allerdings einen Reiseführer abgeben: Nordkorea – Geschichte, Kultur, Sehenswürdigkeiten von Arno Maierbrugger. Dieser wurde als kritisch eingestuft und die Mitnahme nicht geduldet. Erst später erfuhren wir, dass wir ihn bei der Ausreise hätten wieder bekommen können.

Wir wurden von Song San in Empfang genommen. Mit ihm warteten unsere zweite  Reisebegleiterin Ye Jin und Christian, ein Lehrer aus Nürnberg. Christian war schon einen Tag zuvor mit dem Zug gekommen – die andere Möglichkeit, von China aus einzureisen. Song San fragte uns, wie unsere Reise gewesen und ob alles gut verlaufen sei. Es war erstaunlich, wie gut er Deutsch sprach und wir mutmaßten, er habe einige Jahre in Deutschland gelebt, beziehungsweise sei dort aufgewachsen, da er überhaupt keinen Akzent hatte. Nein, er hatte Nordkorea noch nie verlassen und Deutsch nur über das Studium, das Lesen von Büchern und Gucken von deutsch synchronisierten Filmen gelernt. Ich hätte nicht gedacht, dass das in dieser Perfektion möglich ist.

Nordkorea-0009-BearbeitetMaike kam mit der nächsten Maschine, auf die wir gewartet hatten, da sich eine zwischenzeitliche Rückfahrt in die Stadt nicht gelohnt hätte. Sie war eine Softwareentwicklerin aus Berlin und komplettierte unsere kleine Gruppe.

So wurde es 21.30 Uhr, bis wir nach Pjöngjang reinfuhren und es war inzwischen dunkel. Die Dunkelheit verstärkte den Eindruck, in ein Land zu fahren, das anders und so unbekannt war. Vorsichtig machte ich einige Fotos. Noch wußte ich nicht, dass es für Song San und Ye Jin oder für die Nordkoreaner überhaupt kein Problem war, wenn Besucher∗innen Fotos machten.

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Der Hauptbahnhof wurde beleuchtet und es zeigten sich hier für uns erstmals die Portraits der Führer Kim Il Sung und Kim Jong Il, die wir in den nächsten Tagen so oft sehen sollten. Kim Il Sung, Staatsgünder und Ewiger Präsident Nordkoreas, war der Großvater des heutigen Obersten Führers und Marschalls Kim Jong Un. Der Vater, Kim Jong Il, bekam posthum die Titel des Ewigen Generalsekretärs und des Ewigen Vorsitzenden. Eine derartige Familiendynastie an der Spitze eines Staates ist – außerhalb von Monarchien – einzigartig.

Wie die Mehrzahl der ausländischen Gäste wurden auch wir im Hotel Yanggakdo International einquartiert. Auf einer Flussinsel gelegen, eignete es sich gut, Besucher∗innen zu separieren. Die Zimmer waren einfach, aber gut.

In diesem Hotel wurde auch der US-amerikanische Tourist Otto Warmbier festgenommen. Ihm wurde zur Last gelegt, ein Propagandabanner gestohlen zu haben und er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Warmbier wurde kurz nach unserem Nordkoreaaufenthalt frühzeitig aus der Haft entlassen, da er im Koma lag. Er starb wenig später in seiner Heimat. Der Fall erregte weltweit Aufsehen und beeinflusste auch meine gerade entwickelte Haltung, die aus der gemachten Anschauung ein gewisses Verständnis für die Strukturen Nordkoreas enthielt.

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Ich blickte aus unserem Fenster im 43. Stock. Vor mir lag Pjöngjang, nur wenige Häuser waren beleuchtet. Nach rechts blickend sah ich über dem Fluss ein hell erleuchtetes Gebiet. Dies musste der Kim-Il-Sung-Platz sein, städtebauliches und symbolisches Zentrum der Stadt. Wurden hier die Gebäude illuminiert oder gab es eine Veranstaltung? Auf der gegenüberliegenden Seite leuchtete die rote Fackel auf dem Turm der Chuch’e-Ideologie. Dazwischen schwarz und breit der Fluss.

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nochmal ins Foyer. Beim Einchecken haben wir kaum etwas gesehen und wir wollten uns umgucken, wo wir waren.
Die Halle war jetzt weitgehend leer. Nordkorea-0024-BearbeitetEs gab zwei kleinere Läden, die Andenken und Bücher für die Gäste verkauften. Die Bücher von und über die Kim-Dynastie gab es in mehreren Sprachen.

Als wir weiter schlenderten und Richtung Hotelausgang kamen, stand plötzlich Song San neben uns. Wie es uns gehe und ob wir etwas suchen würden. Nein, wir gucken uns nur um und werden auch bald schlafen gehen. Er schlenderte mit zurück zum Fahrstuhl und wünschte uns eine gute Nacht.

War es Zufall, dass unsere Reiseleitung vor uns stand, als wir uns dem Ausgang näherten, oder wurden wir tatsächlich derart genau beobachtet und überwacht? Wir waren uns nicht sicher, wie es einzuordnen ist.